Letztes Update am Fr, 26.07.2019 14:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Schon gehört? Der Knopf im Ohr ist cool

Trotz aller visueller Annehmlichkeiten leben wir in einer Gesellschaft, die das persönliche Gespräch braucht. Während eine Lesebrille heute ein schickes Accessoire ist, halten sich die Vorurteile gegenüber Hörsystemen hartnäckig.

Während Amerikaner einen Schritt weiter sind und Hörsysteme offen tragen, halten sich hierzulande Vorurteile gegenüber Hörgeräten eisern.

© iStockWährend Amerikaner einen Schritt weiter sind und Hörsysteme offen tragen, halten sich hierzulande Vorurteile gegenüber Hörgeräten eisern.



Von Sabine Strobl

Zur Urlaubszeit werden Tipps für den Umgang mit Hörsystemen im Sommer ausgeschickt. Immer wieder laufen Aufklärungskampagnen über den Stellenwert eines funktionierenden Gehörs. Der kanadische Rocksänger Bryan Adams hat sich fürs bessere Hören ebenso starkgemacht wie Formel-1-Weltmeis­ter Mika Häkkinen, der wegen der eigenen Hörminderung Patient an der Uniklinik Innsbruck war. Während Amerikaner einen Schritt weiter sind und Hörsys­teme offen tragen, halten sich hierzulande Vorurteile gegenüber Hörgeräten eisern. Da pfeift und kracht es dann gleich. Die TT hat an der Uniklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen (HSS) in Innsbruck nachgefragt.

Imageproblem Hörgerät

„Das so genannte Stigma Hörgerät ist in der Bevölkerung immer noch sehr verbreitet. Wir kämpfen schon lange dagegen an und versuchen immer wieder durch Aufklärung von der Sinnhaftigkeit einer rechtzeitigen Versorgung bei relevanter Hörstörung zu überzeugen“ , bedauert Patrick Zorowka, Direktor der HSS-Klinik. Ein Grund, warum das Hörgerät oft ein schlechtes Image hat, liege in der falschen Erwartungshaltung. Wie der Experte festhält, „ist und bleibt ein Hörgerät eine Art Prothese. Aber es ist eine sehr gute Möglichkeit, Höranstrengung, falsches Verstehen, das Abrutschen in die Isolation zu verhindern. Deshalb ist eine vernünftige Aufklärung wichtig.“ Wie so oft in Sachen Lebensqualität sollte die Entscheidung für ein Hörgerät nicht zu spät fallen. Denn je länger man wartet, desto mehr entwöhnt sich das Gehirn vom Lauschen und Hören. Oft sind die betroffenen Menschen dann mit dem zu spät getragenen Hörgerät unzufrieden, sie empfinden die akustische Welt als zu laut und das Hörgerät landet im Nachtkästchen.

Zwei Entwicklungen sind Trümpfe für ein besseres Image des Hörgeräts. Einerseits sind moderne Hörsysteme weniger sichtbar und der Tragekomfort ist durch technische Rafinessen erheblich verbessert. Abgesehen davon begegnen uns junge Leute mit sichtbaren Bluetooth-Hörern im Ohr und Hearables, die Daten zur Fitness mitliefern oder Simultan-Dolmetscher sind. „Ich bin überzeugt davon, dass der ,sichtbare Knopf‘ im Ohr in einigen Jahren kein Thema mehr sein wird“, sagt Zorowka.

Während nur wenige Kinder und Jugendliche von einer Hörbeeinträchtigung betroffen sind, steigt der Anteil bei der älteren Bevölkerung massiv an. Ein Viertel der über 50-Jährigen hört nicht mehr gut. 54 Prozent der über 65-Jährigen haben eine behandlungspflichtige Hörstörung. „Durch die zunehmende Zahl älterer Menschen und ihrer fortbestehenden Aktivität im Alltag ist das ein bedeutendes gesellschaftliches Phänomen.“

Welt des Sprechens und Hörens

Derzeit lassen Studien aufhorchen. „Eine nicht versorgte Hörstörung kann Alterserscheinungen wie kognitive Einschränkungen bis hin zur Demenz begünstigen“, erläutert Zorowka, der unsere Umgebung als lautsprachliche Welt beschreibt. Trotz sozialer Medien „leben wir in einer Kommunikationsgesellschaft, in der das persönliche Gespräch mit seinen transportierten Emotionen immer noch eine große Rolle spielt“.

