Letztes Update am Mi, 05.06.2019 10:00

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Dem stillen Örtchen eine Stimme geben

Für uns selbstverständlich, aber für Menschen in Slums ist ein hygienisches Klo wahrer Luxus. Um Seuchen zu bekämpfen, setzt sich Jack Sim, Gründer der Welttoilettenorganisation, mit viel Humor für die natürlichste Sache der Welt ein. Das Lebensprojekt von „Mister Toilet“ wurde nun verfilmt.

„Mister Toilet“ Jack Sim rückt mit schrillen Aktionen das WC ins Bewusstsein.

© Mr. Toilet„Mister Toilet“ Jack Sim rückt mit schrillen Aktionen das WC ins Bewusstsein.



Von Beate Troger

Jack Sim springt über Klomuscheln, wickelt sich in Toilettenpapier und verkleidet sich als wandelndes WC. Wo auch immer der 62-jährige Singapurer mit dem fesselnden Lächeln auftaucht, dreht sich alles um menschliche Ausscheidungen. Doch hinter dem Klamauk steckt eine ernste Mission: Jack Sim hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für das stille Örtchen zu schärfen.

Entleeren, spülen, vergessen

Denn im Westen ist es rund um die Toilette im wahrsten Sinne des Wortes still. „Wir setzen uns drauf, entleeren uns und in dem Moment, wo wir die Spülung betätigen, haben wir schon wieder alles vergessen“, erläutert Sim. Er hat 2001 den Welttoilettentag ins Leben gerufen, der seither jedes Jahr am 19. November begangen wird. Sein Lebensprojekt ist Inhalt des Films „Mr. Toilet“, der zurzeit auf ausgewählten Filmfestivals läuft.

Weltweit spitzt sich die Lage zu. Laut UN-Angaben haben bis zu vier Milliarden Menschen keine eigene Toilette und damit keinen Zugang zu hygienisch sicheren WCs. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung muss mit jedem Klogang die Gesundheit gefährden.

Die Menschen urinieren in Flüsse oder verrichten das große Geschäft auf offener Straße. Sowohl in Slums am Rande von Millionenstädten als auch in ländlichen Gegenden bestehen öffentliche Toi­letten oft nur aus einem Loch im Boden. Bestenfalls sorgt ein Bretterverschlag für ein Minimum an Privatsphäre. Weit verbreitet sind auch so genannte „Hubschrauber-Klos“: Mangels Infrastruktur behelfen sich Groß und Klein mit Plastiksackerln, in die sie ihre Fäkalien entleeren und anschließend aus dem Fenster schmeißen.

In Mumbai ist der Fluss gleichzeitig öffentliches Klo und Badesee.
In Mumbai ist der Fluss gleichzeitig öffentliches Klo und Badesee.
- AFP

Das große Problem: Die Ausscheidungen landen in den Böden und kontaminieren das Trinkwasser. Die Ärmsten der Armen entkommen dem Teufelskreis kaum: Krankheiten und Seuchen breiten sich stetig aus und sind angesichts schlechter medizinischer Versorgung nicht zu bekämpfen.

Humor soll Schweigen brechen

„Weltweit sterben mehr Kinder an Durchfall-Erregern als an Malaria, HIV, Masern und Krebs zusammen“, schlägt Toiletten-Missionar Jack Sim Alarm. Die Prävention für Ruhr, Cholera, Typhus oder Darmtuberkulose wäre simpel: Eine Toi­lette mit Entsorgungssystem, das nicht in Kontakt mit Trinkwasser kommt, könnte Abhilfe schaffen.

Die Mission ist natürlich teuer: Mindestens eine Milliarde Dollar (ca. 900 Mio. Euro) bräuchte Sim, um der Menschheit zumindest hygienische öffentliche Toiletten bereitzustellen. Diese Gelder seien vorhanden, kritisiert er, aber mangels Bewusstsein werden sie falsch verteilt: „Wir fliegen zum Mars, aber es gelingt uns nicht, den Menschen ­hygienische Toi­letten zur Verfügung zu stellen.“ In Indien hätten etwa mehr Leute ein Smartphone als ein WC.

Die unhygienische Entsorgung von Fäkalien ist Ursache vieler Krankheiten.
Die unhygienische Entsorgung von Fäkalien ist Ursache vieler Krankheiten.
- AFP

Im Film sieht man Jack Sim auch durch die Straßen Tokios schlendern, wie er dort im Kontrast topmoderne Klos mit Intimspülanlage, integriertem Föhn und Radio inspiziert – und selbst testet. Mit schrillen Aktionen will der Aktivist das Schweigen brechen: „Denn das, worüber man nicht spricht, kann sich leider nicht verbessern.“ Humor ist für ihn der Eisbrecher, auch das oft verpönte Wort Sch.... spricht er unverblümt aus, während er auf weitere schockierende Klo-Fakten hinweist. Millionen Frauen und Mädchen fürchten, auf dem Weg zu öffentlichen WCs sexuell belästigt oder gar vergewaltigt zu werden. Aus Angst trinken sie viel zu wenig und unterdrücken den Harndrang oft stundenlang.

Für den Exzentriker, der es aus dem Armenviertel Singapurs zum Klo-Botschafter der Vereinten Nationen geschafft hat, zählt jeder kleine Schritt. Viele WC-Anlagen, die Sim mithilfe seiner NGO errichten lassen kann, eröffnet er selbst, inklusive Probepinkeln.