Letztes Update am So, 30.06.2019 08:41

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Gemeinwohl-Ökonomie: Ärmel hochkrempeln für Umwelt und Menschen

Die Gemeinwohl-Ökonomie versucht sich an einem Wirtschaftssystem, in dem das Wohlergehen der Menschen und des Planeten besonders berücksichtigt werden sollen. In Tirol hat sich schon eine Reihe von Unternehmen diesem Ansatz verschrieben und es gibt regionale Zusammenschlüsse, welche im Sinne des Gemeinwohls bilanzieren.

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Von Theresa Mair

Die einen sorgen sich um die Bienen, die anderen stellen sich in den Dienst für saubere Meere. Es gibt Initiativen für eine plastikfreie Umwelt und gegen die Abholzung der Wälder. So betrachtet droht die Erde an einem Multi­organversagen zu sterben und man weiß gar nicht, wo man zuerst mit Rettungsmaßnahmen beginnen soll. Zumal nicht nur die Umwelt an vielen Stellen krankt, sondern in der Folge auch die Menschen. Stress greift um sich.

Ein Versuch, nicht nur an einzelnen Wunden herumzudoktern, sondern die Umwelt mit ihren Bewohnern ganzheitlich zu betrachten, ist das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Seit 2013 in Tirol vertreten, findet der Ansatz eines radikal sozialen und ökologischen Wirtschaftssystems auch hierzulande mehr und mehr Anhänger. 2017 wurde die Regionalgruppe der österreichischen GWÖ in den Landesverband umgewandelt.

Schöne neue Welt

„Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind wir gut unterwegs. 40 Tiroler Unternehmen und Organisationen haben bereits zumindest einmal eine Gemeinwohl-Bilanz gemacht“, sagt Manfred Blachfellner, Koordinator des „Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie Tirol“.

Deren Vision in Sachen Umweltschutz mutet zunächst utopisch an. Die Landwirtschaft bewahrt demnach die natürliche Lebensgrundlage, aus den Flüssen kann man trinken, die Meere sind sauber, die Dörfer lebendig, die Städte grüner. So ist es auf der offiziellen Homepage www.ecogood.org nachzulesen. Gemeinwohl ist eine Frage der Haltung. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist da. Die Bereitschaft, dafür die Ärmel hochzukrempeln, offenbar auch.

„Das Regionalmanagement in Osttirol hat die Gemeinwohl-Ökonomie wohlwollend aufgenommen. Die Form der regionalen Wirtschaftsentwicklung unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Wirkung passt in seine Strategie hinein.“

Schritt für Schritt grüner

Doch auch in Imst sowie in Kuf­stein und Umgebung findet die GWÖ Anklang. In der Festungsstadt haben sich z. B. die Wasserwerke, in Wörgl die Stadtwerke angeschlossen. Der TVB Wilder Kaiser will Nachhaltigkeit in den Tourismus bringen.

Nicht zu vergessen Betriebe vom Installateur über die Bäckerei bis zum Biokosmetikunternehmen sowie Organisationen wie z. B. die Lebenshilfe Tirol, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Im Gegensatz zu Deutschland, Vorarl­berg und den GWÖ-Pionieren im Vinschgau – Vorzeigebeispiel ist das pestizidfreie Mals – hat sich in Tirol bisher aber noch keine Gemeinde der GWÖ verschrieben.

GWÖ-Unternehmen bilanzieren nach einem eigenen Modell, Matrix genannt, welches ständig weiterentwickelt wird. Derzeit aktuell ist die „Matrix 5.0“. Kleinbetriebe haben die Möglichkeit, eine Kompaktbilanz abzuschließen, die 20 Themen abfragt. Größere Firmen machen eine inhaltlich detailreichere Vollbilanz, deren Erstellung man in Workshops lernen kann.

Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheiden sind Werte, die in der Bilanz in Bezug auf alle so genannten Berührungsgruppen – vom Lieferanten über Geldgeber, Mitarbeiter und Kunden bis zum Umfeld, abgefragt werden.

„Im Öko-Bereich geht es um die Verwendung von Geldmitteln für ökologische Belange, Sanierungen, um ökologischen Schaden abzuhalten.“ Es sollen auch die Mitarbeiter zu ökologischem Verhalten angeregt werden. Das funktioniert z. B., indem Öffi-Pläne bei den Arbeitszeiten berücksichtigt, Car-Sharing zur Verfügung gestellt werden oder es mehr Fahrradständer gibt. Mit Blick auf die Verwendung von Produkten beim Kunden legt man „besonderen Wert darauf, dass sich die Teilnehmer mit der Reduktion von Rohstoffen aus Erdölerzeugung auseinandersetzen“, sagt Blachfellner. Alternativen zu finden, sei aber gar nicht einfach.

„Die Seifenmanufaktur im Ötztal verpackt etwa in Zirbenkisteln, die von der Lebenshilfe hergestellt werden. Das ist ein Glücksfall.“ Überprüft wird die Bilanz letztlich von Auditoren, die der Betrieb nicht selber beauftragen darf. Ein Stufensystem, das bei der Einhaltung der Gesetze beginnt, motiviert zur schrittweisen Verbesserung. Die GWÖ richtet sich zudem nicht nur an Firmen. In „Enkeltauglich leben“-Kursen, kann jeder mit kleinen Projekten die Welt ein bisschen grüner machen.