Letztes Update am Mi, 26.06.2019 10:36

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Therapie mit Exoskelett: Ein Schritt zurück ins gewohnte Leben

Vor allem Menschen, die nach einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt sind, träumen davon, wieder laufen zu können. Mit dem so genannten Exoskelett erfüllt sich dieser Wunsch. Auch nach einem Schlaganfall oder bei multipler Sklerose wird der Anzug für die Therapie eingesetzt.

Gregor Demblin gründete die Initiative tech2people. Dadurch wurde in Wien das erste österreichische Therapieprogramm mit Exoskelett ins Leben gerufen.

© APAGregor Demblin gründete die Initiative tech2people. Dadurch wurde in Wien das erste österreichische Therapieprogramm mit Exoskelett ins Leben gerufen.



Von Manuel Lutz

Das unbeschreibliche Gefühl, wieder laufen zu können, verbindet Anna Reiter und Gregor Demblin miteinander, denn nach Schicksalsschlägen sind beide auf den Rollstuhl angewiesen. Reiter hatte im Mai 2015 einen Radunfall und ist seither gelähmt. Bei Demblin ist das Unglück schon länger her, vor 24 Jahren wollte der heute 42-Jährige bei seiner Maturareise ins Wasser springen und zog sich folgenschwere Verletzungen an den Halswirbeln zu. Endlich können sie wieder selbst auf den Füßen stehen und Schritte machen. Eine 27 Kilo schwere mechanische Stützstruktur, die wie ein Außenskelett fungiert, macht es möglich.

Schritte nach über 20 Jahren

„Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben und auch im Rollstuhl alles erreicht. Sowohl privat als auch beruflich“, ist der vierfache Familienvater voller Lebensfreude. Das einzige Manko: „Nicht mehr gehen zu können.“ Eine Recherche im Internet ließ den Unternehmer vor etwas mehr als sechs Jahren anfangen zu träumen. „Ich habe Protoypen von einem Exoskelett gesehen. Damit können querschnittsgelähmte Personen wieder Schritte machen. Ich dachte, ich muss das probieren, das ist fantastisch.“

Demblin ist von den Schultern abwärts gelähmt, da auch in den Beinen keine Restfunktionen mehr vorhanden sind, hieß es, seine Einschränkung sei zu hoch und der Wunsch es zu versuchen wurde ihm ausgeredet. Zu Unrecht – Demblin gab nicht auf. „Ich hab’ dann in Deutschland den ersten Europäer gefunden, der sich privat ein Exoskelett gekauft hat.“ Am 17. Juli 2017 war es dann so weit, Demblin sollte nach über 20 Jahren wieder ohne seinen Rollstuhl einen Weg zurücklegen. „Ich habe gesehen, dass es geht, und knapp 500 Schritte gemacht“, ist er auch heute noch im Freudentaumel. Vor allem das Wohlbefinden wurde im Nu besser: „Es hat Auswirkungen auf den ganzen Körper, man spürt, wie die Organe wieder an die richtige Stelle rutschen. Schmerzen und Verspannungen gehen weg und es gibt viel mehr positive Auswirkungen als gedacht.“

Durch regelmäßige Therapieeinheiten mit dem Exoskelett merkte Demblin, wie es bei ihm gesundheitlich bergauf ging: „Ich brauchte keine Antibiotika mehr und hatte keine Verdauungsprobleme. Da merkt man, wie schlecht das ständige Sitzen ist.“ Dieses neue Lebensgefühl wollte er mit Menschen mit dem gleichen Schicksal teilen. „Wir wollten aber keine Therapie für Reiche entwickeln, sondern eine für jeden.“

Anna Reiter mit dem Exoskelett.
Anna Reiter mit dem Exoskelett.
- Anna Reiter

Mit Hilfe von vielen Sponsoren konnte in Wien ein Therapiezentrum eröffnet werden, aktuell stehen zwei Exoskelette zur Verfügung. Eines kostet stolze 150.000 Euro. Bereits 100 Patienten wurden schon therapiert, es kommen laufend neue Anmeldungen hinzu. Eine davon ist Reiter.

Seit gut einem halben Jahr ist sie im Zwei-Wochen-Takt in Wien in der Praxis, die Anreise aus Steyr nimmt sie dafür gerne in Kauf. „Ich habe relativ viele Muskelkrämpfe, nach der Therapie hab’ ich eine Ruhe, da sich alles entspannt. Ich schlafe auch viel besser“, schildert die 26-Jährige.

Der innovative Anzug ist jedoch nicht nur für Menschen mit einer Querschnittslähmung geeignet, wie Demblin anmerkt: „Das Exoskelett wird auch bei Patienten mit multipler Sklerose sowie nach Schlaganfällen eingesetzt. Durch diese Behandlung hat man schneller Erfolg als normal.“ Das Projekt droht ins Stocken zu geraten, da das Kapital knapp wird. „Um kos­tendeckend zu arbeiten, müssten wir 200 Euro pro Therapie verlangen, aber aktuell bieten wir sie für 90 Euro an. Wir sind dringend auf der Suche nach Geldgebern.“

Der Weg zurück ins Leben

Für Reiter und die vielen anderen Patienten wäre eine Einstellung der Behandlung eine Katastrophe. Denn die kleinen Wegstrecken, die sie bereits zurücklegt, sind „ein Schritt zurück ins Leben“. Am 5. Mai hätte sich im Rahmen des Wings for Life Run – ein weltweit stattfindender Wohltätigkeitslauf – ein Traum erfüllen sollen. Die biomedizinische Analytikerin wollte als erste Frau mit einem Exoskelett an den Start gehen. Das schlechte Wetter machte ihr aber einen Strich durch die Rechnung. „Ich war enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Seit meinem Unfall war ich mit dem Rollstuhl immer dabei.“ Auch Demblin, der 2018 seine Premiere mit dem Anzug bei dem Lauf feierte, musste passen.

In der Schweiz war das Wetter besser, Lorenz Schwärzler und Michael Hagmann erfüllten sich den Traum und nahmen bei dem Lauf teil. Beide leiden an Mobilitätseinschränkungen. Mit dem MyoSuit, einem Exomuskel für die Beine, entwickelt an der ETH Zürich, konnte das Vorhaben realisiert werden.