Letztes Update am Do, 01.08.2019 11:55

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Familienaufstellung: Ahnen, was die Ahnen bewegt hat

Konflikte, Schicksalsschläge, Brüche. Sie kommen in den besten Familien vor. Meist wird geschwiegen, doch die Geschichten schwingen immer mit. Eine Familienaufstellung kann dazu beitragen, die Generationen zu versöhnen.

Vom Kleinkind bis zum Opa ziehen sich Ereignisse in Familien durch die Generationen.

© iStockVom Kleinkind bis zum Opa ziehen sich Ereignisse in Familien durch die Generationen.



Von Beate Troger

Der Großvater, der nie über seine Soldatenvergangenheit im Zweiten Weltkrieg gesprochen hat. Die unerwiderte Jugendliebe, über die eine Mutter unbewusst nie hinweggekommen ist. Was das Leben eben so spielt in einer ganz normalen Familie.

„Als System entspricht die Familie einem Mobile aus mehreren Teilen, die sich gegenseitig beeinflussen und nach Gleichgewicht streben“, erklärt der Psychologe und Familientherapeut Robert Bilgeri aus St. Johann. Und doch passiert es, dass Familien aus der Balance geraten. „Erlebnisse, Erfahrungen und Schicksale werden wie über eine Welle über Generationen weitergetragen“, sagt Bilgeri. Er hat sich auf die Methode des Familienstellens spezialisiert und hilft weiter, wenn das Erbe der Ahnen zur schweren Bürde wird.

Stellvertreter für Angehörige

Die Aufstellung findet meist in einer Gruppe von 15 bis 20 Personen statt. Für die Aufarbeitung einer familiären Spannungskonstellation wählt der Klient bzw. die Klientin aus der Gruppe Stellvertreter für die eigenen Angehörigen und platziert sie im Raum. „Und zwar intuitiv aus dem Bauch heraus, ohne rational zu denken“, führt Bilgeri aus. Von außen wird das Familienbild dann gemeinsam mit dem Aufstellungsleiter betrachtet.

Wie steht die Frau da, die für die Rolle der Mutter ausgewählt wurde? Warum blickt der Cousin in eine ganz andere Richtung? Wie fühlt es sich an, die Beziehung der Eltern anzuschauen? „Es ist immer wieder verblüffend, was passiert“, schildert er. Die Stellvertreter würden oft genauso fühlen wie jene Personen, deren Rolle sie einnehmen, spüren plötzlich dieselben Schmerzen oder verwenden dieselben Redewendungen.

Grund dafür seien so genannte „morphogenetische Felder“, über die diese Informationen auf unerklärliche Art und Weise transportiert werden. „Man kann sie physikalisch nicht beschreiben, aber die Felder wirken“, weiß Bilgeri aus Erfahrung. Aufgrund solcher Felder würden beispielsweise auch Hunde oft unruhig werden, wenn das Herrl stirbt.

Methode ist umstritten

In der Folge sei es die Aufgabe des Aufstellungsleiters, die richtigen Fragen zu stellen und die Aufstellung vielleicht zu verändern. „Wenn sich Themen lösen, fließen manchmal Tränen der Erleichterung“, sagt Bilgeri. Bevor die Gruppe auseinandergeht, sei es wichtig, dass sich auch die Stellvertreter von ihren Rollen lösen können. Für den Klienten, dessen Familienkonstellation aufgear- beitet wurde, bleibt der Aufstellungsleiter erreichbar. „Ein gesunder Mensch braucht im Normalfall danach keine Begleitung“, sagt der Psychologe. Nur in etwa fünf bis zehn Prozent der Fälle werde er wegen einer weiterführenden Aufarbeitung kontaktiert.

Nicht allen gefällt die Methode des Familienstellens, die auf den deutschen Psychoanalytiker und Priester Bert Hellinger zurückgeht. Es sei manipulativ und arbeite an der Grenze zur Esoterik, kritisiert der Verband der Familientherapeuten Deutschlands. Bilgeri weist deren Argumente aber zurück: „Wir bleiben immer am Boden, bei Fakten und realen Ereignissen in den Familien“, erläutert er. Der Ansatz, dass Stellvertreter die Rollen von Familienmitgliedern einnehmen, sei in vielen Kulturen weit verbreitet.

Aufgrund der Kritik veröffent­lichte das österreichische Gesundheitsministerium die Empfehlung, Familienaufstellungen bei professionellen Psychologen und Therapeuten durchzuführen.

Und auch wenn sich Konflikte und Schicksale über Generationen durch alle Familien ziehen, pauschal für jeden sei die Methode nicht zu empfehlen, sagt Bilgeri. „Familienstellen ist nicht geeignet, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen.“