Letztes Update am Do, 18.07.2019 07:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Interview

Telefonseelsorgerin Astrid Höpperger: Warum Hören nicht Zuhören ist

Heute ist Welt-Zuhör-Tag. Ein sinnloses Datum? Keineswegs! Ein Gespräch mit Astrid Höpperger von der Telefonseelsorge, warum Zuhören allen guttut.

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Frau Höpperger, es gibt da einen vielsagenden Spruch: Das größte Kommunikationsproblem ist, dass wir nicht zuhören, um zu verstehen. Wir hören zu, um zu antworten. Können Sie dem zustimmen?

Astrid Höpperger: Natürlich kann man nichts verallgemeinern. Aber es stimmt, oft läuft es in einem Gespräch so ab, dass der eine erzählt und der andere nur darauf wartet, ebenfalls etwas loszuwerden. Schöner wäre es allerdings, wenn der andere einfach einmal reden kann – und man ihm als Zuhörer Raum und Zeit gibt. Ganz egal, ob er von seinen Urlaubsabenteuern auf Menorca oder seiner Ehekrise berichtet: Man sollte als Zuhörer zuallererst bei dem anderen sein, und nicht bei seinem eigenen Leben.

Zur Person

Die ausgebildete Theologin, Germanistin und Psychotherapeutin Astrid Höpperger leitet seit 30 Jahren die Tiroler Telefonseelsorge (zu erreichen unter Tel. 142). Im vergangenen Jahr haben ihre rund 80 Mitarbeiter 15.500 Anrufe entgegengenommen und versucht, verzweifelten Menschen zur Seite zu stehen. Die Probleme der Hilfesuchenden sind unterschiedlich und reichen von Ängsten, Depressionen und Einsamkeit bis zu Problemen in der Familie oder Suizidgedanken.

Mitarbeiter gesucht: Im Herbst startet eine neue Ausbildung für Telefonseelsorger, Interessierte werden noch aufgenommen. Nähere Informationen: telefonseelsorge@dibk.at

Astrid Höpperger.
Astrid Höpperger.
- Bruno Moriggl

Was bringt das dem Erzählenden? Und was dem Zuhörenden?

Höpperger: Der, der berichtet, hat doch das tiefe Bedürfnis, dass er verstanden wird. Wenn ihm wahrhaft zugehört wird, kann dieses Gefühl eintreten. Das tut dem Erzählenden gut. Für den Zuhörenden ist es ebenfalls eine Bereicherung: Wenn sich jemand öffnet, er ganz tief in sich hineinblicken lässt, ist das doch als Geschenk zu verstehen. Und es ist auch spannend, zu erfahren, was in dem anderen vorgeht. Nicht zuletzt kann das den, der zuhört, bereichern und ihm neue Perspektiven eröffnen. Deswegen sage ich auch immer zu meinen Mitarbeitern, dass Hören und Zuhören nicht dasselbe ist – nur beim Zuhören wende ich mich einer Person ganz bewusst zu.

Also eine Win-win-Situation für beide. Was allerdings tun, wenn mein Gegenüber erzählt und erzählt und ich das Gefühl habe, ausgesaugt zu werden?

Höpperger: Auch Zuhören hat seine Grenzen. Daher ist es wichtig, eine mögliche Grenzüberschreitung anzusprechen. Dann sollte man dem Erzählenden in netten Worten mitteilen, dass einem die Energie ausgeht oder man auch zu Wort kommen möchte. Und das sollte man im Idealfall noch tun, bevor man grantig wird, weil der eine wie ein Wasserfall plappert.

In Zeiten wie diesen scheint Zuhören jedoch keine weitverbreitete Tugend mehr zu sein. Warum ist diese Eigenschaft verloren gegangen?

Höpperger: Zum einen, weil derzeit Bilder die Sprache ersetzen – mehr Schauen als Hören ist angesagt. Zum anderen, weil man sich über die sozialen Medien viel mehr als früher präsentiert und auch mehr von sich preisgibt. Der andere wird in der Folge nicht mehr so wahrgenommen, ich stehe im Vordergrund. Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass eine Gegenbewegung langsam wieder erkennt, was wahres Zuhören für einen Wert hat.

Heute ist Welt-Zuhör-Tag, Ihre Mitarbeiter bei der Telefonseelsorge hören Menschen das ganze Jahr über zu. Seit einiger Zeit bieten sie auch Online-Anfragen an sowie den Chat – kann Schriftliches dieselbe Wirkung haben wie ein Zuhörender am Telefon?

Höpperger: Die Mail-Beratung ist wie das Schreiben eines Briefes früher. Die Chat-Beratung wie direktes Miteinander-Sprechen in schriftlicher Form. In beiden Formen gilt es zwischen den Zeilen zu lesen und Signale zu deuten (Pausen, Emoticons, plötzlicher Themenwechsel). Es bleibt der Kanal der Stimme ausgespart, es ist also noch reduzierter und damit geballter – ich sehe die Person nicht, ich höre nicht ihre Stimme. Was interessant ist: Hier fällt es Menschen leichter, noch persönlichere und dramatischere Themen zu kommunizieren. Man fühlt sich offenbar mehr geschützt. So hat auch diese Form der Kommunikation ihre Vorteile und ja, natürlich kann man auch schriftlich „zuhören“.

Das Interview führte Irene Rapp