Letztes Update am So, 11.08.2019 07:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Wie Erziehungsratgeber um die Herzen der Mütter buhlen

Kuscheliger Körperkontakt: Bindung und viel Nähe durch Tragen prägen den aktuellen Trend des Attachment Parenting.

© iStockphotoKuscheliger Körperkontakt: Bindung und viel Nähe durch Tragen prägen den aktuellen Trend des Attachment Parenting.



Von Beate Troger

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Überehrgeizige Tigermütter. Dauerbesorgte Helikopter-Eltern. Narzisstische Tyrannenkinder. Öko-Muttis. Kategorien und Schubladen für Eltern und deren Nachwuchs gibt es mittlerweile viele. Jetzt kommt eine neue Gattung dazu: die Panda-Mama. Erfolgreiche und glückliche Kinder sollen das Ergebnis sein, wenn man die Tipps in dem gleichnamigen Buch von Esther Wojcicki befolgt. Die 78-Jährige gilt in den leistungsorientierten USA als Supermutter. Ihre drei Töchter legten Mega-Karrieren hin: Susan ist die Chefin der Google-Tochter Youtube. Anne gründete ein millionenschweres Biotechnologieunternehmen. Janet ist Professorin für Kinderheilkunde.

Faulsein und Fressen, das assoziiert man eigentlich mit den putzigen und etwas tollpatschigen Pandabären. Diese Metapher passt so gar nicht zu den Hochleistungstöchtern der pensionierten Lehrerin. Doch es ist die Gelassenheit der Panda-Mütter, die zu dem Bild führe, argumentiert Esther Wojcicki. Frühe Selbstständigkeit, Vertrauen, Eigenverantwortung, aber alles ganz ohne Druck, so lauten ihre Ratschläge.

Aber sind die Eltern von heute tatsächlich so verunsichert, dass sie die Flut an Erziehungsratgebern brauchen? „Ja, sehr oft“, sagt Iris van den Hoeven, die das Tiroler Elternbildungsportal Blickpunkt Erziehung (www.blickpunkt- erziehung.at) verantwortet. Einerseits falle heute die Orientierungshilfe in den Mehrgenerationenfamilien weg, andererseits habe sich die Lebensrealität vor allem von Müttern stark verändert. Das schlechte Gewissen, weil frau sich zwischen Teilzeitjob, Kinderkrippe, Spielplatz, Haushalt und eigenen Hobbys abstrampelt und ständig von dem Gefühl begleitet wird, alles irgendwie nicht so richtig auf die Reihe zu kriegen? Völlig abartig für den Großteil der heutigen Großmüttergeneration. „Viele Fragen der Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie stellten sich vor dreißig Jahren einfach überhaupt nicht“, erklärt sie.

Alles eine Frage der Ideologie

Verloren gegangen sei auch eine gesunde elterliche Intuition. „Im Grunde gibt es nur einen einzigen Erziehungsweg, und das ist der, der zur eigenen Familie passt“, fasst sie zusammen, „denn jede Familie ist anders.“

Betrachtet man die Titel der Erziehungsratgeber, die die Bestsellerlisten stürmen, fällt schnell auf: Es geht um Ideologie. „Tyrannenkinder“, steht auf der Titelseite des einen Wälzers, „Unerzogen“ propagiert das andere Buch. Was die Autoren als allgemeingültige Anleitungen postulieren, spiegelt oft persönliche Ansichten wider und unterliegt einem gewissen Zeitgeist. Schreien lassen, riet Annette Kast-Zahn in ihrem Ratgeber „Jedes Kind kann schlafen lernen“ aus dem Jahr 1995. Kuscheln und trösten, raten die anderen.

Attachment Parenting heißt der aktuellste Trend in den heimischen Kinderzimmern. Demnach sollen Kinder von Geburt an eine intensive und sichere Bindung zu den Eltern aufbauen. So lautet die These des US-amerikanischen Kinderarztes William Sears. Stillen, Tragen, Einschlafbegleitung, Familienbett, Bedürfnisse erfüllen – auch die der Eltern. Das sind die konkreten Ratschläge, um den Grundstein für eine glückliche und ausgeglichene Entwicklung der Kinder zu legen.

