Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 01.08.2019


Gesundheit

Der Enkel des Milchzahns: Werden Implantate bald überflüssig?

Das klingt zu schön, um wahr zu sein: Berliner Wissenschafter forschen an

nachwachsenden Zähnen bei Erwachsenen. So könnten Implantate überflüssig werden.

Der Zahn aus der Petrischale: Aus Zellen entstehen im Labor Zahnkeime, aus denen ein neuer Zahn heranwächst.<span class="TT11_Fotohinweis">Fotos: TU Berlin/PR/Tobias Rosenberg</span>

© Der Zahn aus der Petrischale: Aus Zellen entstehen im Labor Zahnkeime, aus denen ein neuer Zahn heranwächst.Fotos: TU Berlin/PR/Tobias Rosenberg



Von Judith Sam

Berlin – Der Bohrer gräbt sich unerbittlich tiefer in den Zahn. Es summt, brummt, knackt und – ist endlich ausgestanden. Der Weisheitszahn ist draußen. Bisher waren Patienten froh, wenn sie das lästige Beißerchen nicht mehr sehen mussten. Doch jetzt rät Wissenschafterin Jennifer Rosowski, extrahierte Weisheitszähne aufzubewahren und einzufrieren: „Aus deren Innerem können wir Zellen entnehmen, diese kultivieren und daraus einen neuen Backen-, Schneide- oder Eckzahn im Kiefer wachsen lassen, sollte das Original eines Tages ausfallen.“ Die dafür notwendigen Pulpa-Zellen kann man auch noch intakten Zähnen entnehmen, muss dafür jedoch ein Loch hineinbohren.

Das Vorgehen, das die Forscherin der TU Berlin kürzlich patentieren ließ, klingt ebenso simpel wie bahnbrechend. In der Theorie. In der Praxis rechnet Rosowski erst in fünf Jahren damit, Zahnprothesen Konkurrenz machen zu können: „Bei uns stehen jetzt erste präklinische Tests bevor. Eine japanische Forschergruppe ist bereits dabei, am Tiermodell zu arbeiten.“

Hunde würden sich für die Versuche besonders gut eignen, weil sie ein Milchgebiss und dieselben Zahnvarianten wie der Mensch aufweisen. Mäuse hingegen haben etwa nur Schneide- und Backenzähne, die Eckzähne fehlen.

Von so manchem Nager, Haien und Krokodilen weiß man, dass deren ausgefallene Zähne nachwachsen. „Doch auch der Kiefer von Hunden und Menschen verfügt über die Informationen, die notwendig sind, um dritte Zähne gedeihen zu lassen. Allerdings muss man hier meist nachhelfen“, weiß die Berliner Biotechnologin.

Jennifer Rosowski (Biotechnologin): „Aus dem Inneren eines Zahns können wir Zellen kultivieren, aus denen ein neuer im Kiefer heranwächst.“
Jennifer Rosowski (Biotechnologin): „Aus dem Inneren eines Zahns können wir Zellen kultivieren, aus denen ein neuer im Kiefer heranwächst.“
- Rosenberg

Dafür werden die aus dem Zahn des Patienten gewonnenen Zellen im Labor vermehrt und anhand einer Kultivierungsmethode in einen embryonalzellartigen Zustand zurückentwickelt. Innerhalb von 24 Stunden entsteht so ein 200 bis 500 Mikrometer großer Zellball, der anschließend im Kiefer eingesetzt wird. Dort beginnt er mit dem umliegenden Gewebe zu kommunizieren, regt Botenstoffe an und initiiert so die Zahnbildung.

Doch woher wissen die Zellen, ob aus ihnen ein Backen-, Eck- oder Schneidezahn werden soll? Das Forscherteam der TU Berlin unter der Leitung von Roland Lauster belegte die bereits länger bekannte These, dass das umliegende Kiefergewebe automatisch weiß, welcher Zahn gefragt ist. Die neuen Zähne der Versuchshunde sahen zum Beispiel genauso aus wie das Original.

„Wir wollen auch Versuche mit Hunden starten. Möglichst tierschonend, sodass einem Tier während der Narkose nicht nur die Zahnzellen, sondern auch eine künstliche Hüfte für eine andere Studie eingesetzt wird. Dafür benötigen wir jedoch noch einen Investor“, plant Rosowski.

Nach diesem Schritt sind Versuche an Menschen geplant: Im Gegensatz zur japanischen Versuchsreihe, wo mit postnatalen Zellen von Hunden gearbeitet wird, werden die Berliner lediglich Zellen aus dem Zahn des jeweiligen Menschen verwenden: „So vermeiden wir ethische und rechtliche Bedenken. Außerdem wird es zu keinen Abstoßungsreaktionen kommen, weil nur körpereigenes Gewebe genutzt wird.“

Vom ersten Arbeitsschritt bis zum fertig gewachsenen Zahn werden zehn bis zwölf Monate verstreichen. Bis ein Implantat richtig sitzt, vergehen knapp sechs Monate. Die längere Wartezeit rentiere sich aber: „Schließlich hat man dann wieder einen echten Zahn im Mund und keinen Halteapparat aus synthetischem Material.“

Trotzdem rechnet Rosow­ski nicht damit, dass der echte neue Zahn Implantate gänzlich ersetzen wird: „Vermutlich wird der nachwachsende Zahn ein Lifestyleprodukt. Die Implantate haben ihre Daseinsberechtigung, weil sie auch effektiv sind.“ Den preislichen Unterschied beider Verfahren kann sie noch nicht abschätzen: „Ein Implantat liegt bei knapp 1500 Euro. Vermutlich liegt der Zahn im selben Bereich.“