Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 22.08.2019


Gesundheit

Barfußschuhe: Schuhe, die keine sein wollen

Barfußschuhe imitieren das Barfußlaufen und werden immer populärer. Orthopäden begrüßen den Trend, uneingeschränkt für jeden sind die Schuhe aber nicht geeignet.

Freiheit für die Füße, so lautet die Empfehlung. Am besten richtig barfuß oder in Minimalschuhen.

© iStockphotoFreiheit für die Füße, so lautet die Empfehlung. Am besten richtig barfuß oder in Minimalschuhen.



Von Beate Troger

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Innsbruck – Ohne unsere Füße geht gar nichts. 26 Knochen, 32 Muskeln, 27 Gelenke und 107 Bänder tragen uns durchs Leben. Schritt für Schritt. Jeden Tag. Doch meist werden die Füße vernachlässigt und in enge Schuhe gequetscht. „Barfußlaufen ist die natürlichste und gesündeste Bewegung für Füße und Beine“, betont der Innsbrucker Orthopäde Peter Kapfinger.

Er rät sowohl Kindern als auch Erwachsenen, die Schuhe so oft wie nur möglich wegzulassen: daheim, am Strand, auf der Wiese oder im Wald. Brauchen Fußsohle und Zehen wegen kalter Temperaturen oder piksender Böden dennoch Schutz, können Barfußschuhe, auch Minimalschuhe genannt, eine Alternative zur Bloßfüßigkeit sein. „Der Trend geht klar zur Natürlichkeit“, erklärt der Facharzt, „und damit wird das Barfußlaufen auf eine gesunde und sinnvolle Art und Weise imitiert.“

Diese leichten Schuhe mit dünner Sohle, ohne Fußbett, ohne Fersenabsatz, ohne Dämpfung und mit viel Raum für die Zehen zum gesunden Abrollen setzen sich am Markt immer stärker durch. Der Vorarlberger Bruno Kühne betreibt bereits seit vier Jahren in Feldkirch und Lindau zwei Fachgeschäfte für Barfußschuhe. Kommendes Wochenende eröffnet sein drittes Geschäft in der Innsbrucker Altstadt.

Moderne Barfußschuhe sind winterfest – und modisch.
Moderne Barfußschuhe sind winterfest – und modisch.
- vivobarefoot

„Sowohl barfuß als auch in Minimalschuhen spürt man beim Gehen den Untergrund und aktiviert damit den gesamten Bewegungsapparat und die Nervenrezeptoren im Fuß“, weiß er. Da das Fußbett fehlt, werden Muskeln und Bänder des Längsgewölbes gestärkt. Etwa jeder dritte Erwachsene sei von Fehlstellungen der Füße betroffen, sagt Kühne. Sehr oft seien modische oder vermeintlich innovative Schuhe schuld daran, zitiert er mehrere Studien. So ist der US-Evolutionsbiologe David Lieberman der Frage nachgegangen, warum trotz modern gedämpften und stützenden Schuhwerks immer mehr Menschen unter Fehlstellungen und Schmerzen in den Füßen leiden.

Er verglich 2010 den Laufstil von Amerikanern in High-Tech-Laufschuhen mit jenem von Kenianern, die barfuß oder nur auf dünnen Sohlen rennen. „Das Barfuß-Gangbild ist ein anderes“, erläutert Kühne, „man verwendet den Vorfuß stärker und tritt nicht mit dem gesamten Gewicht auf der Ferse auf.“

Das Ergebnis der Studie erstaunt: Ganz ohne Schuhe könne der Fuß die normale Belastung beim Gehen fünfmal besser abfedern als in herkömmlicher Fußbekleidung. Das Hüftgelenk werde in Schuhen mit leicht erhöhter Ferse um 53 Prozent stärker belastet, das Knie immerhin noch um 38 Prozent, geht aus einer weiteren Studie hervor.

Diese Erkenntnisse lassen sich Kühne zufolge eins zu eins auf Minimalschuhe umlegen. „Menschen, die berufsbedingt viel gehen oder stehen müssen, berichten etwa, dass sie in Barfußschuhen keine müden Beine oder Schmerzen mehr haben“, sagt der Fachhändler.

Uneingeschränkt für jeden seien die Minimalschuhe aber nicht geeignet, räumt Facharzt Kapfinger ein. „Wenn die statische Struktur der Füße, also die Knochenstellung, in ihrer Funktion beeinträchtigt ist, würden Barfußschuhe die Probleme oft noch verstärken und Schmerzen bereiten.“ Dann seien orthopädische Einlagen unverzichtbar. Er würde auch Personen mit gesunden Füßen davon abraten, Fußbett und Dämpfung von heute auf morgen komplett abzuschwören. „Denn der Fuß muss sich erst langsam an das neue Gehen gewöhnen“, erklärt der Mediziner.

Auch Barfußschuhe für Kinder haben den Markt erobert.
Auch Barfußschuhe für Kinder haben den Markt erobert.
- Filii Barefoot

Geht es um Kinder, klaffen die Meinungen von Arzt und Barfußschuh-Profi auseinander. Optimal seien die Minimalschuhe für Kinder, sagt Händler Bruno Kühne, denn darin könnten die Kleinsten den natürlichen Drang zum Barfußlaufen auch bei Wind und Wetter ausleben.

Orthopäde Peter Kapfinger schwört auf natürliches Barfußlaufen, aber bevorzugt auf weicheren Böden. Dass Kinder ausschließlich Minimalschuhe ohne Dämpfung und Fußbett tragen sollten, betrachtet er kritisch. „Empfindliche Kinderfüße, die sich im Wachstum befinden, sind noch nicht stabil genug, um auf hartem Asphalt ohne Dämpfung gehen zu können“, erläutert er.

Und egal, ob jung oder alt, für gesunde Füße rät er zu „Bewegung, Bewegung, Bewegung“. Wenn man die Füße zu wenig benützt, helfen die besten Barfußschuhe nicht.

Was Barfußschuhe ausmacht

Kriterien: weiche, dünne Sohle, Verzicht auf Fußbett, kein erhöhter Fersenabsatz, keine Dämpfung oder Stütze, breiter Zehenraum zum Abrollen.

Hersteller: Marktführer in Europa ist der britische Hersteller Vivobarefoot. Speziell für Kinder sind Schuhe von Filii Barefoot populär.

Zielgruppe: Kunden von Bruno-Kühne-Geschäften „Schuhe wie Barfuß" (ab 24.8. in Innsbruck, Seilergasse) sind im Schnitt 30 bis 5O Jahre alt, die Zielgruppe verjüngt sich stetig. Für Barfußschuh-Anhänger sind Natürlichkeit und Umweltbewusstsein wichtig. Viele Schuhe bestehen aus Bio-Leder oder sind vegan und werden nachhaltig in Europa produziert.




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