Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.06.2019


TT-Interview

Neurologe Lalouschek: „Burn-out wird instrumentalisiert“

Burn-out ist jetzt ein von der WHO anerkanntes Gesundheitsproblem. Die Diagnose allein reicht dem Neurologen Wolfgang Lalouschek aber nicht: Das Verhältnis von Mensch und Arbeit muss geprüft werden.

Zu viel Arbeit ist nicht der alleinige Grund, warum Menschen ausbrennen. Die Arbeitsbedingungen und das Umfeld spielen eine wichtige Rolle.

© Getty Images/iStockphotoZu viel Arbeit ist nicht der alleinige Grund, warum Menschen ausbrennen. Die Arbeitsbedingungen und das Umfeld spielen eine wichtige Rolle.



Die WHO hat Burn-Out neu in den Diagnosekatalog ICD-11 aufgenommen und als gesundheitsschädliches Syndrom eingeordnet, das auf chronischen Stress am Arbeitsplatz zurückzuführen ist. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Lalouschek: Grundsätzlich halte ich das für einen guten Schritt. Wichtig ist, dass die richtigen Konsequenzen daraus gezogen werden. Wenn es nur als eineweitere Diagnose gesehen wird, die man mit Schlafmitteln und Antidepressiva behandeln soll, ist das die falsche Schlussfolgerung.

Welche wäre richtig?

Lalouschek: Man muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und das Verhältnis von Mensch und Arbeit in den Fokus stellen. Es gibt zunehmend eine Aufsplittung von jenen, die zuviel Arbeit haben, weil Stellen nicht nachbesetzt werden und jenen die keine Arbeit mehr haben. Diejenigen, die immer mehr arbeiten, werden durch Meetings und ständige Erreichbarkeit abgelenkt und ineffizient, sodass sie gefühlt nichts mehr weiterbringen und am Abend gefühlt nichts geschafft haben. Auf der anderen Seite ist vieles, was Menschen heute in ihrer Freizeit tun der Regeneration nicht förderlich — Fernsehen, Computerspiele, ständiges Smartphone usw.

Wolfgang Lalouschek ist Facharzt für Neurologie und systemischer Coach. Er leitet das Interdisziplinäre Gesundheitszentrum für Stressbewältigung und Burn-out „The Tree“ in Wien. Lalouschek ist Autor mehrerer Bücher zur Burn-out-Thematik.
Wolfgang Lalouschek ist Facharzt für Neurologie und systemischer Coach. Er leitet das Interdisziplinäre Gesundheitszentrum für Stressbewältigung und Burn-out „The Tree“ in Wien. Lalouschek ist Autor mehrerer Bücher zur Burn-out-Thematik.
- weinfranz

Im ICD-11 wird nur der Arbeitsplatz erwähnt. Wie steht es z.B. um mehrfachbelastete Menschen?

Lalouschek: Ich sehe Burn-Out als chronische Erschöpfung gepaart mit massiver Stressaktivierung aufgrund langandauernder Belastung. Da muss der Arbeitsbegriff nicht unbedingt als einziger hinein. Allerdings wird die zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft problematisch. Die Machtverhältnisse haben sich zu Ungunsten der Arbeitnehmer verschoben. Insofern ist die WHO-Definition strategisch gedacht durchaus berechtigt. Burn-Out ist ein Themenfeld, das stark instrumentalisiert wird. Arbeitgeber sagen gerne, dass Burn-Out nur die betrifft, die auch private Probleme haben

Warum haben sie unrecht?

Lalouschek: Wenn jemand unter massivem Arbeitsdruck und unter Druck des Arbeitgebers steht, Angst vor Benachteiligung und Kündigung hat, dann wird auch das Privatleben belastet. Und wenn es zur Scheidung kommt sagt der Chef: „Kein Wunder, dass der ein Burn-Out hat, er lässt sich ja scheiden." Das ist zynisch. Natürlich gibt es aber auch Patienten, bei denen das Problem im Privaten entsteht, z.B. weil sie noch einen Angehörigen pflegen

Wie viele Österreicher sind Burn-Out-gefährdet?

Lalouschek: Wir haben mit der BurnAUT-Gesellschaft eine epidemiologische Studie gemacht, die ergeben hat, dass sieben bis acht Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung bereits manifeste Burn-Out-Symptome zeigt. Das ist eine jahrelange Entwicklung und die Menschen holen sich oft viel zu spät Hilfe.

Wann ist es denn an der Zeit, Hilfe zu suchen?

Lalouschek: Bei länger andauernden Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit oder Antriebslosigkeit sollte man einen Arzt konsultieren. Nicht jede Erschöpfung ist auch ein Burn-Out. Wenn auf körperlicher Ebene alles in Ordnung ist, dann kommen psychosomatische und psychische Aspekte ins Spiel. Das Wichtigste ist, vorzubeugen.

Wie beugt man vor?

Lalouschek: Indem man immer wieder selbst und mit dem Partner reflektiert wo man im Leben steht. Wie geht es mir? Wie geht es uns und wo gibt es Handlungsfelder? Es geht darum, alle Lebensbereiche in Balance zu bringen. Wir brauchen Zeit für uns selbst, für Familie und Freunde und Zeit, uns zu regenerieren.

Die Rede ist von der Work-Life-Balance. Kann man Arbeit vom Leben trennen?

Lalouschek: Im besten Fall ist die Arbeit auch ein gutes Lebensstandbein. Viele Leute können sich das aber nicht aussuchen und für sie ist Arbeit eine Belastung. Führungsmängel, fehlende Wertschätzung, ständige Ablenkungen und Erreichbarkeit, unklare Aufgaben, Unfairness im Team und natürlich auch zuviel Arbeit sind häufige Burn-Out-Auslöser. Die Menschen laufen dann mit einem inneren Nein herum, haben aber die Sehnsucht Ja zu sagen. Ja, zu sinnvoller und effizienter Arbeit. Wenn die Arbeit Sinn macht, das Umfeld passt und wenn man ein „Wozu" hat, hält man auch über längere Zeit Stress aus.

Das Interview führte Theresa Mair

Heuer erkranken geschätzt 9287 Tiroler

Innsbruck —Im Laufe des heurigen Jahres werden in der Tiroler Gesamtbevölkerung ab 18 Jahren schätzungsweise 9287 Menschen ein Burn-Out erleiden, darunter deutlich mehr Frauen (6017) als Männer (3327). Das hat die Tiroler Gebietskrankenkasse auf Basis der deutschen Gesundheitsbefragung DEGSI errechnet.

„Im Wissen um die belastenden Situationen Betroffener hat die TGKK ein umfassendes Therapie-Angebot geschaffen — von den psychosozialen Beratungsstellen über die Psychotherapie bis zu speziellen Reha-Angeboten erhalten Tirolerinnen und Tiroler niederschwellig und wohnortnah Hilfe", sagt TGKK-Direkor Arno Melitopulos. Burn-Out-Prävention werde im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung (www.tgkk.at

2011 hat die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) ein Burn-Out-Präventionsprogramm geschaffen. Dieses ermöglicht den SVA-Versicherten unter Zuzahlung eines geringen, einkommensabhängigen Tagsatzes, eine Präventionswoche im Das Sieben-Hotel in Bad Häring zu absolvieren, sowie mehrere Auffrischungstage binnen zwei Jahren. Interne und externe Evaluationen haben nach SVA-Angaben ergeben, dass das definierte Ziel — Verbesserung des Wohlbefindens und Reduktion des Burnout-Risikos dadurch erreicht werden konnten. (thm)