Wachsen lassen: Größere Kinder brauchen auch Raum für eigene Erfahrungen, sind sich Experten einig.
Wachsen lassen: Größere Kinder brauchen auch Raum für eigene Erfahrungen, sind sich Experten einig.
- Getty Images

„Wer Mutter wird, muss sich im Grunde für ein Weltbild entscheiden“, sagt die Autorin und dreifache Mutter Nora Imlau. Erstlings- eltern fehlt dabei aber die Orientierung. Die simplen Grundsätze des Attachment Parenting verwässern immer mehr, kritisiert sie auch. Windelfrei, vegane Kinderernährung, Hausgeburt, Impfverweigerung, viele Trendthemen fließen mit ein. Sie ortet die Gefahr einer „elitären Nische, in der sich Eltern gegenseitig auf die Schulter klopfen, weil sie alles besser machen als die breite Masse“. Zudem tendieren viele Mütter dazu, die Bedürfnisse des Babys weit über ihre eigenen zu stellen, bis zur Selbstaufgabe.

Der Druck, den sich Eltern selbst auferlegen, ist enorm. Das bestätigt auch Christian Hiltpolt, Leiter der Erziehungsberatung des Landes Tirol. „Werbung und Medien zeigen jeden Tag die perfekten Familien“, sagt er. Das wecke den Wunsch, selbst alles mit Leichtigkeit hinzukriegen und nach außen ein perfektes Image abzugeben. „Wenn es mir selber mit meinen Kindern gut geht, brauche ich aber das Bild für die anderen nicht“, erklärt der Experte.

Aus Unsicherheit wächst Angst

Auch die Kinder würden heute massiv unter Druck stehen: „Viele haben schon im Kleinkindalter mit Kursen ein volles Programm“, kritisiert Hiltpolt. So gehe Langeweile verloren, und damit die wertvolle Chance, dass die kleinen Menschen in ihrer Entwicklung lernen, sich ohne Reize zu spüren.

Neben Druck und Verunsicherung macht er in der Folge in den Herzen der Eltern eine noch intensivere Emotion aus: Angst. „Kinderwägen sind immer größer geworden“, beobachtete er, „und im Schlaf werden Kinder mit Video-kameras überwacht.“

Angst also. Angst, die Kinder zu sehr zu verziehen. Am anderen Ende des Spektrums Angst, die Kinder zu stark einzuschränken. Angst als treibender Motor der Lebensaufgabe Erziehung bietet nicht gerade ideale Voraussetzungen. Also doch der zoologisch inspirierte Erziehungsratgeber?

Elternbildung sei der Schlüssel, sagt Iris van den Hoeven. Wissen, auf welcher Entwicklungsstufe sich das Kind befindet. Was versteht es aufgrund der Gehirnreife. Was fühlt die große Schwester, wenn das Geschwisterchen auf die Welt kommt. „Die Trotzphase etwa hat nichts mit Trotz zu tun, sondern mit der Entdeckung des Ich“, erklärt sie. Wenn sich der Zweijährige brüllend auf den Boden werfe, sei das ein Zeichen dafür, dass bei der Entwicklung schon viel geklappt habe. Dass angesichts des tobenden Kleinkindes auch Eltern an ihre Grenzen geraten, sei ganz natürlich. „Kinder müssen die Erfahrung machen, dass Mama und Papa ebenfalls wütend sind, und vor allem authentisch“, sagt sie.

Die Frage nach dem Begriff der Autorität, in vielen Kreisen ein Tabu-Thema, beantwortet die Pädagogin pragmatisch. „Kinder brauchen jemanden, der weiß, wo es langgeht“, sagt sie. Ein liebevoller Rahmen als Orientierung. Regeln für Groß und Klein. Grenzen, an denen sich Kinder ausprobieren und auch scheitern dürfen. Konsequenzen, aber nicht in Form von Strafen, sondern als logische Folge, die der Nachwuchs selbst erfahren müsse. Leitwolf, nannte es Jesper Juul. Eltern als Bergführer, dieses Bild verwendet die Tirolerin: „Er kennt das Ziel und zeigt die beste Route, warnt vor schwierigen Passagen, aber lässt die Wanderer den Weg selbst gehen.“

Genauso wenig wie der Bergführer die Kameraden zum Gipfel hinaufzieht, hat Erziehung mit Ziehen in eine bestimmte Richtung zu tun. Sondern mit Beziehung.

