Letztes Update am Di, 18.06.2019 15:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Low-Carb, Intervallfasten und Co: Fitness-Tipps im Lügen-Check

Fitness-Magazine versprechen den Menschen, bis zum Sommer doch noch die perfekte Bikinifigur zu bekommen. Was steckt hinter den besonderen Workouts und Blitzdiäten?

Die Versprechen der unterschiedlichen Fitness-
Zeitschriften
klingen oft
 verlockend.

© Foto TT/Rudy De MoorDie Versprechen der unterschiedlichen Fitness-
Zeitschriften
klingen oft
 verlockend.



Von Manuel Lutz

In wenigen Wochen ist es so weit, der Sommerurlaub steht vor der Tür. Viele Menschen sind mit ihrer Bikinifigur jedoch noch nicht zufrieden, Blitzdiäten und besonders angepasste Workouts sollen die Wunschfigur, an der sonst Jahre gearbeitet wird, innerhalb kürzester Zeit bringen. Fitness-Magazine haben dafür monatlich andere Programme im Blatt. „Jedes Jahr fallen Frauen und Männer darauf rein. Es ist ein Schwachsinn, alles nur leere Versprechungen. Jetzt haben wir Juni, in sechs Wochen eine perfekte Bikinifigur zu bekommen, geht nicht. Das sind unseriöse Aussagen", stellt Sport- und Ernährungsmediziner Kurt Moosburger klar.

Vor allem der von vielen Männern angestrebte Sixpack ist ein Phantom und kann nicht so einfach erzielt werden: „Die Figur ist genetisch vorgegeben. Den Waschbrettbauch schaffen nur wenige. Und man braucht den auch nicht, um ein Topathlet zu sein. Viele Weltklassesportler haben auch keinen." Die Aufklärung ist dem Tiroler Internisten daher äußerst wichtig. Vor allem junge Menschen sollten nicht zu viel Wert auf die Optik legen, sondern den Fokus auf eine gesunde sportliche Betätigung. „Man sollte mit dem Ziel trainieren, die Fitness zu steigern, und nicht nur wegen der Optik ins Fitnessstudio gehen. Jeder kann sich verbessern, die Wunschform kann nur selten erreicht werden. Sowohl bei den Models wie auch bei den Titelfotos von Fitness-Magazinen sind gefakte Bilder zu sehen. Damit wird jungen Mädchen und Burschen der Kopf verdreht", möchte Moosburger Lügen aufklären.

Bedenklich sei der Griff zu Präparaten: „Unterhosenmodels und Schauspieler arbeiten mit dem Wachstumshormon und schwingen so die chemische Keule. Das Ganze ist ein Riesengeschäft und beruht auf ökonomischem Betrug."

Auch ältere Personen können in diesen Wahn verfallen. „Männer in der Midlife-Crisis oder Frauen in den Wechseljahren wollen wieder ausschauen wie früher. Der biologische Alterungsprozess holt jeden ein, die Figur verändert sich dabei. Das ist etwas Normales", so Moosburger. Ein weiterer gefährlicher Nebeneffekt des Fitnesswahns: Es kann zu einer Sucht werden sowie zu Depressionen führen. „Die Menschen machen Sport nicht, weil es ihnen gefällt, sondern weil sie einem Zwang unterliegen. Das ist nicht gesund." Ein Tipp: „Realistisch sein und sich langfristige Ziele setzen."

Fitness-Lüge 1

Die Behauptung: „Last Minute zur Strandfigur: Mit nur zwei Sessions à 30 Minuten pro Woche!"
Faktencheck: Die Idee, ein kurzes, intensives Training zu wählen, sei zweckmäßig: „Man kann in 30 Minuten ein sehr knackiges Training absolvieren. So quasi in letzter Minute die perfekte Bikinifigur zu erreichen, ist sehr fraglich, dies führt eher zu Frustration", so Moosburger. In einer halben Stunde können etwa 500 Kalorien verbraucht werden, bei diesem Workout würde das 1000 Kalorien pro Woche bedeuten. „Um ein Kilo Fettgewebe abzubauen, muss ein Energieminus von 7000 Kilokalorien erzielt werden." Um einen wirklichen Effekt zu bewirken, müsste das Workout mit einer Reduktionsdiät verbunden sein: „Da ist man bei dem intensiven Programm aber am Ende mit den Kräften. Der Fokus sollte auf den Kalorienverbrauch durch das Training gerichtet sein."

Fitness-Lüge 2

Die Behauptung: 1500-Kalorien-Tag.
Faktencheck: Intervallfasten, Low-Carb-Diäten und Entschlackungskuren sind im Trend. Rezepte, mit denen man sich „schlank isst", sind wie Sand am Meer zu finden. „Intervallfasten kann für übergewichtige Leute zweckmäßig sein. Mit 16 Stunden nicht essen lässt man eine Mahlzeit aus und spart so circa 500 Kalorien ein, das geht. Alles andere verringert die Lebensqualität", weiß Moosburger. Auf Kohlenhydrate zu verzichten, ist ein Humbug für den Mediziner: „Die meisten Menschen wollen sporteln, da braucht man eine vernünftige Kohlenhydratzufuhr. Sonst brennt man aus, weil man mit einem leeren muskulären Zuckerspeicher keine Leistung bringen kann. Niemand muss Angst haben, dass zum Beispiel Nudeln und Brot in Fett umgewandelt werden." Vor allem nach dem Sport ist ausgiebiges Essen wichtig.

Fitness-Lüge 3

Die Behauptung: Knack-Po und Super-Beine in Rekordzeit — das 4-Wochen-Programm für jede Figur.
Faktencheck: Dafür sollen lediglich vier Übungen mit einem Swiss-Ball (Gymnastikball, Anm.) reichen. Sowohl die kurze Dauer, bis der Erfolg zu sehen sein soll, sowie auch die Art des Trainings bringen Moosburger zum Kopfschütteln: „In vier Wochen schafft man das niemals, das ist sehr kurz. Die beste Übung sind tiefe Kniebeugen." Oft wird jedoch sogar die einfache Übung falsch gemacht bzw. falsch erklärt. „Die meisten machen die Kniebeugen zu wenig tief. Es heißt immer, man muss einen 90-Grad-Winkel erreichen, aber das ist falsch. Es müssen weniger als 90 Grad sein, nur so ist man wirklich weit unten mit dem Gesäß." Zudem können Kniebeugen mit Ausfallschritten kombiniert werden, beide Übungen sind auch für Oberschenkel und Rücken zu empfehlen.

Fitness-Lüge 4

Die Behauptung: In 6 Wochen 5 bis 10 Kilo weniger.
Faktencheck: „Absolut unseriös. Das wären 70.000 Kilokalorien. Ein Wahnsinn", rechnet Moosburger vor. Bereits drei Kilo seien heftig, dies könne nur durch wenig Essen funktionieren. Ein Kilo pro Monat wäre realistisch. „Die Waage braucht man nicht, der Erfolg ist, sobald der Hosenbund locker wird. Gewichtsschwankungen beruhen auf dem unterschiedlichen Wassergehalt des Körpers."

Fitness-Lüge 5

Die Behauptung: Breiter in vier Wochen.
Faktencheck: Während Frauen oft schnell abnehmen wollen, ist bei Männern das Ziel, Muskeln in kurzer Zeit aufzubauen. „In vier Wochen sieht man optisch nicht viel." Zwar kann man am Anfang schneller Erfolge erkennen, irgendwann kommt es aber zum Stillstand. „Dann trainiert man nur noch, um das Niveau zu halten. Einen Kilo Muskel nimmt man nicht so schnell zu."