Letztes Update am So, 14.07.2019 07:24

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Die nicht ganz so geheimen Gesundheitsakten der Politiker

Nach drei Zitteranfällen war die Sorge um Angela Merkel groß. Immer wieder wird die Gesundheit von Politikern öffentlich diskutiert und manchmal gezielt von politischen Gegnern eingesetzt.

Alexander Van der Bellen (r.) legte seine Gesundheitswerte im Wahlkampf offen. Auch die Behinderung von Norbert Hofer war ein Thema.

© ReutersAlexander Van der Bellen (r.) legte seine Gesundheitswerte im Wahlkampf offen. Auch die Behinderung von Norbert Hofer war ein Thema.



Von Matthias Christler

Der nicht unwichtige Besuch des neuen ukrainischen Präsidenten in Deutschland, die Angelobung der Justizministerin oder der Empfang des finnischen Ministerpräsidenten – alles rückte in den Hintergrund: „Sorge um die Kanzlerin. Das sagen Ärzte zu Merkels Zittern“ (Bild), „Was passiert mit der Kanzlerin?“ (La Repubblica), „Ängste um die Gesundheit Merkels“ (Financial Times) und viele ähnliche Schlagzeilen rund um die Welt interessierten sich nicht mehr für die Politik Merkels.

Angela Merkel sprach nur kurz über ihre Zitteranfälle.
Angela Merkel sprach nur kurz über ihre Zitteranfälle.
- dpa

Wichtig war, warum sie ihre sonst so sorgsam gefalteten Hände bei drei öffentlichen Auftritten nicht mehr unter Kontrolle hatte. Zuletzt am Mittwoch. War es die Sorge um einen Menschen, der sonst auch nach Marathonsitzungen scheinbar unermüdlich vor die Kameras tritt? Oder ist es der Versuch, eine Schwäche bei einer der mächtigsten Politikerinnen der Welt auszumachen, um noch schneller an ihrem politischen Ast sägen zu können?

Schmutzige Wahlkampf-Waffe

Auf jeden Fall wird die Gesundheit, eine eigentlich private Angelegenheit, zum Politikum. Zu beobachten war das ebenso kürzlich beim Treffen von Donald Trump und Kim Jong-un. Der US-Präsident sagte über den nordkoreanischen Machthaber, dass dieser „sehr gesund“ ausgesehen habe. Kommentatoren in den USA zeigten sich weniger begeistert über den übergewichtigen und rauchenden Kim.

Theresa May geht offen mit ihrer Diabetes-Erkrankung um.
Theresa May geht offen mit ihrer Diabetes-Erkrankung um.
- POOL

Die Gesundheit zu thematisieren, ist keine neue Erscheinung. „Das gab es schon in alten Hochkulturen oder der europäischen Monarchie“, sagt die Innsbrucker Politikwissenschafterin Lore Hayek: „Wenn man mit einem Monarchen nicht zufrieden war, hat man etwas gesucht, um ihn als ,unfit to rule‘ zu deklarieren, als jemanden, der seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.“ Es gab zwar den einen oder anderen Versuch, die beiden Zitteranfälle politisch zu nutzen, aber Merkel spulte ihr Arbeitspensum danach weiter ab. Als wäre nichts gewesen.

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Ob es so ruhig bliebe, wenn gerade eine Wahl mit ihr als Spitzenkandidatin anstehen würde, darf bezweifelt werden. Die Gesundheit des politischen Gegners wurde zuletzt mehrmals als „Waffe“ eingesetzt. Im US-Wahlkampf hat ein Schwächeanfall von Hillary Clinton und dessen Ausschlachten vermutlich einen Teil zum Sieg von Trump beigetragen.

 Für Trump sieht Kim „sehr gesund“ aus.
Für Trump sieht Kim „sehr gesund“ aus.

