Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 07.08.2019


Sicherheit

Xantus-Armband: Der Drogentest am Handgelenk

Zwei deutsche Studenten hatten die Idee zu einem Armband, mit dem man Getränke auf bestimmte K.-o.-Tropfen testen kann. Seit April ist die Erfindung erhältlich.

Der wichtigste Tipp: das Glas beim Ausgehen nie aus den Augen lassen!

© Getty ImagesDer wichtigste Tipp: das Glas beim Ausgehen nie aus den Augen lassen!



Von Theresa Mair

Innsbruck – „Lass dein Getränk nie aus den Augen!“ Das ist einer jener typischen Ratschläge, die besorgte Mütter und Väter Teenagern im Ausgeh-Alter mit auf den Weg geben. Denn seit rund zwanzig Jahren geistert das Schreckgespenst K.-o.-Tropfen durch das Nachtleben.

Der Satz verliert nicht an Gültigkeit, auch wenn es jetzt das Xantus-Armband gibt, das vor K.-o.-Tropfen warnt. Dabei handelt es sich um einen Papierstreifen, der mit zwei Testfeldern für jeweils ein Getränk versehen ist. Man tupft einen Tropfen davon auf das grünes Feld und wartet zwei Minuten. Ist Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB) enthalten, verfärbt es sich blau. GHB – auch als Party­droge Liquid Ecstasy bekannt – ist eine der geläufigen Substanzen, die als K.-o.-Tropfen eingesetzt werden.

Die Idee zu dem Armband, das wie ein Eintrittsbändchen aussieht, hatten Kim Eisenmann und ihr Freund Sven Häuser vor genau einem Jahr. „Wir waren auf einem kleinen Stadtfest wo jeder jeden kennt. Eine 17-jährige Bekannte von uns wurde dort Opfer von ­K.-o.-Tropfen. Sie wurde in einem Park gefunden, Männer haben unschöne Sachen mit ihr gemacht“, erinnert sich Eisenmann. Geschockt begann sie, über GHB zu recherchieren.

Sollte man sich nicht sicher fühlen, kann man mit dem Xantus-Armband das Getränk auf bestimmte K.-o.-Tropfen testen.
Sollte man sich nicht sicher fühlen, kann man mit dem Xantus-Armband das Getränk auf bestimmte K.-o.-Tropfen testen.
- Xantus

„Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Fast jeder kennt jemanden, der schon einmal in Berührung mit K.-o.-Tropfen gekommen ist – auf der Betriebsfeier, zu Silvester, auf dem Feuerwehrfest, sogar auf der eigenen Geburtstagsparty. Man muss nicht nach Berlin zur Technoparty fahren, das gibt es auch im Dorf“, sagt die Studentin des Wirtschaftsingenieurswesen aus Karlsruhe.

Doch sie fand auch heraus, dass es noch nichts gab, um sich zu schützen. Also suchte das Paar nach einem Chemiker, der die Idee eines Test-Armbands umsetzen konnte. Seit April ist Xantus im Zweierpack für 5,45 Euro – also rund 1,40 Euro pro Test – in der Drogeriemarktkette dm erhältlich.

Kim Eisenmann und ihr Freund Sven Häuser hatten die Idee dazu.
Kim Eisenmann und ihr Freund Sven Häuser hatten die Idee dazu.
- Xantus

Auf der Xantus-Homepage führt Eisenmann drei Institute in Köln, Leipzig und München an, wo die Testarmbänder mit 51 Getränken erprobt wurden. „Im Endeffekt ist es ein trockenchemisches Verfahren mit einer Substanz, die das GHB-Molekül entdeckt und sich damit verbindet. Daraus entsteht ein neues Molekül, welches die Blaufärbung bedingt“, erklärt die 25-Jährige.

K.-o.-Tropfen sind geruch-, farb- und geschmacklos. Niedrig dosiert wirkt GHB euphorisierend, in mittlerer Dosierung macht es gefügig. Hoch dosiert kann die Substanz zum Atemstillstand und somit bis zum Tod führen, so Eisenmann. Jemand, der Übles plant, hat leichtes Spiel. Das Opfer reagiert mit Rauschsymptomen und kann sich danach an nichts erinnern. Vor allem, weil GHB laut der Erfinderin nur vier bis maximal zwölf Stunden im Körper nachweisbar ist. Der Wirkstoff werde als Vergewaltigungsdroge eingesetzt, aber auch bei Raub. „Ich glaube aber, dass das ­häufigste Motiv ein blöder Scherz ist“, sagt Eisenmann. Manche Leute fänden es lustig, wenn jemand herumtorkelt und umfällt.

Die Tiroler Polizei führt keine Statistik über den Einsatz von K.-o.-Tropfen. Vor allem in Zusammenhang mit Sexualdelikten würden Opfer aber immer wieder die Vermutung äußern, dass ihnen beeinträchtigende Substanzen ins Glas gemischt worden seien. Das Problem ist: „Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs ist das oft nicht mehr nachweisbar. Wir sind oft zu spät dran, beziehungs­weise die Anzeige wird zu spät gestellt“, so die Auskunft der Polizei. Bei Verdacht auf K.-o.-Tropfen werden die Opfer in der Klinik untersucht, die Staatsanwaltschaft kann den Auftrag geben, das Blut sicherzustellen. Allerdings zeige sich, „auch wenn wir rechtzeitig dran sind, in vielen Fällen, dass sehr viel Alkohol im Spiel war, aber keine K.-o.-Tropfen“.

Ohne das Test-Armband im Detail zu kennen, äußert sich Herbert Oberacher vom Institut für Gerichtsmedizin in Innsbruck zurückhaltend. „Wie bei jedem Schnelltest erwarten wir auch für das Armband das Auftreten von falsch positiven und falsch negativen Ergebnissen. Beides hat weitreichende Konsequenzen. Anwender sind sich dieser Problematik aber im Normalfall nicht bewusst“, schreibt er in einer Stellungnahme an die TT. Weiters macht der Gerichtsmediziner darauf aufmerksam, dass der Test nicht in der Lage ist, andere Wirkstoffe anzuzeigen, die ebenfalls wie K.-o.-Tropfen eingesetzt werden könnten.

„Es kann natürlich immer sein, dass einem jemand etwas ins Glas schmeißt, Ecstasy, Speed oder sonst was. Es wird keinen Test geben, der auf alle Drogen der Welt testen kann“, sagt Eisenmann. Das Armband sei für den Notfall gedacht, wenn man das Getränk doch kurz unbeaufsichtigt gelassen hat. Die Erfinderin setzt aber auch auf die bewusstseinsbildende und abschreckende Wirkung. „Es erinnert die Benutzer daran, achtsam zu sein. Und auch die bösen Jungs kennen das Armband. Die suchen sich lieber ein Opfer, das sie nicht entlarven kann.“