Letztes Update am Do, 06.06.2019 13:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Drogenbericht 2019

Heroin, Kokain und synthetische Drogen: Was in Europa im Umlauf ist

Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene greifen zu illegalen Drogen – und greifen mit „Darknet-Börsen“ und „Kokain-Callcenters“ auf neue Vertriebsmethoden zurück. Der europäische Drogenbericht 2019 berichtet auch, warum die US-Opioid-Epidemie mit Tausenden Toten bislang Europa nicht erreicht hat.

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Brüssel, Wien – Der riskante Heroinkonsum geht in Europa zurück. Die Kokainproblematik dürfte zunehmen. Mehr illegale Drogen werden beschlagnahmt. Die US-Opioid-Epidemie hat bisher nicht auf Europa durchgeschlagen, doch es gibt mehr hoch wirksame synthetische Opioide. Drogen sind vor allem eine Angelegenheit junger Erwachsener. Dies zeigt der am Donnerstag in Brüssel vorgestellte europäische Drogenbericht 2019.

Nichts ist einfach, schon gar nicht der Konsum illegaler Drogen. „Der aktuelle Bericht zeigt die komplexe Natur des europäischen Drogenphänomens“, erklärte Dimitris Avramopoulos, EU-Kommissar für Inneres, bei einer Pressekonferenz in Brüssel. Drogengebrauch ist immer von lokalen Gegebenheiten, kulturellen und sozialen Einflussfaktoren bestimmt.

Synthetische Drogen nehmen an Bedeutung zu

Alex Goosdeel, Direktor der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA/Lissabon), ergänzte: „Die Herausforderungen (...) nehmen zu. Es gibt nicht nur Anzeichen für eine erhöhte Verfügbarkeit etablierter pflanzlicher Drogen wie Kokain, sondern auch einen wachsenden Markt, auf dem synthetische Drogen und die Herstellung von Drogen innerhalb von Europa von zunehmender Bedeutung sind. Dies zeigt sich an den Problemen im Zusammenhang mit dem Konsum hochpotenter synthetischer Opioide, an neuen Herstellungsverfahren für MDMA (Ecstasy; Anm.) und Amphetamin sowie an den aktuellen Entwicklungen bezüglich der Verarbeitung von Morphin zu Heroin innerhalb der Grenzen Europas.“

Die EMCDDA geht davon aus, dass in der EU rund 96 Millionen Menschen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren zumindest einmal illegale Drogen eingenommen haben. Das sagt über die Drogenproblematik aber nichts aus, weil solche Zahlen keinen aktuellen Konsum widerspiegeln und Summationswerte nur zahlenmäßig beeindrucken können.

Illegale Drogen vor allem bei jungen Menschen Thema

Bei den Erwachsenen insgesamt (15 bis 64 Jahre) konsumieren 7,4 Prozent (24,7 Millionen Menschen) zumindest einmal im Jahr Cannabis (junge Erwachsene zwischen 15 und 34 Jahren 14,4 Prozent oder 17,5 Millionen Menschen). Ecstasy-Konsum innerhalb eines Jahrs haben nur 0,8 der Erwachsenen, aber 1,7 Prozent der jungen Erwachsenen, verwendet. Kokain innerhalb des vorangegangenen Jahres haben 1,2 Prozent der Erwachsenen, davon 2,1 Prozent bei den jungen Erwachsenen, benutzt. Hoch riskanten Heroin(Opioid)konsum haben derzeit rund 1,3 Millionen Menschen oder 0,4 Prozent der Erwachsenen in der EU, wovon rund 50 Prozent (654.000) in Substitutionstherapie sind.

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Aus diesen Daten wird klar, dass illegale Drogen vor allem ein Phänomen der Jugend und der jungen Erwachsenen sind. Dann wird der Konsum zu einem hohen Prozentsatz wieder eingestellt. Positiv ist die Entwicklung beim hoch riskanten Opioidkonsum. Das ist vor allem Heroin. „Hochrisiko-Opioidkonsum: der Heroinkonsum geht in den meisten Ländern zurück“, titelten die EMCDDA-Fachleute. „Laut den vorliegenden Trenddaten hat sich die Zahl der Heroin-Erstklienten von einem Höchststand im Jahr 2007 auf einen Tiefststand im Jahr 2013 mehr als halbiert und anschließend stabilisiert. Zwischen 2016 und 2017 ging die Zahl der Primärheroinkonsumierenden, die erstmals eine Behandlung aufnahmen in 16 der 27 Länder, für die Daten vorliegen, zurück.“ Das deckt sich auch mit den Entwicklungen in Österreich.

