Letztes Update am So, 23.06.2019 07:07

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Königin Zirbe – ein Vorbild in Sachen Widerstandskraft

Die Zirbe ist nicht nur eine edle Erscheinung hoch oben in den Bergen. Sie macht uns vor, was Resilienz heißt, und wird für ihre beruhigende Wirkung geschätzt. Der Biologe Maximilian Moser hat den Schlaf im Zirbenbett untersucht und berichtet Erstaunliches aus dem Zirbenklassenzimmer.

Zirbenholz hat im Möbelbau in Tirol eine lange Tradition.

© iStockphotoZirbenholz hat im Möbelbau in Tirol eine lange Tradition.



Von Sabine Strobl

Ein paar Alpentäler weiter und schon ist das Volkswissen ein anderes. Der Physiologe Maximilian Moser berichtet von seinen Großeltern in Kärnten, die zur Hochzeit ein Zirbenholzbett geschenkt bekamen. Mit der Tiroler Volksmeinung, dass man in Zirbenbetten und Zirbenwiegen gut schlafe, war er aber vor seinen Studien nicht vertraut. Die Tiroler Landwirtschaftskammer trat vor einigen Jahren an Moser heran – er ist heute Leiter des Human Research Instituts in Weiz und Professor an der Medizinischen Uni Graz. Der Schlaf auf Zirbenholz sollte untersucht werden. Jeweils 90 Nächte im eigenen Bett, im Zirbenbett und im Holzdekorbett wurden verglichen. Das Ergebnis: Die Herzfrequenz sank im Zirbenbett, der Vagus, unser Erholungsnerv, wurde aktiviert, die subjektive Schlafqualität und Schlafeffizienz verbesserten sich.

Die Studie ist schon ein paar Jahre her. Neu ist hingegen das Buch „Die Kraft der Zirbe“, in dem Moser internationale Forschungsergebnisse zusammenfasst, Erdgeschichte Revue passieren lässt und für eine bessere Vorsorgemedizin plädiert. Erstaunliche Ergebnisse brachte auch eine Studie in Haus im Ennstal, wo für Schulkinder zwei Holzklassenzimmer eingerichtet wurden. Das heißt, die Möbel wurden aus Zirbe getischlert, Fichte und Tanne fanden in Decke und Wänden Verwendung. Sogar der Holzfußboden wurde nur geölt. „Wir haben die Kinder ein Jahr lang beobachtet. Im Laufe der Zeit wurde der Unterschied zu den anderen Klassen immer deutlicher“, sagt Moser. Die Kinder steckten den Stress, der sich im Laufe eines Schuljahres aufbaut, weg, während er in den Kontrollklassen anstieg. Wieder sank die Herzfrequenz in Holzumgebung und der Vagustonus stieg an. Außerdem gingen die Kinder sorgsamer mit ihrer Klasse um. „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“, sagt Moser.

Von Duft- und Heilstoffen

Es gibt noch weitere Studien, so etwa über Büroräume. Wie Moser die Ergebnisse über die Wirkung von Zirbenholz zusammenfasst, verbessert Zirbenholz den Schlaf, beruhigt Menschen und macht sie gelöster.

Die Zirbe ist ein alter Baum, der uns einiges über die heute so gefragte Resilienz lehrt. Sie gehört zur Gattung Pinus und entwickelte sich vor mindestens einer Million Jahren, vermutlich vor den letzten Eiszeiten. Eine Wetterzirbe kann tausend Jahre alt werden. „Sie sieht trotz ihres Alters immer frisch aus“, wie Moser sagt, und ist eine Meisterin der Widerstandskraft. Sie hält die Hitze eines Waldbrandes ebenso aus wie tiefe Temperaturen im Winter.

Sie kommt mit wenig Wasser aus, ist keine Einzelkämpferin, sondern lebt in Symbiose mit Pilzen und Flechten. Ihre Samen liebt der Tannenhäher, er sorgt damit für ihre Verbreitung. Die Nadeln, die in Fünferbüscheln angeordnet sind, werden in einem Jahrzehnt komplett ausgetauscht. Verdorrte Äste wirft sie ab. Mittlerweile wurden auch mindestens 125 Terpene, also Duft- und Heilstoffe, identifiziert. So weit ihr Steckbrief.

