Letztes Update am Mi, 17.07.2019 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Expertin im Interview: Wenig schlafen war gestern

Birgit Högl, designierte Präsidentin der Weltschlafgesellschaft, erforscht die Probleme der Nacht: Warum wenig Schlaf zu Demenz führen kann und langer Schlaf zum Lifestyle geworden ist.

Wer nicht schläft, kann Schäfchen zählen – oder Tipps aus dem Schlafcoaching beherzigen.

© Getty ImagesWer nicht schläft, kann Schäfchen zählen – oder Tipps aus dem Schlafcoaching beherzigen.



Frau Högl, haben Sie heute Nacht gut geschlafen?

Birgit Högl: Ja. Ich schlafe dankenswerterweise meistens gut. Und wäre das nicht der Fall, gibt es einige Empfehlungen, um den Schlaf zu verbessern. Ich rate etwa, jeden Tag zur selben Zeit aufzustehen – auch am Wochenende und wenn man nachts zu wenig Schlaf bekommen hat. In diesem Fall sind auch Mittagsschläfchen nicht ratsam, weil man dann abends wieder nicht müde genug ist. Außerdem sollten Hände und Füße vor dem Einschlafen warm sein, die Raumtemperatur hingegen kühl.

Viele können nicht einschlafen, weil sie von negativen Gedanken geplagt werden. Warum erscheinen Probleme nachts oft drastischer als tagsüber?

Högl: Weil wir uns in dieser Phase vor dem Einschlafen zwar wach fühlen, aber Bereiche des Gehirns bereits Zeichen von Schlaf aufweisen. Empfindet man diese Phase als störend, hilft es wenig, dagegen eine Pille zu schlucken. Vielmehr muss man lernen, einzuschlafen. Dazu bieten wir Schlafcoachings an. Bei vielen Betroffenen, die nicht zur Ruhe kommen, hat dieses Problem begonnen, als sie etwa den Job verloren haben oder sich scheiden ließen. Diese Problematiken sind einige Zeit später oft gelöst – doch das Schlafproblem hält weiter an, weil das Gehirn verlernt hat, einzuschlafen. Dieser Mischzustand muss aber nicht zwingend unangenehm sein. Viele Leute lösen darin Probleme, die sie schon seit Monaten beschäftigen.

Wie viele Tiroler leiden an Schlafproblemen?

Birgit Högl leitet seit dem Jahr 1999 das Schlaflabor der Universitätsklinik Innsbruck. Im September wird die Neurologin die erste Präsidentin der Weltschlafgesellschaft werden.
Birgit Högl leitet seit dem Jahr 1999 das Schlaflabor der Universitätsklinik Innsbruck. Im September wird die Neurologin die erste Präsidentin der Weltschlafgesellschaft werden.
- Foto TT/Rudy De Moor

Högl: 20 Prozent haben immer wieder Probleme mit dem Ein- und Durchschlafen. Rund zehn Prozent leiden an chronischen Schlafstörungen, die sie so erschöpfen, dass die Betroffenen besorgt sind, ob sie die Aufgaben des Tages meistern können.

Haben sich die Ursachen für Schlafprobleme innerhalb der letzten Jahrzehnte verändert?

Högl: Im Grunde nicht. Meist gehen Schlafstörungen mit körperlichen oder psychischen Erkrankungen einher. Die zu behandeln, ist dann vorrangig. Neu ist in Österreich allerdings, dass Menschen wegen der steigenden Zahl der heißen Nächte schlecht schlafen.

Sie haben Mitte der 1990er für mehrere Jahre in Buenos Aires geforscht. Wie behelfen sich die Menschen dort, wenn sie wärmebedingt nicht zur Ruhe kommen?

Högl: Sie lagen nachts auf dem Betonboden am Balkon, um sich abzukühlen, hatten Klimaanlagen und Deckenventilatoren oder gönnten sich Mittagsschläfchen. Damals galt Schlaf dort allerdings als uncool.

Auch bei uns hat Schlaf wirtschaftlich gesehen ein eher schlechtes Image. Heißt es doch, nur Verlierer schlafen viel.

Högl: Ein Trugschluss. In den USA gibt es jetzt erstmals eine Trendwende hin zu mehr Schlaf. Schlaf ist zum Lifestyle-Faktor geworden. Schließlich haben viele Forscher belegt, dass Schlafmangel dem Stoffwechsel ebenso schadet wie dem Immunsystem und der Gehirngesundheit. Selbst das Demenzrisiko steigt.

1999 haben Sie die Leitung des Schlaflabors der Universitätsklinik Innsbruck übernommen. Was sind Ihre aktuellen Forschungsfelder?

Högl: Neurologische Erkrankungen, die den REM-(Rapid Eye Movement)-Schlaf stören. In dieser Schlafphase sollte der Körper quasi gelähmt sein, weil die Muskeln aktiv gehemmt werden, sodass man während des Schlafs nicht ausführt, was man träumt. Bei Betroffenen hingegen können Außenstehende zusehen, wie die Patienten im Schlaf Laufbewegungen machen, boxen oder gestikulieren. Dem liegt eine Struktur- oder Funktionsstörung des Mittelhirns, beziehungsweise des Hirnstamms vor, die unter anderem durch Neurodegeneration, aber auch durch Entzündungen, Tumore oder Schlaganfälle hervorgerufen werden kann. Patienten, die daran leiden, entwickeln manchmal im Verlauf von Jahren Parkinson oder bestimmte Formen der Demenz. Wir suchen jetzt Biomarker, die früh vorhersagen, ob diese Krankheiten in den nächsten Monaten oder erst in mehreren Jahrzehnten ausbrechen werden. Heilung gibt es zwar noch keine, aber in der Frühphase kann der Verlauf hoffentlich bald verlangsamt werden und man kann die Symptome wirksam behandeln. Ein weiteres Forschungsfeld ist das Restless Legs Syndrom (RLS). Hier entwickelten wir unter anderem Kriterien, wie die Beinbewegungen, die Patienten im Schlaf ausführen, bestimmt werden können.

Im September treten Sie das Amt als Präsidentin der Weltschlafgesellschaft an. Welchen Wunsch würden Sie im Zuge dessen an die Politik richten?

Högl: Dass Nachtarbeit als besondere Leistung anerkannt wird. Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Selbst wenn Schichtarbeiter vor ihrer Arbeit schlafen, sind sie weniger erholt. Tagsüber ist es weder dunkel noch leise genug und die innere Uhr wird sich nie ganz auf Nachtarbeit umstellen.

Eine letzte Frage: Warum sollten Frauen länger schlafen als Männer?

Högl: Früher hieß es, Männer brauchen sieben bis acht Stunden täglich, Frauen acht bis neun. Vermutlich benötigen Frauen wegen des hormonellen Zyklus mehr Schlaf. Doch mittlerweile empfiehlt man geschlechterunabhängig sieben bis neun Stunden. Die meisten, die denken, sie brauchen weniger, leiden an chronischem Schlafmangel. Denn nur ein Prozent der Bevölkerung zählt zu den wirklichen Kurzschläfern.

Das Interview führte Judith Sam