Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 13.06.2019


Gesundheit

Lass dich nicht blenden

Die Sonne scheint und die Menschen strahlen. Doch sobald es um die guten und schlechten Eigenschaften von UV-Strahlung und Blaulicht geht, ist die Verwirrung groß.

Sonnencreme, Sonnenbrille, Hut und Schirm sollten zur Grundausstattung für Sonnenanbeter gehören.

© Getty Images/iStockSonnencreme, Sonnenbrille, Hut und Schirm sollten zur Grundausstattung für Sonnenanbeter gehören.



Wien – Der düstere Mai hat uns die Frühlingsstimmung verregnet. Umso glücklicher sind viele Menschen jetzt über das strahlende Wetter und folgen wie die Motten dem Licht. Aber war da nicht noch etwas?

„Rund um Licht und dessen Auswirkungen auf unsere Körper herrscht Verwirrung. Wir warnen vor UV-Strahlen, aber wir brauchen sie zur Vitamin-D-Synthese, also zur Knochenbildung. Wir warnen vor Blaulicht, aber der blaue Anteil des Lichts sorgt dafür, dass wir wach werden“, bringt Markus Gschweidl, Bundesinnungsmeister der Augenoptiker, die Zweifel auf den Punkt. Deshalb hat sich Gschweidl gestern in Wien mit dem Hautarzt Norbert Sepp (Ordensklinikum der Elisabethinen, Linz), dem Schlafforscher Gerhard Klösch (MedUni Wien) und Gregor Radinger vom Lichtlabor der Donau-Uni Krems zusammengetan. Gemeinsam klärten sie über Missverständnisse rund um UV-Strahlung und Blaulicht auf.

Kinderaugen schützen: 97 Prozent der Kinder tragen laut Gschweidl keine Sonnenbrille, ihre Eltern dagegen schon. Ihm zufolge lassen die Augen von unter Zehnjährigen aber 75 Prozent der UV-B-Strahlen durch. Bei 25-Jährigen seien es dagegen nur noch zehn Prozent. „Kein Wunder, dass 23 Prozent der lebenslangen UV-Belastung bis zum 18. Lebensjahr das Auge ­erreichen.“

Licht von der Seite: Zumindest für die Augen ist die Mittagssonne kaum ein Problem, sofern man das Licht mit Hüten und Sonnenbrille abfängt. Gegen seitlichen Lichteinfall am Vor- und Nachmittag bringt der Sonnenschutz aber kaum etwas. „Zudem wird bei seitlichem Lichteinfall die Strahlung durch die Hornhaut und Linse bis zu 20-fach verstärkt“, sagt Gschweidl.

Gestresste Augen: Auch das Thema Blaulicht sorgt für Unsicherheit. Zwar habe der blaue Anteil im Tageslicht positive Wirkung auf den Körper. Bei Blaulicht-Emissionen von Handy- und Computerdisplays sowie LED-Lampen kann man sich da aber nicht so sicher sein. „Es gibt Warnungen, wonach exzessive Blaulicht-Emissionen Augenschäden wie etwa die Makuladegeneration nach sich ziehen können.“ Andere Studien würden darauf hindeuten, dass normale LEDs und Displays unter der Schädlichkeitsgrenze liegen. Brillen mit Blaulichtfilter seien trotzdem sinnvoll. Laut Gschweidl vermindern sie den digitalen Augenstress, der die Augen blendet und müde macht.

Dick durch Blaulicht: Was den Schlaf-wach-Rhythmus betrifft, ist die Wirkung von Blaulicht sonnenklar. Die nächtliche Verwendung von Smartphone und Co. kann laut Gerhard Klösch zu Schlafstörungen und chronischem Schlafmangel führen. Nicht nur das. „Blauwelliges Licht unterdrückt nachhaltig die Melatonin-Ausschüttung. Ein geringer Melatonin-Spiegel begünstigt das Entstehen bestimmter Krebsarten, z. B. Brust- und Prostatakrebs, spielt aber auch bei der Entstehung von Diabetes 2 und krankhaftem Übergewicht eine Rolle.“ Die schädliche Wirkung zeige sich mitunter auch erst nach 15 bis 20 Jahren, sogar bei geringer Beleuchtungsstärke unter 20 Lux. „Wer vorhat, nach dem Nachtdienst zu schlafen, dem raten wir zu Blaulichtbrillen. Ansonsten sollte man untertags viel natürliches Licht in Form von Sonnenlicht genießen“, so Klösch.

Schmieren reicht nicht: „Der häufigste Satz, den ich von Patienten höre, ist: ,Ich schmiere mich eh ein!‘ Aber das schützt nur begrenzt“, sagt Norbert Sepp. Denn Sonnencreme wehre zwar UV-B-Strahlen 100-prozentig ab, nicht aber UV-A. „Der beste Schutz ist entweder ein mechanischer, z. B. ein Sonnenhut, oder das Verhalten, indem man die Sonnenstunden reduziert.“ Darüber hinaus sei Sonnenschutz nicht nur bei zarter Kinderhaut ein Thema. Die Haut vergisst nicht, sie merkt sich die Sonneneinwirkung: Viermal mehr 80-Jährige erkranken an weißem Hautkrebs als 40-Jährige.

Drinnen wie draußen: Viele Leute verbringen heute mehr als 90 Prozent ihrer Lebenszeit in geschlossenen Räumen. Für die Melatonin-Ausschüttung braucht der Körper allerdings abwechselnd hohe und niedrige Beleuchtungsstärken. „Im Innenraum bzw. aufgrund von Lichtverschmutzung in urbanen Gebieten können diese kaum erreicht werden“, sagt Gregor Radinger. Architekten stünden vor der Aufgabe, eine möglichst natürliche Raumbelichtung zu schaffen – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sich die Zimmer nicht zu sehr aufheizen. (thm)