Letztes Update am Do, 25.07.2019 15:30

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Massagen: Klopfen, dehnen, kneten, trommeln

Massagen wurden vor vier Jahrtausenden erstmals angewendet. Heute ist die Kunst aktueller denn je, denn selbst Jugendliche sind verspannt.

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Von Judith Sam

Nur nicht einschlafen. Dabei wäre der Gedanke so verführerisch, während man vom Duft ätherischer Öle umgarnt und von Daniela Wurzenrainer massiert wird. Ihre Fingerspitzen tänzeln über die Haut. Ein sanfter Druck hier, ein zartes Gleiten dort. Im Hintergrund plätschert Musik aus den Boxen. Die Gedanken gleiten davon.

„Sie sind ganz schön verspannt“, holt die 31-Jährige ihre Kundin zurück in die Realität. Offenbar geht es nun erst richtig los: Mit sanfter Intensität graben sich Wurzenrainers Finger tiefer in den Rücken. Die Kitzbühelerin schiebt vehement Hautwülste über die Schulterblätter. Die Jagdsaison auf Verspannungen ist eröffnet!

Wohltuender Schmerz

Die Massierte zieht angespannt Luft durch die Zähne. Ihre Zehen verkrampfen. „Der Schmerz muss noch wohltuend sein. Viele Kunden sagen vorab, sie wünschen eine feste Massage. Doch zu intensive Griffe können kontraproduktiv sein und die Muskulatur schädigen. Darum taste ich mich erst heran, analysiere den Körper, suche Problemzonen, bereite die Muskulatur vor“, beschreibt Wurzenrainer ihr Vorgehen.

„Einen guten Masseur erkennt man daran, dass er keine ,Fließbandmassage‘ absolviert, sondern sich den individuellen Problemen des Kunden – ob in Gewebsstrukturen, Faszien, Haut und Muskulatur – widmet“, sagt Stefan Juen, Lehrgangsleiter der Massageausbildungen am Innsbrucker AZW.

Er unterscheidet zehn Schmerzstufen: „Null ist schmerzfrei, zehn hingegen der schlimmste Schmerz, den man sich vorstellen kann. Eine effektive Massage sollte zwischen zwei und vier liegen.“ Die Intensität hänge davon ab, wo in das Gewebe eingegriffen wird, um dessen Struktur wieder in Form zu bringen: „Ein Beispiel: Stellen Sie sich einen Fleck am Boden vor. Mal reicht es, mit einem feuchten Tuch darüberzuwischen, mal muss man mit der Drahtbürste dran. Ähnlich ist es bei Massagen.“ In manchen Fällen bedarf es nur einer dezenten Berührung der Hautoberfläche. In anderen sind tiefer liegende Gewebeschichten verklebt oder verspannt, was intensivere, kräftigere Griffe notwendig macht.

Letztere wendet Wurzenrainer, die in Kitzbüheler Hotels und in ihrem Studio „Beauty No.3“ das Wohlbefinden anregt, offenbar gerade an. Ihre Finger pflügen über den Rücken. „Mir fällt auf, dass immer mehr Kunden verspannt sind. Sogar Jugendliche“, sagt Wurzenrainer. Oft liegt das an deren schlechter Haltung, wenn sie die Schultern nach vorne hängen lassen: „In der Folge verkürzt sich die Brustmuskulatur. Auf den Schultern liegt mehr Druck.“

Kleine Übungen können Abhilfe schaffen. Wurzenrainer rät ihren Kunden, die Schultern zu kreisen: „Die Arme locker hängen lassen, dann zu den Ohren hochziehen und zuletzt die Schulterblätter eng aneinanderdrücken.“

Massage für die Seele

Hilft das Kreisen nicht mehr, greift Wurzenrainer ein. Sie streicht, klopft, reibt, dehnt und knetet. In militärischem Rhythmus trommeln ihre Hände über den Nacken. Mehr hart als zart.

Doch es scheint zu wirken: Kaum hat sich die Massierte von der Liege erhoben, fühlen sich ihre Schultern geschmeidig an. Zum ersten Mal seit Langem. Offenbar hat Wurzenrainer nicht nur ihren Körper, sondern auch die Seele ein wenig massiert.

Wissenswertes

Der Ursprung: Aus China stammen nicht nur Pandas und Nudeln, sondern auch die Massagekunst. Deren Ursprung reicht vier Jahrtausende zurück. Der griechische Arzt Hippokrates machte Massagen in Europa populär.

Die Vielfalt: „Es gibt Hunderte Massagevarianten“, sagt Masseurin Daniela Wurzenrainer. Jede Methode verfolgt andere Ziele. Eine Fußreflexzonenmassage sorgt etwa für bessere Durchblutung, Lymphdrainage regt zum „Abtransport“ von Schlacken an.

Die Regeln: In Österreich dürfen gewerbliche Masseure nur gesunde Menschen behandeln. Ist etwas medizinisch nicht abgeklärt, legen diese nicht Hand an. Medizinische Masseure und Heilmasseure hingegen dürfen auch Kranke behandeln.

Die Ausbildung: „Früher war es üblich, dass der Hausmeister ein Wochenendseminar besucht hat und dann Masseur war“, sagt Stefan Juen, Lehrgangsleiter am AZW. Heute umfasst die österreich-weit gültige Massage-ausbildung 1600 Stunden.