Dabei fällt eine Hörstörung zunächst nicht auf. Das liegt auch daran, dass unser Hör-Sprachfeld nur einen Teil unseres absoluten Hörfelds einnimmt. Unser Musikhörfeld ist etwa viel größer, was Lautstärke und Frequenzen betrifft. Die hohe Dynamik unseres Hörorgans erstreckt sich über einen Bereich von 1014-fa­cher Intensität, von der Hörschwelle mit einer Lautstärke von 0 dB (Dezibel) über die Schmerzgrenze von 120 dB bis hin zu 140 dB sowie einem Frequenzumfang von 15 bis 15.000 Hertz. Für den Hauptsprachbereich ist jedoch nur ein Bereich von 500 bis über 4000 Hz erforderlich. Damit bemerken wir lange nicht die im Hochtonbereich beginnende Hörverschlechterung. Hinzu kommt, dass unser Gehirn auch bei zum Teil nicht gehörten Lauten durch die Vielfalt der Sprachelemente diese ergänzend für das Gesamtverstehen des Gesprochenen hinzufügt. Wir versuchen also den Sinn aus dem Kontext des gesprochenen Satzes zu erfassen.

Das alternde Hörorgan kann nicht mehr jede Frequenz korrekt unterscheiden, es kommt zu Verwechslungen der Begriffe und führt damit zu einer erhöhten Höranstrengung. Leider wird den Betroffenen rasch unterstellt, intellektuell nicht mehr mithalten zu können. Dabei handelt es sich nur um Altersschwerhörigkeit. Abgesehen davon beobachtet Zorowka, dass das Problem durch Unachtsamkeiten von jüngeren Menschen verschärft wird. Sie sprechen oft abgewandt und artikulieren sich ungenau.

Die Türglocke nicht mehr hören

Relevant wird das Hörproblem, wenn man Vogelgezwitscher nicht mehr hört, weil es zu hoch ist, die Türklingel oder das Handyläuten nicht mehr wahrnimmt oder das Fernsehgerät lauter gedreht wird. Es kommt zu Situationen, in denen der Umgebungslärm zunehmend die Sprache überlagert wie am Bahnhof oder Stimmengewirr bei einer Feier im Restaurant. Das sind Zeichen, die zu einem Besuch beim HNO-Arzt oder Akustiker motivieren sollten, um das Hörvermögen überprüfen zu lassen.

Wird ein Hörgerät nötig, so rät Zorowka, sich bei der Anpassung Zeit zu nehmen und verschiedene Hörsysteme auszuprobieren. Der Grund: Die Hörgeräte-Hersteller verwenden unterschiedliche Verarbeitungsalgorithmen. Man wird also die in verschiedenen Hörsituationen testen und vergleichen, bis man das passende Hörsystem findet. „Wir müssen uns daran gewöhnen wie der Brillenträger an die Gleitsichtbrille“, so Zorowka. Alle von den Krankenkassen bezahlten Hörgeräte sind heute moderne digitale Systeme.

Was sind nun die Vorteile eines Hörgeräts? Die verringerte Höranstrengung bringt Lebensqualität, die Integration in der Gesellschaft bleibt erhalten. Zorowka: „Das Hörorgan ist eigentlich ein Schutzorgan. Früher war es die wilde Natur mit ihren Gefahren, heute ist es der Straßenverkehr, den es uns vermittelt.“

Die Arbeitsmedizin hat viel für den Gehörschutz in Lärmberufen erreicht, jetzt rückt der zunehmende Freizeitlärm in den Fokus. „Denn jede übermäßige Lärmeinwirkung hinterlässt bleibende Schäden in unserem Ohr“, erinnert Zorowka. Man schütze zwar die Augen, doch einen Gehörschutz vermisse man meist. Dabei profitieren Jugendliche, die gerne Konzerte besuchen, und Heimwerker, die mit lautem Gerät hantieren, von einem Gehörschutz.

Und auch im Urlaub sollte man bei empfindlichen Ohren an Gehör- und Schwimmschutz denken, der Hörgerätträger durch Pflege bei der Wartung vorsorgen. (siehe Tipps).

Hörgeräte auf Reisen: Fünf Tipps

Wartung vor der Abreise: Hörgeräte können vor dem Urlaub beim Akustiker geprüft werden. Eigene Behälter schützen das Gerät vor Sonne, Sand und Wasser. Wichtig sind Ersatzbatterien und geladene Akkus.

Flugreisen: Bei Start und Landung kann es angenehmer sein, das Hörgerät herauszunehmen, um den Druckausgleich zu erleichtern. Für Kinder Nasentropfen (Kochsalzlösung) mitnehmen.

Schwimmschutz: Generell empfiehlt es sich, die Geräte beim Schwimmen aus dem Ohr zu nehmen. Für Kinder und Erwachsene mit empfindlichen Ohren ist ein Schwimmschutz sinnvoll.

Ohren trocken halten: Wattestäbchen haben im Ohr nichts zu suchen. Besser ist es, am Abend den Gehörgang auszuföhnen. So wird einer schmerzhaften Gehörgangsentzündung vorgebeugt.

Vorsicht in den Tropen: Hörgeräte sollten nicht mit Sonnencreme in Kontakt kommen. Ein Tipp für die feuchten Tropen: Regelmäßig Schweiß entfernen, Batterienfach öffnen, Gerät in Trockenbox geben.