Zirbenspäne verströmen einen angenehmen Duft und finden etwa in Schlafkissen Verwendung.
Zirbenspäne verströmen einen angenehmen Duft und finden etwa in Schlafkissen Verwendung.
- iStockphoto

Ob Zapfen, Nadeln, Harz oder Holz, für den Menschen ist sie im Wohnbereich und für die Haus­apotheke vielfach nutzbar. Das zeigen auch einige Rezepte im Buch, vom Destillieren der ätherischen Öle über die Zubereitung von Salben mit Zirbenharz bis hin zum Zirbenkernpesto.

Das Ausbreitungsgebiet der heimischen Zirbe reicht von der Steiermark über Tirol, Norditalien, Süddeutschland bis in die Westalpen. Wie Moser sagt, steigt der Bestand der Zirbe, die doch sehr langsam wächst. Zwei Drittel des Bestandes sind heute Schutzwald. Und sie wird fleißig gepflanzt. „Was der Bison dem Prärieindianer war, kann die Zirbe für die heimischen Waldbauern werden“, stellt Moser fest. Die Wirkstoffe der Zirbe beruhigen übrigens nicht nur den Menschen, sondern halten auch Schädlinge im Zaum. So werden Zirbenzapfenextrakte in der Waldwirtschaft zum Schutz gegen Verblauungspilze angewendet.

Vom Klassenzimmer ist es nur ein kleiner Sprung in den Wald und in den Bereich der Vorsorgemedizin. „Derzeit ist Japan führend in der Holzforschung“, erklärt Moser. „Auch das so genannte ,Waldbaden‘ ist weltweit ein Hype.“ Grün, Sauerstoff und der Waldduft wirken auf den Menschen entschleunigend. „Wie Untersuchungen in mehreren Ländern gezeigt haben, spricht der Mensch positiv auf die Natur an. Nur wird er heute oft von der Natur getrennt. Also sollte man die Natur auch zu ihm hereinholen, mit Architekturmaterialien oder den ätherischen Ölen, die den Geruchssinn anregen.“ Der Wald scheint also für die Gesundheit des Menschen ebenso wichtig zu sein wie als Retter des Klimas.

 Die ätherischen Öle der Zirbe sind beliebt, auch ihre Nüsse finden Eingang in die Küche.
Die ätherischen Öle der Zirbe sind beliebt, auch ihre Nüsse finden Eingang in die Küche.
- iStockphoto

In der Medizin stehe immer noch die Behandlung von Erkrankungen, nicht die Erhaltung der Gesundheit, im Vordergrund, das zeige schon die Vergabe von Forschungsgeldern. Moser: „Wie sehr die Vorsorge in Zukunft in den Mittelpunkt rückt, wird stark von den Patienten abhängen.“ Derzeit werden in Österreich knapp zwei Prozent der Gesundheitsbudgets für die Präventivmedizin eingesetzt. Ziel sind drei Prozent.

Königin Zirbe

Die Zirbe entwickelte sich vor der letzten Eiszeit vor einer Million Jahren. Ein Zirbenbaum kann 1000 Jahre alt werden. Die Zirbe ist widerstandsfähig und kommt mit wenig Wasser aus.

Zwei Drittel der Zirbenbestände in Österreich sind Schutzwald.

Die Zirbe wird auf ihre heilende Wirkung untersucht. Sie verbessert den Schlaf und beruhigt den Menschen.

Buch: Maximilian Moser, „Die Kraft der Zirbe“, Servus, 220 Seiten

Wobei Moser hier Initiativen wie der „gesunde“ Apfel zur Jause zu wenig sind. Kuren sollten nicht in Richtung Reha umgemünzt werden. Außerdem wäre für Ärzte ein Abrechnungsmodell interessant, das auf Vorsorgemedizin ausgerichtet ist.

In der Krebsforschung wird die Wirkung der Nadelhölzer bereits untersucht. Doch insgesamt gewinnt die Erforschung der heimischen Pflanzenwelt an Stellenwert. „Hier kommt es immer wieder zu überraschenden Entdeckungen“, erklärt Moser. Der Fokus wird dabei in Zeiten zunehmender Resistenzen gegenüber Antibiotika auf die Gesamtwirkung von natürlichen Extrakten und nicht auf die Einzelwirkung eines Pflanzenstoffs gelegt.

Vielleicht wachsen die Antibiotika der Zukunft in unserem Wald.