Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 11.07.2019


Gesundheit

Krank im Hotelbett: Das Phänomen “Leisure Sickness“

Viele Erholungssuchende werden ausgerechnet im Urlaub krank. Das Land Tirol will nun die Erforschung der so genannten „Leisure Sickness“ mit 150.000 Euro fördern.

Aus der Traum vom erholsamen Urlaub. Wenn man in der schönsten Zeit des Jahres krank wird, trübt dies auch die Erinnerung an die Reisedestination.

© iStockphotoAus der Traum vom erholsamen Urlaub. Wenn man in der schönsten Zeit des Jahres krank wird, trübt dies auch die Erinnerung an die Reisedestination.



Von Theresa Mair

Innsbruck – Da träumt man über Monate von Sonne, Hängematte, Spaß und bunten Cocktails mit Schirmchen und bekommt dann: Kopfweh, Schnupfen und eine Aspirin-Brause im einsamen abgedunkelten Hotelzimmer. Urlaubsträume sind schnell Schäume, wenn einen die so genannte „Leisure Sickness“ befällt. Gemeint ist das Phänomen, wenn man zu Urlaubsbeginn oder an den Wochenenden von grippeähnlichen Symptomen und/oder Kopfschmerzen heimgesucht wird.

Die Wissenschafter am Institut für Sport-, Alpinmedizin und Gesundheitstourismus (ISAG) an der UMIT in Hall beschäftigen sich bereits seit geraumer Zeit mit dem Auftreten der „Freizeitkrankheit“. Dabei ist diese genau genommen kaum weiter bestimmt. „Leisure Sickness ist noch nicht genau definiert. Es gibt auch keine Codierung nach dem ICD-10-Diagnosekatalog. Man weiß auch nicht genau, wie viele Menschen betroffen sind und welche dafür besonders anfällig sind“, sagt Cornelia Blank, Gesundheitswissenschafterin an der UMI­T. Aber es gibt Hinweise.

Im Jahr 2017 haben 26 Prozent der deutschen Bevölkerung über 18 Jahre in einer umfragebasierten Studie der Internationalen Hochschule Bad Honnef (Deutschland) mit der Haller Gesundheitsuni angegeben, an mindestens zehn Wochenenden des vergangenen Jahres und/oder in den letzten drei von fünf Urlauben unter den genannten Symptomen gelitten zu haben. Das ist immerhin jeder Vierte.

Mit insgesamt 150.000 Euro finanziert nun das Land Tirol ab 2020 drei Jahre lang eine Post-Doc-Stelle an der UMIT, die „Leisure Sickness“ genauer untersuchen soll. Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg erhofft sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil für den aufstrebenden Gesundheitstourismus im Land. Die Ergebnisse könnten aber auch den Einheimischen, etwa in Form von Angeboten der betrieblichen Gesundheitsförderung, zugutekommen. „Wenn man krank wird, verbindet man das oft mit der Destination, obwohl das Gastland und das Hotel überhaupt nichts dafür können. Das ist schade“, sagt Blank.

Die Projektgruppe möchte mit der Hilfe der Tiroler Hoteliers erheben, wie viele Gäste tatsächlich krank werden, und diese, wenn vom Touristen gewünscht, kontaktieren. Mit zielgruppenspezifischen Fragebögen sollen dann mögliche Risiko- und Schutzfaktoren für „Leisure Sickness“ erhoben werden.

Ziel ist, dass Touristiker und Unternehmen auf dieser Basis für ihre Gäste bzw. Mitarbeiter Erholungs- oder Präventionsangebote nach Maß zusammenstellen können.

Indizien und Vermutungen über Ursachen für die Freizeitkrankheit und Risikogruppen gibt es bereits viele. „Das Immunsyste­m könnte eine Rolle spielen, wie auch die Persönlichkeit, das Stresslevel oder das Freizeitverhalten“, sagt die Gesundheitsexpertin. Wenn der Körper nicht mehr unter ständigem Strom steht, kann es sein, dass er die Abwehr herunterfährt, und Krankheitserreger haben leichteres Spiel. Längst sei aus anderen Studien bekannt, dass sogar Herzinfarkte vermehrt an Wochenenden und im Urlaub auftreten.

In der – bisher noch nicht publizierten – Untersuchung von 2017 zeichnete sich ab, dass vor allem jene Menschen anfällig für die Freizeitkrankheit sind, die schlecht abschalten können und ständig erreichbar sind – also die „Arbeitstiere“. Überraschenderweise sind aber auch jene vermehrt betroffen, die ihre Freizeit überhaupt nicht planen. „Es wird nicht helfen, nur in der letzten Woche vor dem Urlaub weniger zu arbeiten und den Stress herunterzufahren. Es geht um die gesamte Work-Life-Balance. Der Körper braucht auch einmal das Nichtstun, um die Batterien aufzuladen. Das haben wir verlernt.“

Entsprechend schützend könne es sich auswirken, nicht immer erreichbar zu sein, aber auch die Freizeit und den Feierabend entsprechend zu strukturieren, ohne diese komplett zu verplanen. Als Aktivitäten würden sich vor allem solche eignen, die im Kontrast zur beruflichen Tätigkeit stehen. Jemandem, der kopflastig arbeitet, würde es guttun, wenn er sich in der freien Zeit körperlich auspowert. Umgekehrt sollten sich Personen, die im Job physisch stark beansprucht werden, bei einem Buch oder bei einer kreativen Tätigkeit entspannen.