Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 20.06.2019


Leistenbruch

Schmerzen nach der Operation: In der Leiste die Nerven schonen

Der Leistenbruch, auch Hernie genannt, ist eine der häufigsten Operationen. 2500 Tiroler sind pro Jahr betroffen. Nach einer OP bleiben oft chronische Schmerzen. Bei einem Symposium in Innsbruck suchen Experten nach Lösungen.

Der Leistenbruch, auch Hernie genannt, kann Männer jeden Alters treffen – vom Baby bis zum Greis.

© Getty Images/iStockphotoDer Leistenbruch, auch Hernie genannt, kann Männer jeden Alters treffen – vom Baby bis zum Greis.



Von Nina Werlberger

Innsbruck – Sie ist die körperliche Schwachstelle eines jeden Mannes – und zwar vom Baby bis zum Greis: die Leiste. Der Leistenbruch, im Fachjargon Hernie genannt, ist nicht umsonst eine der am häufigsten durchgeführten Operationen im Land. Nur die Blinddarm-OP wird noch öfter gemacht, berichtet der Tiroler Hernien-Experte Univ.-Prof. Dr. Thomas Schmid im TT-Gespräch. Bis zu 2500 Tiroler müssen sich wegen eines Bruchs an der Leiste jedes Jahr unters Messer legen, schätzt der Chirurg. Etwa 25.000 Operationen seien es österreichweit.

Ein Problem beim Leistenbruch sind nicht selten Schmerzen nach der Operation. Bei etwa 15 Prozent der Bruch-Patienten werden diese chronisch, sind also nach drei Monaten noch immer nicht abgeklungen, berichtet Schmid. Er veranstaltet morgen und am Samstag ein hochkarätiges Treffen von Hernien-Experten in Innsbruck, bei dem er das Thema Schmerzen ganz oben auf die Agenda gesetzt hat. Das chirurgisch-anatomische Herniensymposium findet bereits zum dritten Mal statt und wird am Sanatorium Kettenbrücke veranstaltet, wo Schmid gemeinsam mit einem Ärzteteam selbst operiert. Zuvor hat er mehr als 25 Jahre lang an der Innsbrucker Klinik die Hernienchirurgie aufgebaut und gelenkt.

Eine der großen Herausforderungen für die Operateure ist es, die Nerven im Bauchraum nicht zu verletzen. Dabei gibt es einiges zu beachten, denn es existieren gleich drei wichtige Nerven in der Leistengegend. „Die moderne Medizin kümmert sich um diese Nerven“, erklärt Schmid. Wird ein Nerv beschädigt, ist es nämlich nicht einfach, dies zu korrigieren. Vor allem Schmerzmittel und physikalische Übungen würden dann verordnet, auch die Infiltration der Nerven sei möglich und – als allerletztes Mittel – die Durchtrennung der Nerven.

Vorbeugen können Männer einem Leistenbruch übrigens nicht. Hernien kommen in jedem Alter vor. Nicht fest zu husten oder schwer zu heben, das alles helfe nicht, sagt der Professor. „Die Schwachstelle kommt irgendwann zum Tragen. Das lässt sich nicht verhindern.“ Der Grund dafür liegt in der Anatomie des Mannes: Die Hoden entwickeln sich im Bauchraum und wandern kurz vor der Geburt entlang des Leistenkanals in den Hodensack. Dabei drücken sie sich durch Wände hindurch, die sich gleich wieder schließen – aber was zurückbleibt, ist eine Schwachstelle im Bindegewebe.

Tritt eine Hernie auf, sollte eine OP nicht auf die lange Bank geschoben werden. Denn unbehandelt können solche Brüche durchaus gefährlich werden, etwa wenn es zu einer Einklemmung des Darmes kommt. „Eine Hernie soll man innerhalb von Monaten richten“, sagt Schmid.

Frauen können übrigens auch einen Leistenbruch erleiden, aber bei ihnen handelt es sich dann eigentlich um einen Schenkelbruch. 95 Prozent der Hernienpatienten sind somit Männer. Zum Fachgebiet von Thomas Schmid zählen auch Nabel- und Narbenbruch. Letzterer kommt gar nicht selten vor: Bei bis zu 20 Prozent der Patienten bricht laut Schmid nach einer OP das Gewebe um die Narbe.

Viel getan hat sich in den vergangenen Jahren bei den Operationsmethoden. Statt die Lücke bei einem Bruch zu vernähen, wie das etwa hundert Jahre lang gemacht wurde, bekommen Patienten seit den 90er-Jahren ein Kunststoffnetz eingesetzt. Das reduziert einerseits die Schmerzen. Andererseits erlitt bei der alten Methode noch fast jeder Dritte nach fünf Jahren wieder einen Bruch. Heute tritt eine Hernie im gleichen Zeitraum nur noch bei drei Prozent der Operierten erneut auf.