Letztes Update am Di, 06.08.2019 08:23

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Alterungsprozess stoppen: Ewige Suche nach der Unsterblichkeit

Sind amerikanische Forscher dem Jungbrunnen auf der Spur? Eine neue Studie verheißt, dass man die biologische Uhr zurückdrehen kann. Doch es gibt auch berechtigte Zweifel am Wunsch nach dem ewigen Leben.

(Symbolfoto)

© Yuri Arcurs(Symbolfoto)



Von Theresa Mair

Die Phantasie von der Unsterblichkeit beflügelt die Kreativität seit Menschengedenken. Sie findet in Künsten und Legenden ihren Niederschlag, in der griechischen Sage des fast unverwundbaren Achill etwa oder im Nibelungenlied mit dem beinahe unsterblichen Siegfried. Gruselig erscheint neben diesen strahlenden Helden das Bewusstsein der Vergänglichkeit, symbolisiert von der unerbittlich rieselnden Sanduhr des Lebens.

„Das Ziel ist, dass der Mensch mit hundert Jahren gesund ins Grab fällt.“ Markus Metka, 
Präsident der Österr. Anti-Aging-Gesellschaft
„Das Ziel ist, dass der Mensch mit hundert Jahren gesund ins Grab fällt.“ Markus Metka, 
Präsident der Österr. Anti-Aging-Gesellschaft
- Privat

Die Suche nach dem Jungbrunnen, die Sehnsucht, Schmerzen, Krankheit und Tod ein Schnippchen zu schlagen, treibt aber auch seriöse Biotechnologen und Mediziner wie Transhumanisten und Life-Extension-Freaks um. Sie arbeiten daran, dass die Vorstellung, den Tod abzuschaffen, bald mehr Realität als Phantasie sein wird.

Zweieinhalb Jahre jünger

Greg Fahy, der sich bisher vor allem in der Aids-Forschung einen Namen gemacht hat, verkündete vor gut zwei Wochen unter dem Titel „Reversing Human Aging Right Now!“ (dt.: „Das menschliche Altern umkehren, sofort!“) einen schier unglaublichen Studienerfolg. Zeit Online berichtete ausführlich über die Untersuchung Fahys, die es allerdings noch nicht bis zur Publikation in einem Fachmagazin geschafft hat. Fahy, medizinischer Direktor des US-Unternehmens Intervene Immune, soll es demnach zusammen mit seinem Team gelungen sein, die biologische Uhr von neun Männern von 51 bis 65 Jahren um zweieinhalb Jahre zurückzudrehen. Ein Proband berichtete der Online-Zeitung, dass ihm aus einer kahlen Stelle sogar wieder dunkle Haare sprießten. Fahys Ziel war aber viel mehr. Er habe es erreicht, den Thymus bei den älteren Herren wieder wachsen zu lassen. Das Organ zwischen Brustbein und Herz produziert bis ins Jugendalter alle Immunzellen, die für das restliche Leben reichen müssen. Ab 60 lässt das Immun­system deswegen nach. Interessant ist, dass Fahy das Thymuswachstum mit einem Cocktail von längst bekannten Medikamenten angeregt haben will, nämlich: dem Zuckermittel Metformin, dem Sexualhormon DHEA und dem Wachstumshormon hGH.

„Die Studie hat meines Erachtens eigentlich nicht viel Neues zu bieten“, zeigt sich Markus Metka, Gynäkologe und Präsident der Österreichischen Anti-Aging-Gesellschaft, zunächst wenig beeindruckt. Schon seit Jahren werde mit Metformin als „Anti-Aging-Droge“ spekuliert. „Meine Kollegen in Frankreich nehmen schon seit Jahren, wenn sie über 50 sind, auch wenn sie nicht zuckerkrank sind, Metformin.“

Das Medikament sei nebenwirkungsfrei und aufgrund abgelaufener Patentrechte billig. Die Pharmaindustrie habe deswegen wenig Interesse daran.

„Senolytika werden als Zukunftsfeld gesehen. Das sind richtige Wundermittel.“ Pidder Jansen-Dürr,
 Alternsforscher an der Universität Innsbruck.
„Senolytika werden als Zukunftsfeld gesehen. Das sind richtige Wundermittel.“ Pidder Jansen-Dürr,
 Alternsforscher an der Universität Innsbruck.
- Institut f. Biomedizinische Alte

„Metformin hat einen günstigen Einfluss auf den Zuckerstoffwechsel. Wir alle konsumieren viermal mehr Zucker, als wir sollten. Diabetes ist Altern im Zeitraffer“, sagt er. Einen Metformin-Effekt könne man aber auch mit Kurkuma und mit Fasten erzielen. Denn eines müsse klar sein: Ohne Rezept kein Metformin. „Wie Zuckerln darf man das nicht nehmen.“

Ebenso wie das Zuckermedikament sei auch schon seit 20 Jahren bekannt, dass DHEA eine wichtige Rolle in der alterspräventiven Medizin spielen dürfte. „Das ist eine wirklich tolle Substanz, die von der Nebennierenrinde erzeugt wird. Wenn es fehlt, ist man antriebslos wie eine tote Fliege. Die Amerikaner bezeichnen DHEA auch als Power Hormon.“ Dort könne man das Hormon in jedem Supermarkt kaufen – hierzulande ist es verschreibungspflichtig. „Es ist sehr wichtig, dass man im Blut misst, ob etwas fehlt und erst dann die entsprechende Menge DHEA subs­titutiert“, erklärt Metka, der bisweilen auch als Anti-Aging-Papst bezeichnet wird.

