Letztes Update am So, 28.07.2019 07:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Schaufensterkrankheit: Nach 200 Metern geht nichts mehr

Wer an der Schaufensterkrankheit leidet, wird von Schmerzen im Bein zum Stehenbleiben gezwungen. Gustav Fraedrich, Leiter der Uniklinik für Gefäßchirurgie, erklärt, warum dabei das Risiko für einen Herzinfarkt größer ist als jenes einer Amputation.

Wer an der Schaufensterkrankheit leidet, bleibt nicht wegen der Auslage stehen.

© iStockphotoWer an der Schaufensterkrankheit leidet, bleibt nicht wegen der Auslage stehen.



Von Theresa Mair

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Nach 200 Metern machen die Beine nicht mehr mit. Man muss stehen bleiben, warten, bis der Schmerz nachgelassen hat und kann erst dann weitergehen – die nächsten 200 Meter. Die regelmäßigen, von den muskelkaterartigen Schmerzen erzwungenen Stopps haben der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) den Namen Schaufensterkrankheit eingetragen. Es wird das Bild eines Schaufensterbummlers gezeichnet, der alle paar Meter anhält, um in die Auslage zu schauen.

„PAVK ist ein Markersymptom für Herzinfarkt und Schlaganfall.“
Gustav Fraedrich, Direktor Uniklinik für Gefäßchirurgie

Dabei wird diese Bezeichnung der Ernsthaftigkeit der Erkrankung nicht gerecht. Wer von der Schaufensterkrankheit betroffen ist, hat nämlich ein immenses Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. 15 bis 30 Prozent der Betroffenen sterben im Verlauf von fünf Jahren an einem solchen kardiovaskulären Ereignis, wie Gustav Fraedrich, Direktor der Universitätsklinik für Gefäßchirurgie, weiß. „Die Schaufensterkrankheit ist das wesentliche Symptom für eine generalisierte Atherosklerose und damit ein Markersymptom für Herzinfarkt und Schlaganfall“, sagt er. Im Vergleich dazu sei die Gefahr, im Verlauf der Schaufensterkrankheit ein Bein zu verlieren, mit ein bis zwei Prozent relativ gering. Denn ein tödliches Herz-Kreislauf-Ereignis trete in der Regel bereits viel früher ein.

Engstellen in den Beingefäßen

Bei pAVK entstehen Ablagerungen – so genannte Plaques – in den Beinarterien. Folglich wird das Bein nicht ausreichend durchblutet, zu wenig Sauerstoff gelangt in den Muskel und der Patient bekommt Schmerzen. Befindet sich der Verschluss oberhalb der Leiste, schmerzt der Oberschenkel, ist die Engstelle im Oberschenkel, verkrampft die Wade, und wenn der Unterschenkel betroffen ist, dann brennt es an den Fußsohlen. Es können durchaus auch mehrere solcher Engstellen in den Arterien bestehen.

Ganz genau genommen wird nur das zweite von vier pAVK-Stadien als Schaufensterkrankheit bezeichnet. Während das erste Stadium noch symptomlos verläuft, wird bei Stadium II unterschieden, ob der Patient noch mehr oder weniger als 200 Meter, ohne zu pausieren, gehen kann. „Das kann man am Laufband objektivieren. Der klassische pAVK-Patient hat vermehrt Beschwerden beim Bergaufgehen.“

Die Diagnose sei mit Pulstas­ten an Leiste, Knie und Ferse sowie mithilfe des Knöchel-Arm-Indexes (ABI-Index, siehe: Box) – einer Blutdruckmessung an Arm und Bein – einfach zu stellen. „Das kann jeder Hausarzt messen, vorausgesetzt, er hat das Gerät dafür“, sagt Fraedrich. Außerdem müssen orthopädische Ursachen, etwa ein Senk-

Spreizfuß oder degenerative Veränderung an der Lendenwirbelsäule oder den Hüften, ausgeschlossen werden.

Die Therapie bei Stadium II richtet sich nach der Lebensqualität des Patienten, wobei eine Veränderung des Lebensstils im Vordergrund steht. Die Betroffenen bekommen ein Gehtraining verordnet. „Damit kann man die Bildung von Umgehungskreisläufen provozieren. Diese sind genetisch bereits angelegt“, sagt Fraedrich. Wenn ein Gefäß verstopft ist, bildet der Körper quasi Umfahrungsstraßen, in denen das Blut weitertransportiert wird. Gehtraining bedeutet, dass man viel geht, und zwar bis zur Schmerzgrenze. Diese könne so sukzessive verschoben werden.

Risiko erkennen und beseitigen

Im zweiten Therapieschritt geht es um Risikominimierung: Neben einem Rauchstopp heißt das Blutverdünnung, Cholesterinsenkung und Blutdruckkontrolle „Es ist 100.000-fach belegt, dass diese drei Säulen, wenn bereits Symptome bestehen, wirkungsvoll sind. Die Behandlung kann das Voranschreiten der Herz-Kreislauf-Erkrankung auch in anderen Körperregionen bremsen.“

Bessern sich die Symptome, wird der Patient zu Nachkontrollen einbestellt. Bestehen die Schmerzen auch nach drei Monaten noch, sollte eine Computer- oder Kernspintomografie erfolgen. Je nachdem, wo sich der Verschluss befindet und wie lang er ist, gibt es zwei verschiedene Behandlungsoptionen.

„Bei kurzstreckigen Verschlüssen eignet sich ein Stent, der mit einem Ballon stabilisiert wird.“ Bei langen Verschlüssen legen die Gefäßchirurgen einen Bypass. „Am besten eignet sich dafür eine körpereigene Vene aus dem Bein“, erklärt der Experte. Die Vene wird zur Arterie umfunktioniert, indem man sie einfach umdreht. Dann wird sie als Umgehung der Engstelle eingesetzt. So kommt das Blut wieder ins Bein.




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