Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.08.2019


EU-Projekt TENSION

Schlaganfall: Beinahe “Wunderheilung“ durch Thrombektomie

Die Innsbrucker Neuroradiologie nimmt an der TENSION-Studie teil. Es soll bewiesen werden, dass Katheterbehandlungen bei schweren Schlaganfällen Vorteile bringen, auch wenn sie aus dem Zeitrahmen fallen.

<span class="TT11_Fotohinweis">Fotos: iStock, MUI, MUI/E. R. Gizewski</span>

© iStockphotoFotos: iStock, MUI, MUI/E. R. Gizewski



Von Theresa Mair

Innsbruck – „Time is brain“, sagt Elke Gizewski, Direktorin der Universitätsklinik für Neuroradiologie in Innsbruck. Zeit ist Gehirn. Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Denn in 90 Prozent der Fälle verstopft ein Gerinnsel ein Gefäß im Gehirn und blockiert die Sauerstoffzufuhr. Je mehr Zeit vergeht, desto höher ist das Risiko, dass Hirngewebe zugrunde geht. Mit sechs bis acht Stunden war der zeitliche Rahmen, in dem Patienten von einer Behandlung noch profitieren können, bisher eng gesteckt.

Das EU-Projekt TENSION hat nun allerdings zum Ziel, dieses Zeitfenster auszuweiten. Es soll nachgewiesen werden, dass Patienten mit einem schweren Schlaganfall, bei dem ein großes Gefäß betroffen ist, auch noch nach sechs Stunden deutliche Vorteile aus einer Katheterbehandlung (Thrombektomie) ziehen können.

Stefan Kiechl (Leiter der Schlaganfalleinheit, Neurologie): „Mit der Möglichkeit der Katheterbehandlung haben sich die Heilungschancen dramatisch verbessert.“
Stefan Kiechl (Leiter der Schlaganfalleinheit, Neurologie): „Mit der Möglichkeit der Katheterbehandlung haben sich die Heilungschancen dramatisch verbessert.“
- tirol kliniken

Europaweit nehmen 40 Kliniken an der Studie teil, die von den Unikliniken Hamburg-Eppendorf und Heidelberg geleitet wird. Den Österreich-Teil koordiniert Gizewski in Zusammenarbeit mit dem Leiter der Schlaganfall-Einheit, Stefan Kiechl (Uniklinik für Neurologie). Außer in Innsbruck wird das mit insgesamt sechs Millionen Euro geförderte Projekt auch in Graz, Salzburg und Linz durchgeführt.

Insgesamt sollen binnen eines Jahres 714 Patienten in die TENSION-Studie eingeschlossen werden, die Nachbeobachtungszeit beträgt ein weiteres Jahr. Pro Klinik werden ungefähr 20 bis 30 Patienten in die Studie einbezogen. „Bisher hat man bei Patienten, die außerhalb des Zeitfensters lagen und bei denen Hirngewebe betroffen und wahrscheinlich nicht mehr zu retten war, gar nichts mehr gemacht. Man hat gedacht, dass man ihnen damit nichts Gutes mehr tut“, erklärt die Neuroradiologin. Zwei Studien, bei denen Patienten jenseits der sechs Stunden eine Thrombektomie bekamen, hätten mittlerweile aber gezeigt, dass auch der späte Eingriff noch etwas bringt. Das soll mit TENSION bestätigt werden.

Elke Gizewski (Direktorin, Neuroradiologie): „Bisher hat man bei Patienten, die außerhalb des Zeitfens­ters lagen, nichts mehr gemacht.“
Elke Gizewski (Direktorin, Neuroradiologie): „Bisher hat man bei Patienten, die außerhalb des Zeitfens­ters lagen, nichts mehr gemacht.“
- MUI/E.R. Gizewski

Welche Patienten in die TENSION-Studie aufgenommen werden, entscheiden in der Akutsituation die beteiligten Ärzte sowie ein weiterer unabhängiger Neurologe, der nichts mit dem Projekt zu tun hat, wie Gizewski erläutert. Nach dem Eingriff wird der Patient dann gefragt, ob er weiter in der Studie verbleiben möchte.

„Die Patienten werden sorgfältig anhand komplexer Bildgebung ausgewählt, die zeigt, wie viel Hirngewebe bereits zugrunde gegangen ist“, schildert Kiechl. Nach der Thrombektomie komme es teilweise zu so deutlichen Verbesserungen, dass man fast von „Wunderheilungen“ sprechen könne. „Wenn sie zur Thrombektomie kommen, sind viele Patienten schwer behindert, verstehen nichts, können nicht reden oder Arm und Bein nicht bewegen. Nach dem Eingriff ist im Idealfall alles wieder da.“

Eine Thrombektomie kommt nur bei großen Gefäßverschlüssen infrage. „Unter Röntgen-Durchleuchtung fährt man mit einem kleinen Katheter in die Leistenarterie bis hoch ins Gehirn. Dort wird der Thrombus abgesaugt oder man zieht das Ganze heraus“, erklärt Gizewski das Vorgehen. Der Eingriff sei sehr sicher. Das Risiko einer Gefäßverletzung sei im Vergleich zu den Folgen eines schweren Schlaganfalls sehr gering.

„Mit der Möglichkeit der Katheterbehandlung haben sich die Heilungschancen dramatisch verbessert. Bevor es sie gab, konnte nur einer von zehn Patienten mit ganz schweren Schlaganfällen geheilt werden, heute sind es drei bis vier von zehn“, sagt der Schlaganfall-Experte.

Zudem sei mit der Thrombektomie die Anzahl der Hirnschwellungen zurückgegangen. Diese Komplikation tritt bei einem geringen Teil der Betroffenen mit schwerem Schlaganfall auf.

Diesen Erfolg der Medizin dürfe man aber keinesfalls missverstehen und sich mehr Zeit lassen, bevor man den Notruf 144 wählt. „Schlaganfall ist Notfall! Auch wenn man ,nur‘ ein schiefes Gesicht oder ein Schlagerl hat, das wieder vergeht, muss man sofort in die Klinik. Je früher man kommt, desto effektiver ist die Behandlung“, betont Kiechl.

Schlaganfall in Tirol

1400 Schlaganfall-Patienten werden jährlich in Innsbruck behandelt. Der Großteil erreicht die Klinik binnen 3,5 bis 4 Stunden.

25 % der Patienten mit ischämischem Schlaganfall (d.h. ein Gerinnsel verschließt ein Gefäß) bekommen ein Lytikum gespritzt. Das Medikament löst kleine und mittlere Gerinnsel auf.

5 % der Betroffenen haben einen schweren Schlaganfall und kommen für die Katheter-Behandlung in Frage. Studien wie TENSION versuchen den Patientenkreis auf 10 % auszuweiten.

Der Großteil der Patienten hat einen leichten Schlaganfall, der ohne Akutbehandlung auskommt. Der Patient werden aber medikamentös eingestellt und regelmäßig untersucht.