Die Experten

Jan-Uwe Rogge: Der 1995 erschienene Ratgeber „Kinder brauchen Grenzen“ des 72-jährigen Deutschen wurde weltweit mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft. Rogge plädiert in seinen 36 Büchern für Grenzen als Rahmen, der Kindern, aber auch den Eltern, Halt, Sicherheit und Geborgenheit gibt. Humor und Gelassenheit sind Kernpunkt seiner Arbeit.

Jesper Juul: Beziehung statt Erziehung im Sinne von Formen, Vertrauen in die natürliche soziale und emotionale Kompetenz des Kindes. Das sind die Grundpfeiler der Werke von Jesper Juul, der erst kürzlich im Alter von 71 Jahren verstorben ist. Der Däne gründete die Familylab-Institute, die sich in 19 Ländern der Elternbildung im Sinne Juuls widmen.

William Sears: Der 80-jährige US-Kinderarzt begründete den Trend zum Attachment Parenting, was bindungs- oder bedürfnisorientierte Elternschaft bedeutet, vor allem im Babyalter. Kindertränen müssen demnach immer ernst genommen werden. Intensiver Körperkontakt gibt Kindern Sicherheit: nachts im Familienbett, tagsüber in der Babytrage.

Die Sandkiste, das Haifischbecken

Argwöhnische Blicke und Lauern auf einen möglichen pädagogischen Ausrutscher: Warum tobt unter Müttern ein härterer Konkurrenzkampf als im Job?

Von Beate Troger (beate.troger@tt.com)

Neulich am Spielplatz, dem Lieblingsrevier meines Viereinhalbjährigen. Er und zwei andere Buben im ähnlichen Alter tun das, was Buben in dem Alter einfach tun. Kräfte messen. Wer hat das bessere Fahrrad. Wer baggert das größere Loch. Und auf einmal fliegen zwischen den Rabauken die Fetzen und die Fäuste.

Meine Haltung zu dem Vorfall? Beobachten. Abwarten, ob und wie die Kinder die Situation selbst lösen können. Erfahrungen, auch unangenehmere, zulassen. Doch die Mutter eines Kontrahenten sieht das anders. Noch bevor klar ist, wer, wie, was, warum gesagt oder getan hat, brüllt sie mich wie eine Furie an, warum ich nicht sofort eingeschritten bin.

So viel Wut. So viel Feindseligkeit. So viel destruktive Energie – obwohl bei uns Mamas die Batterien oft nicht so prall gefüllt sind. Wir hätten uns verständnisvoll anlächeln können. Ja, alles wieder gut. Buben halt. Nein, Hauen oder Beißen geht natürlich nicht, eh klar. Pfiat euch, und bis morgen.

Stattdessen entlädt sich zwischen Rutsche und Schaukel die geballte Stutenbissigkeit. Auch wenn jede Mutter das Beste für ihr Kind will, möchten es so viele noch mal besser machen. Der mit hochkalorischer Munition ausgetragene Wettkampf um die beste Picknickjause lässt so manche Mama, die „nur“ gekaufte Bio-Kekse mit hat, an ihren Mutterqualitäten zweifeln.

Erziehungsratgeber füllen Regalwände und propagieren, wie einfach es doch sein könnte. Auch die kleine Momentaufnahme der Mutter von der anderen Straßenseite gaukelt vor, dass alles ja wirklich ganz leicht geht. „10 Schritte, wie dein Kind gehorsam und pflegeleicht wird“, kursieren durchs Internet. Und wenn bei strikter Befolgung nicht das gewünschte Resultat zutage kommt, hast du dich als Mama einfach nicht genug angestrengt. Punkt. Kein Wunder, dass viele Eltern völlig verunsichert sind.

Aber Kinder beim Erwachsenwerden und darüber hinaus zu begleiten, läuft nicht nach Kochrezept. Der Mini-Mensch ist auch keine Maschine, die funktioniert, wenn man nur den richtigen Knopf drückt.

Diese Illusion aber lässt uns Eltern heute zu Einzelkämpfern statt zum Rudel werden. Wir sollten uns mehr austauschen und gegenseitig bestärken. Mamas von anderen vierjährigen Temperamentbolzen plagen vermutlich dieselben Gedanken. Wir sitzen ja alle an derselben Sandkiste.