Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.10.2019


Mundhygiene

Dachshaar im Mund: “Grüne Borsten“ umstritten

Der Kampf gegen den Klimawandel ist im Bad angekommen: Wer auf Plastik verzichten will, kann zu Zahnbürsten mit Dachshaar und Schweineborsten greifen. Doch die „grünen“ Bürsten polarisieren.

Zahnbürste aus Holz mit Naturborsten: (v.li.) Kinderzahnbürste mit Schweinehaaren, Holzzahnbürste mit Schweinehaaren, Holzzahnbürste mit Dachshaaren.

© Foto TT/Rudy De MoorZahnbürste aus Holz mit Naturborsten: (v.li.) Kinderzahnbürste mit Schweinehaaren, Holzzahnbürste mit Schweinehaaren, Holzzahnbürste mit Dachshaaren.



Von Judith Sam

Innsbruck – Wer Wert auf Mundhygiene legt, wird in jedem Supermarkt mit Zahnbürsten versorgt. Ein Luxus, von dem man einst nur träumen konnte. So bekämpfte der griechische Arzt Hippokrates Mundgeruch in der Antike noch mit einem Zahnpulver samt Weinaufguss. Pikantes Detail am Rande: „Das Pulver bestand aus einem zu Asche gebrannten Hasenkopf und drei Mäusen“, weiß Wilfried Wolkerstorfer, Kustos des Linzer Museums für die Geschichte der ­Zahnheilkunde.

Nahezu verlockend war im Vergleich dazu die Empfehlung des antiken römischen Dichters Ovidius. Er benutzte einen Stofflappen zur Zahnreinigung. Araber entwickelten schließlich den Vorläufer der heutigen Zahnbürste. Dazu legten sie einen Zweig, dessen Ende sie büschelförmig aufgeschnitten hatten, in Wasser ein und kauten anschließend darauf herum.

Wer heute Wert auf ein strahlendes Lächeln legt, kann auch zu Holzzahnbürsten greifen. Deutlich moderneren, wohlgemerkt. In mehreren Innsbrucker Geschäften werden Naturbürsten mit Dachshaar oder Schweineborsten angeboten. „Früher haben sich vor allem ältere Kunden für diese Produkte interessiert. Doch in den letzten zwei, drei Jahren suchen vermehrt junge Menschen danach, weil sie Plastik meiden wollen“, erklärt Sabine Stastny, die Inhaberin des gleichnamigen Familienunternehmens in Innsbrucks Altstadt.

Der Holzkörper ihrer Bürsten besteht aus Buchenholz. Die Borsten und Haare werden mehrfach ausgekocht, zurechtgeschnitten und mittels Draht, ganz ohne Klebstoff, im Holz verankert.

Klingt nach einer optimalen Lösung, um Zähne auf ökologische Weise zu pflegen. Wäre da nicht die Skepsis so manchen Zahnarzts. „Solche Bürsten können eine Spielwiese für Keime sein. Nach zwei, drei Tagen versammeln sich mehr Keime darin als im Mund. Bei Nylonbürsten ist diese Entwicklung zwar auch der Fall – aber es dauert wesentlich länger, bis es so weit ist“, sagt der Innsbrucker Zahnarzt Marcellus M. Weger.

Er betont, dass Keime nicht zu unterschätzen sind: „Selbst Hautcremes sollte man mit einem kleinen Spatel aus dem Gefäß nehmen, weil bei jeder Berührung mit dem Finger Keime in die Creme gelangen, die sich dort ausbreiten. Im feuchten Milieu des Mundes ist dies noch viel intensiver.“

Stastny lässt dieses Argument nicht gelten: „Dass sich mehr Bakterien sammeln, weil die Borsten hohl sind, ist nicht bewiesen.“ Vielmehr würden Bakterien durch die ätherischen Öle im Bürstenholz besser abgebaut als auf Plastikalternativen.

Paul Hougnon, Präsident der Tiroler Zahnärztekammer, wirft ein weiteres kritisches Argument ein: „Zahnbürsten aus Kunststoff haben eine standardisierte Härte und abgerundete Borsten. Diese sind schonend zu Zahnschmelz und Zahnfleisch und es ist fraglich, ob dies bei Tierhaar so erreichbar ist.“

Stastny bezweifelt dies nicht. Im Gegenteil: „Das weiche Dachshaar eignet sich besonders bei Zahnfleischproblemen. Zudem lässt sich der Härtegrad bei Naturborsten regulieren. Legt man sie in warmes Wasser ein, werden sie weicher.“

Die Experten sind sich – wie könnte es anders sein – auch im dritten Punkt nicht einig: der Frage, wie oft man Zahnbürsten wechseln sollte. Während Stastny kein Problem darin sieht, ihre 8,90 Euro teuren Bürsten ein Jahr lang zu verwenden, rät Zahnarzt Weger zu deutlich kürzeren Zeiträumen: „Ich empfehle meinen Patienten, alle drei Monate zu wechseln. In der momentanen Grippesaison sogar öfter. Hat man einen Infekt auskuriert, tummeln sich die zugehörigen Bakterien noch in der Zahnbürste und könnten ein erneutes Ausbrechen der Krankheit fördern.“

Ob es empfehlenswert ist, den Klimawandel vom Badezimmer aus zu bekämpfen und Plastikbürsten zu meiden, muss jeder für sich entscheiden. Klar ist, dass man sich glücklich schätzen kann, dass Zahnbürsten stets weiterentwickelt werden. Die erste industriell hergestellte stammt übrigens aus dem Jahr 1780, als der Brite William Addis während eines Gefängnisaufenthaltes auf die Idee kam, Kuhborsten in Kuhknochen zu fixieren. Nicht überliefert ist, was damals als Zahnpaste benutzt wurde. Aber will man das wirklich so genau wissen?