US-Epidemie schwappte nicht nach Europa über

Ein Überschwappen der US-Opioid-Epidemie mit Tausenden Todesfällen ist in Europa bisher ausgeblieben. Aber einige Quellen „weisen auf einen zunehmenden missbräuchlichen Konsum legaler synthetischer Opioide (wie beispielsweise Methadon, Buprenorphin und Fentanyl) hin“, heißt es im Europäischen Drogenbericht. Codein, Morphin, Tramadol und Oxycodon aus der Medizin vervollständigen das Bild.

In den USA wurde die Problematik vor allem durch die massenhafte Verschreibung von Opioid-Schmerzmitteln durch die Ärzte und die soziale Situation mit teilweise nicht existenter Krankenversicherung verursacht. Diese Randbedingungen fehlen in Europa.

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Doch es gibt offenbar zunehmenden Gebrauch höchst potenter und somit auch durch die schwierige Dosierung gefährlicher synthetischer Opioide (Fentanyl und -Derivate). Die illegale Produktion ist einfach – vieles kommt aus China –, der Transport ebenfalls. „Obgleich diese Substanzen in Europa derzeit nur einen kleinen Teil auf dem Drogenmarkt darstellen sind sie eine zunehmende Bedrohung, da ihr Konsum mit Überdosierungen und Todesfällen in Zusammenhang gebracht wurde. Elf neue synthetische Opioide wurden 2018 in Europa (...) festgestellt. Für die Herstellung von vielen tausend Straßendosen sind nur sehr geringe Mengen erforderlich, sodass diese Substanzen problemlos versteckt und geschmuggelt werden können“, stellte die EMCDDA fest.

Für Opiatabhängige ist die orale Substitutionstherapie durch den Arzt entscheidend für eine soziale und gesundheitliche Stabilisierung. Das verhindert auch Drogen-Todesfälle und Kriminalität. Im Durchschnitt sind in der EU 50 Prozent der Opioid-Abhängigen in Substitutionstherapie. Österreich ist mit diesem Wert klassisch durchschnittlich. In Frankreich (Spitzenreiter) beträgt dieser Anteil rund 85 Prozent, in Griechenland 70 Prozent. In Rumänien befinden sich nur acht Prozent der Betroffenen in einer solchen Behandlung, in Polen etwa 18 Prozent.

Social Media, Darknet-Börsen und „Kokain-Callcenters“

Kokain ist das in Europa beliebteste illegale Stimulans. Soziale Medien, Darknet-Börsen und innovative Vertriebsmethoden mit „Kokain-Callcenters“ und Schnellzustellung per Kurier, sind laut den EU-Drogenbeobachtern neue Trends. Der Konsum dürfte eher zunehmen. „Eine aktuelle Studie zu den Drogenrückständen im kommunalen Abwasser zeigte auf, dass es zwischen 2017 und 2018 in 22 von 38 Städten (...) zu Anstiegen bei den Kokainmetaboliten kam.“ Belgien, Spanien, die Niederlande und Großbritannien sind hier Hot-Spots.

Recht erfolgreich waren in Europa und in angrenzenden Staaten offenbar die Polizeibehörden bei ihren Drogenbeschlagnahmungen. „Über 104.000 Sicherstellungen von Kokain wurden in der EU im Jahr 2017 (98.000 im Jahr 2016) gemeldet, was 104,4 Tonnen der Droge entspricht (...).“ Das sei ein historischer Höchststand gewesen, schrieb die EMCDDA. Genügend Nachschub – vor allem aus Afghanistan – gibt es auch beim Heroin. 2017 wurden in der EU 5,4 Tonnen der Droge konfisziert. In der Türkei allein waren es 17,4 Tonnen, was die größte Menge innerhalb von zehn Jahren war. (APA)