Letztes Update am So, 16.06.2019 07:12

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Gicht ist so alt wie die Völlerei

Gicht gilt als die schmerzhafteste Gelenksentzündung überhaupt. Die Zahl der Erkrankungen steigt. Gicht ist aber auch eine Krankheit, der man mit einer gezielten Ernährung den Kampf ansagen kann.

Sehr häufig äußert
sich der erste Gichtanfall am Grundgelenk des Großzehs.

© iStockphotoSehr häufig äußert
sich der erste Gichtanfall am Grundgelenk des Großzehs.



Von Sabine Strobl

Schon in der Antike wurde Gicht als Wohlstandskrankheit derjenigen beschrieben, die bei Fleisch und Alkohol kräftig zulangten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Üblicherweise sind Männer häufiger betroffen als Frauen, die auch durch das Sexualhormon Östrogen mit einem gewissen Schutz rechnen können. So tritt der erste Gichtanfall bei Männern meist ab 40 Jahren auf, bei Frauen ab 55.

„Ein Gichtanfall schmerzt so sehr, dass Patienten sogar das Gewicht der Bettdecke unerträglich ist.“
Johann Gruber (Rheumatologe, Univ.-Klinik Innsbruck)

„Risikofaktoren gibt es viele. Ein wesentlicher Punkt ist, dass es sich bei Gicht um eine Erkrankung handelt, bei der Ernährung eine Rolle spielt. Man kann Gicht im Gegensatz zu anderen rheumatischen Erkrankungen mit der richtigen Ernährung bekämpfen“, erläutert Johann Gruber, Leiter der Rheumatologie der Inneren Medizin II an der Universitätsklinik Innsbruck. Gicht ist eine überaus schmerzhafte Form von Rheuma, die Gelenke und Weichteile angreift. Mit der Zeit lagern sich dort messerscharfe Harnsäurekristalle ab und lösen Entzündungen aus. Erhöhte Harnsäurewerte im Blutkreislauf gehen meist einem Gichtanfall voran. „Sie müssen aber noch nicht zwingend zu Gicht führen. Je höher die Harnsäurewerte aber sind, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, einen Gichtanfall zu bekommen“, erklärt der Rheumatologe. Man schätzt, dass in Österreich vier bis fünf Prozent der Bevölkerung erhöhte Harnsäurewerte haben. Infolge der schlechten Ernährungsgewohnheiten steigt die Zahl.

Ein Gichtanfall nach der Feier

Der erste Gichtanfall kommt meist überfallsartig in der Nacht. Typischerweise ist dabei das Großzehengrundgelenk betroffen. „Ein Gichtanfall kann so sehr schmerzen, dass schon das Gewicht der Bettdecke unerträglich ist“, so Gruber.

Bezüglich Ernährung sind die Richtlinien für Gicht klar. Wie der Experte festhält, ist die Ernährungsberatung gefragt. Mit der Umsetzung folgt dann der schwierige Teil. Der Alkoholkonsum sollte tunlichst reduziert werden. Vor allem Bier – auch alkoholfreies – enthält durch seinen hohen Hefeanteil viele Purine, die wiederum im menschlichen Körper zu Harnsäure abgebaut werden. Auch Säfte mit hohem Fructoseanteil erhöhen den Harnsäurespiegel.

Erwartungsgemäß haben Fleischesser die höchsten Harnsäurewerte, niedriger sind die Werte bei Fischessern und Vegetariern. Veganer, sowohl Männer als auch Frauen, weisen zum Teil höhere Harnsäurewerte auf als Fleischesser. Ein Grund dafür könnte im Verzicht auf Milchprodukte liegen. Denn Milch, Joghurt usw. scheinen sich als Schutzfaktor zu profilieren. Vitamin C wirkt ebenso positiv auf die Harnsäurewerte wie Kaffee.

Kein Bier, wenig Fleisch

Die Liste lässt sich fortsetzen. Süßes sollte kaum, Gemüse dagegen reichlich auf den Tisch kommen. Fleisch sollte nicht öfter als ein- bis dreimal pro Woche auf dem Speiseplan stehen. Wer gerne Fisch isst, muss wissen, dass Fischhaut viele Purine enthält. Viel Wasser trinken ist ein weiterer Ratschlag des Mediziners. „Bezüglich der Diät muss man sich wirklich gut beraten lassen. Das ist mir ein großes Anliegen.“

Neben der Ernährungsumstellung wird zu regelmäßiger Bewegung geraten und bei Fettleibigkeit, einem unterschätzten Risikofaktor, zu einer langsamen Gewichtsreduktion. Schnelles Abnehmen wäre wie so oft auch hier kontraproduktiv. Wie bei vielen Erkrankungen gibt es auch bei Gicht viele Ursachen. Neben Ernährung, Lebensstil, Umwelt und Geschlecht spielt auch die erbliche Veranlagung eine Rolle. Diese Gruppe kann durch die oben genannten Ernährungsratschläge der Gicht vorbeugen.

Für eine Diagnose stehen heute gute Methoden wie Ultraschall und Computertomografie (ohne Kontrastmittel) zur Verfügung. Mit einem Bluttest, der normalerweise erst einige Zeit nach einem Gichtanfall erfolgt, werden die Harnsäure- und Entzündungswerte untersucht. Zahlreiche Patienten nehmen für einen gewissen Zeitraum harnsäuresenkende Medikamente ein. Der Zielwert der Harnsäure beträgt bei Gicht sechs Milligram pro Deziliter Blut, bei Gicht mit Knoten fünf Milligramm.

All die Maßnahmen tragen dazu bei, dass die Gelenke weiter ihre Aufgaben erfüllen.




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