Anders bei der Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten vor drei Jahren. Er sei zu alt, zu schwach, rauche zu viel und habe Krebs, hieß es über Alexander Van der Bellen. „Vor allem, wenn es im Wahlkampf Spitz auf Knopf steht, wird die Gesundheitskarte gerne gespielt. Man versucht, alle Register zu ziehen und arbeitet mit negativen Botschaften, persönlichen Angriffen und zwingt den anderen Kandidaten, darauf zu reagieren“, erklärt Hayek. Bei Van der Bellen funktionierte diese Taktik nicht. Um den Gerüchten entgegenzutreten, entband der Politiker seinen Arzt von der Schweigepflicht. Dieser beschien dem späteren Wahlkampfsieger, dass er kerngesund sei. So wurde der Angriff abgewehrt und in eine positive Richtung gelenkt.

Die Privatsphäre wurde zu Gunsten der Transparenz geopfert. Etwas, das in den USA fast schon üblich ist. Barack Obama veröffentlichte seine Gesundheitsakten, genauso wie später Donald Trump. In der Reihe der US-Präsidenten finden sich allerdings zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie auch schwerkranke Menschen dieses Amt ausüben können.

Franklin D. Roosevelt (Präsident von 1933–1945) zum Beispiel saß wegen einer Nervenkrankheit meist im Rollstuhl. Bei einem anderen US-Präsidenten wurde erst Jahrzehnte nach seinem Tod bekannt, wie groß der Unterschied zwischen Sein und Schein war. John F. Kennedy (1961 bis 1963) präsentierte sich stets jung und dynamisch, doch in Wahrheit litt er an schweren Krankheiten. Vor der Öffentlichkeit wurden die Beschwerden geheim gehalten.

Es wurde viel verheimlicht

Heute wäre das unmöglich, glaubt Hayek. „So einen Zustand wie bei Kennedy könnte man nicht mehr verbergen. Inzwischen wird jeder Auftritt und sogar die nicht offiziellen Teile dazwischen live übertragen oder mit Kameras festgehalten. Vom Zittern von Merkel hätte es früher vielleicht ein Foto gegeben, aber sicher keine Live-Aufnahmen, bei der man es genau sieht“, vergleicht die Politikwissenschafterin die gestiegene Aufmerksamkeit.

Vor ein paar Jahren hätte man etwas über den Zustand der Kanzlerin gemunkelt, inzwischen wird jede Regung genau ins Visier genommen und einer medizinischen Ferndiagnose unterzogen. Sie selbst sprach nur wenige Sätze über das Thema. Die Hitze sei der Auslöser gewesen und es gehe ihr gut. Nicht mehr und nicht weniger. Und den Rest, eine mögliche Krankheit, gibt es entweder nicht oder sie will nicht darüber sprechen. Und das ist ihr gutes Recht.

Ein Schwächeanfall oder eine Krankheit müssen jedoch nicht automatisch die Karriere ruinieren. Das Ende als Premierministerin kommt bei Theresa May jedenfalls nicht daher, dass sie ihre Diabetes-Erkrankung öffentlich gemacht hat. Die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, geht ebenfalls offen mit ihrer Multiplen Sklerose um. Für Hayek war die 2017 verstorbene Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser ein „berührendes Beispiel“, wie man trotz Krankheit sein Amt ausübt. „Als sie nach der Chemo zurückkam, machte sie ein offizielles Ministerfoto mit Glatze. Das hat sicher anderen mit der gleichen Krankheit Mut gemacht.“ Sie war geschwächt, aber ein starkes Vorbild.

Die Leiden des JFK

John F. Kennedy kämpfte vor seiner Ermordung 1963 mit zahlreichen Beschwerden. Er litt u. a. an einer Nebennierenrindeninsuffizienz und starken Rückenschmerzen. Auftritte überstand er nur mit einem Stützkorsett. Zeitweise musste er mehr als acht Medikamente am Tag einnehmen, darunter Schmerzmittel und Pillen gegen Angstzustände.