Letztes Update am Do, 29.08.2019 07:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


70 Jahre Schnuller

Nuckeln mit Bedacht: Der Schnuller darf kein Stöpsel sein

Vor 70 Jahren wurde der Schnuller in Deutschland patentiert, heute ist er in fast aller Munde. Doch der Beruhigungssauger hat nicht nur Vorteile. Es gilt: Nuckeln ist erlaubt, aber bitte mit Bedacht.

Viele Kinder sind ganz heiß auf ihren Schnuller. Doch als Eltern tut man gut daran, ihn nur gezielt einzusetzen.

© iStockphotoViele Kinder sind ganz heiß auf ihren Schnuller. Doch als Eltern tut man gut daran, ihn nur gezielt einzusetzen.



Von Theresa Mair

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Innsbruck – Nicht ohne meinen „Dutzi“, scheint die Devise vieler Babys zu lauten. Sie haben ihn gern zum Einschlafen, als Trost und zum Nuckeln zwischendurch. Bei vielen Eltern ist der Schnuller als „Beruhigungsmittel“ für das Kind gleichermaßen beliebt. Vor 70 Jahren, im August 1949, haben Wilhelm Balters und Adolf Müller den Schnuller, so wie wir ihn heute ungefähr kennen, patentieren lassen. 1956 wurde die Marke NUK daraus. Das Akronym steht für „natürlich und kiefergerecht“. Dem würden Stillberater, Mediziner und Logopäden heute jedoch nicht mehr ungeteilt zustimmen. Der Schnuller hat Vor- und Nachteile. Ein Überblick:

„Dutzi“ als Medikament

Magdalena Filzer und Julia Prindl sind Logopädinnen, Prindl zudem Stillberaterin an der Innsbrucker Kinderklinik. Die Expertinnen empfehlen Eltern, mit dem Schnuller grundsätzlich wie mit einem Medikament umzugehen. „Er hat auch Nebenwirkungen.“ Entsprechend gezielt soll der Schnuller eingesetzt werden, und nie als „Stöpsel“, mit dem man ein Kind ruhigstellen kann. Sie sollten also überlegen, ob der Schnuller in der Situation das passende Mittel ist, oder ob das Bedürfnis des Kindes anders erfüllt werden kann, z. B. durch Körperkontakt, Reden, Spielen, Wickeln, Füttern, Tragen etc. Wenn das Kind schreit, während sich die Mutter z. B. beim Autofahren konzentrieren muss, kann der Schnuller aber hilfreich sein.

Steckbrief des Schnullers

Die Bandbreite der Schnuller ist groß. Ganz gleich wie sie geformt oder beschaffen sind, werden sie als „kiefergerecht“, „physiologisch“, „natürlich“, „orthodontisch“ usw. beworben. Bei der Auswahl gilt es jedoch auf folgende Kriterien zu achten: Die Lippenauflage des Lutschteils soll schmal sein, damit die Schneidezähne nicht am Wachsen gehindert werden und der physiologische Lippenkontakt so wenig wie möglich negativ beeinflusst wird. Das Lutschteil selbst soll beweglich sein. Eine möglichst flache, quer ovale Form nimmt der Zunge am wenigsten Raum. Außerdem: „Ein Schnuller muss nicht mitwachsen“, betont Prindl.

Eine Frage der Zeit

Kinder haben ein angeborenes Saugbedürfnis. „Dieses Bedürfnis soll man sie anfangs an der Brust ausleben lassen, damit die Milchproduktion richtig in Gang kommen kann“, sagt Prindl. Falls ein Schnuller gewünscht wird, sollte dieser erst nach fünf bis sechs Wochen eingesetzt werden. Und dann „so wenig wie möglich und so viel wie nötig“, wie Filzer ergänzt. Wenn das Baby den Sauger zum Einschlafen braucht, könne man diesen z. B. wieder herausnehmen, wenn es schlummert. Dauerhaftes Nuckeln könne negative Folgen für die Kiefer- und für die mundmotorische Entwicklung haben. Tipps der Expertinnen: Nur einen Schnuller verwenden und nicht mehrere herumliegen lassen sowie auf Schnullerketten verzichten, damit sich das Kind nicht ständig selbst bedienen kann.

Nützlicher Schnuller

Laut dem Europäischen Institut für Stillen und Laktation „kann ein Schnuller therapeutische Wirkung“ für Frühgeborene haben. Auch an der Innsbrucker Kinderklinik bekommen Frühchen spezielle kleine Beruhigungssauger. Relativ gesichert ist dem Institut zufolge auch die schützende Wirkung des Schnullers gegen SIDS (plötzlicher Kindstod). Dies gelte allerdings v. a. für Kinder, die nicht gestillt werden, und nur beim Einschlafen.

Schnuller-Probleme

Gemäß dem Europäischen Institut für Stillen und Laktation steht der Einsatz des Schnullers in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Mittelohrentzündung. Das Nuckeln am Schnuller stört außerdem das Muskelgleichgewicht im und um den Mund, wie Filzer erklärt. Die Zunge hat normalerweise ihren Ruhepunkt am Gaumen hinter den Schneidezähnen. Insofern ist der Schnuller ein Störfaktor, weil er die Zunge nach unten drückt. „Das kann dazu führen, dass das Kind später den Ruhepunkt am Gaumen gar nicht mehr findet, weil sich dieser nach unten verlagert. Dadurch können Artikulationsstörungen entstehen.“ Durch den Fremdkörper zwischen den Zahnreihen kommen obere und untere Zahnreihe nicht mehr in Kontakt – auf Dauer entsteht so der so genannte offene Biss.

Schnuller-Hygiene

Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde empfiehlt, den Schnuller regelmäßig auszukochen (nicht im Geschirrspüler). Eltern sollten den Beruhigungssauger demnach auch nicht abschlecken, um das Kind nicht mit Kariesbakterien anzustecken. Immunologische Studien legen jedoch nahe, dass Kinder, deren Eltern den Schnuller abschlecken, später seltener Asthma und Ekzeme entwickelten sowie weniger allergieanfällig seien. Ein No-Go ist es jedenfalls, den „Dutzi“ in Honig oder dergleichen einzutunken.

Von Worten vertrieben

Sobald das Kind die ersten Worte spricht, ist es an der Zeit für eine kingerechte Schnuller-Entwöhnung. Es ist oft nicht leicht für die Kleinen, auf den Schnuller zu verzichten – immerhin hat er sie lang begleitet, ihnen beim Einschlafen geholfen, sie getröstet und sie beruhigt. Neue Rituale, wie z. B. Kuscheln, Vorlesen oder ein Gute-Nacht-Lied sind hier sinnvoll, um den Verlust des Schnullers aufzufangen.