Unsterblichkeit mit Risiken

Beim dritten Mittel, dem Wachstumshormon hGH, schreckt Metka allerdings zurück. „Ich sehe diesen Teil als nicht ungefährlich. Das Wachstumshormon lässt nicht nur das wachsen, was man sich wünscht, sondern es kann auch der Krebs wachsen“, sagt er.

„Man kann sich nicht sicher sein, was passiert, wenn man den Thymus aktiviert.“ Gabriele Werner-Felmayer, 
Biochemikerin und Medizin­Ethikerin an der  Med-Uni Innsbruck.
„Man kann sich nicht sicher sein, was passiert, wenn man den Thymus aktiviert.“ Gabriele Werner-Felmayer, 
Biochemikerin und Medizin­Ethikerin an der Med-Uni Innsbruck.
- MUI

Die These, dass das Immunsystem und damit der Thymus wichtig sind, um dem Altern vorzubeugen, unterstützt Metka allerdings. „Der Mensch ist so alt wie sein Immunsystem. Mit 90 kann einer noch gut drauf sein, dann bekommt er eine Lungenentzündung und ist tot, weil es das Immunsystem nicht mehr schafft.“

Es gebe jedoch auch andere Wege, die Körperabwehr auf Hochtouren zu bringen (siehe: Infokästchen). „Ziel ist, dass der Mensch mit hundert Jahren gesund ins Grab fällt und die lange Phase der Krankheit vor dem Tod komprimiert wird“, sagt Metka.

Manche seiner Kollegen gingen sogar davon aus, dass heute Geborene bereits 140 Jahre alt werden können. Doch nicht nur in Silicon Valley wird Alternsforschung betrieben, sondern auch an der Universität Innsbruck. Von 9. bis 12. September findet hier zum Thema „Altern und Regenerationsmedizin: Wohin geht die Reise?“ auch ein Workshop mit Podiumsdiskussion am 10. September (19.30 bis 21 Uhr) statt. Der Biologe und Alternsforscher Pidder Jansen-Dürr wird mit internationalen Experten, Bischof Hermann Glettler und dem Bio-Ethiker Hans-Jörg Ehni diskutieren (Mehr Infos: ageingandregeneration2019.febsevents.org).

Jansen-Dürr setzt in seiner Forschung auf Substanzen, die derselben Wirkstoffgruppe wie Metformin angehören. „Es gibt viele Studien, die mit Nagern durchgeführt wurden, Versuche mit Menschen wären derzeit unseriös, weil die Wirkstoffe dafür nicht getestet sind.“ Resveratrol, das vor allem in Rotwein enthalten ist, schützt die Leber. Spermidin treibt die Autophagie – quasi die Müllabfuhr und das Recycling in den Zellen – an und ist natürlicherweise etwa in gereiftem Käse und Nüssen vorhanden. Nicotinamid-Ribosid kann die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, im Alter gesund erhalten.

Langes vs. ewiges Leben

Abgesehen davon seien so genannte Senolytika eine neue Kategorie in der alterspräventiven Medizin. „Das sind richtige Wundermittel. Senolytika werden als großes Zukunftsfeld gesehen“, ist Jansen-Dürr überzeugt. Diese Mittel spüren, seneszente Zellen gezielt im Körper auf und töten diese. „Seneszente Zellen sind Zellen, die im Laufe der Zeit im Alterungsprozess ihre normale Funktion verloren haben und die dann schlecht für den Organismus sind.“ Im Mausmodell sei es mit Senolytika bereits gelungen, diese Zellen abzuschalten und u. a. so die Herz- und Nierenfunktion der Nager wieder zu verbessern.

Die Schildkröte „Lonesome George“ wurde ca. 100 Jahre alt. Schon heute könnten Menschen sein Alter einholen.
Die Schildkröte „Lonesome George“ wurde ca. 100 Jahre alt. Schon heute könnten Menschen sein Alter einholen.
- DPA / CURRENT BIOLOGY

An der TRIIM-Studie von Greg Fahy gefällt Jansen-Dürr die Strategie, Wirkstoffe miteinander zu kombinieren, skeptisch ist er aus demselben Grund wie Metka. „Wachstums- und Sexualhormone müssen sich wie nahezu alle potenziellen Anti-Aging-Wirkstoffe den Vorwurf gefallen lassen, dass potenziell Krebs wächst.“

Zweifel gegenüber der US-Studie äußert auch Gabriele Werner-Felmayer.„Bei derartigen Therapien stellt sich die Frage nach Nebenwirkungen, bei Anregung des Wachstums von Geweben auch die Frage nach dem Potential, unerwünschte Zellen zum Wachstum anzuregen. Man kann sich nicht sicher sein was passiert, wenn man den Thymus aktiviert.“

Als Medizinethikerin kritisiert sie den frühen Zeitpunkt, an dem die Forscher mit einer kleiner Probandenzahl an die Öffentlichkeit traten. Werner-Felmayer geht davon aus, dass finanzielle Interessen dahinterstecken. Die Firma brauche Risikokapital, um die Forschung fortführen zu können.

Und dann ist da noch die Frage, ob das ewige Leben in der Phantasie nicht besser aufgehoben ist als im wahren Leben. „Verträgt der Planet noch mehr alte weiße Männer?“, fragt die Expertin bewusst provokant. Immerhin besteht die Gefahr dass nur die Reichen von der Technologie profitieren. Sollten nicht die Alten den Platz für die Jungen freimachen, Macht abgeben? Letztlich müssten sie sich für die Unsterblichkeit auch die Hirne verändern und lernen, zu vergessen. Und was ist schon ein Leben, auf das man nicht zurückblicken kann?