Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.11.2019


Gesundheit

Demenz: Auf der Suche nach einem Mittel gegen das Vergessen

2025 werden in Tirol etwa 24.000 Menschen mit Demenz leben. Forscher suchen dringend nach einem Weg, um die Krankheit zu stoppen. Bremsen kann man sie schon.

Forscher suchen nach einem Baustein, mit dem sie die Entstehung von Demenz stoppen können.

© Getty Images/iStockphotoForscher suchen nach einem Baustein, mit dem sie die Entstehung von Demenz stoppen können.



Von Theresa Mair

Hall – Die Suche nach Medikamenten, mit denen man Demenzerkrankungen an der Wurzel packen und heilen kann, gleicht einer Achterbahnfahrt. Bisher gibt es nur Mittel, die zur Symptombekämpfung taugen. Doch China plant, „sehr bald“ das Präparat Oligomannate zur Behandlung schwacher Formen von Alzheimer auf den Markt zu bringen.

Die Firma Biogen will sich Anfang 2020 bei der US-Arzneimittelbehörde FDA um die Zulassung von Aducanumab bemühen, nachdem sie erst im März zwei klinische Studien zu dem Mittel gestoppt hat. Es hätten sich nun doch deutliche Vorteile für das Gedächtnis, die Orientierung und die Sprache gezeigt, teilten Biogen und sein Entwicklungspartner Eisai laut APA mit. Falls es tatsächlich gelingt, den Antikörper Aducanumab auf den Markt zu bringen, wäre das für Josef Marksteiner, Vorstand der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie A im Krankenhaus Hall, „schon ein großer Stein“, der ins Rollen käme.

Antikörper gehen auf krankhaft veränderte Eiweiße im Gehirn los, die verklumpen und nicht mehr abgebaut werden. „Durch die Gabe von Antikörpern ist es gelungen, die Ablagerungen aufzulösen. Die Frage ist jetzt: Profitiert der Patient davon? Kommt die Merkfähigkeit zurück?“, so der Experte. Bisher habe man das noch nicht zeigen können und man müsse sich auch fragen, ob man das Wirkprinzip überhaupt gefunden hat.

„Man muss das Grundprinzip aller Demenzerkrankungen, die pathologischen Eiweißveränderungen, knacken und sehen, wie man es angehen könnte, durch Antikörper, durch Steigerung der Immunabwehr oder durch Gentherapie“, so der Experte. Demenzstudien würden besonders sorgfältig durchgeführt, liefen über mindestens 24 Wochen und seien Placebo-kontrolliert. „Und es wird ein kombiniertes Outcome erwartet. Das heißt: Sie müssen sich positiv auf die Kognition, die Alltagsfunktionen und den klinischen Gesamteindruck des Patienten auswirken“, sagt Marksteiner. Beim heutigen, mit über 200 Teilnehmern ausgebuchten Praxistag „Demenz – den Alltag meistern“ an der UMIT in Hall wird er über Medikamente aufklären.

„Demenz ist ein Oberbegriff und hat mehr als 130 Ursachen. Doch nur für die Alzheimer-Krankheit und für die Parkinson-Demenz gibt es zugelassene Medikamente“, so der Psychiater. Diese Antidementiva kommen damit immerhin für die größte Gruppe der Demenzkranken infrage: Fünf von zehn Betroffenen leiden an Alzheimer.

Zum einen gibt es aktuell drei Antidementiva, die zur Gruppe der Acetylcholinesterase-Hemmer gehören. Sie verbessern die Übertragung von Acetylcholin im Gehirn und damit die Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung. „Im leichten und mittleren Stadium haben wir eine gute Wirkung von Acetylcholin, bei schweren Stadien ist die Wirkung nicht so gut gesichert wie bei leichten“, sagt Marksteiner. Acetylcholin sei jedoch auch wichtig für die Reizübertragung am Herzen. Für Patienten mit schwerer Herzrhythmusstörung etwa sei der Wirkstoff daher nicht geeignet.

Für sie könnte es eine Alternative in der zweiten Wirkstoffgruppe geben: den Glutamaten. „Diese Medikamente sind hauptsächlich für das fortgeschrittene Stadium zugelassen und haben keine Nebenwirkungen aufs Herz. Glutamat ist wichtig für alle Vorgänge, die mit dem Lernen zusammenhängen.“ Grundsätzlich spreche ein Drittel der Betroffenen sehr gut, ein Drittel mittelmäßig und ein Drittel gar nicht auf die Medikamente an. Die Substanzen wirken zudem nur, solange man sie einnimmt. „Die Wirkstoffe stoppen die Krankheit nicht, aber sie verzögern den Verlauf und sind ab einem leichten Krankheitsstadium einsetzbar“, sagt Marksteiner.

Die Krankenkassen erstatten die Medikamentenkosten unter der Bedingung, dass die Demenzerkrankung von einem Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie bestätigt wird. „Diagnostisch gibt es eindeutige Schritte, die sein müssen: Klinische Untersuchung, Laboruntersuchungen, EKG, testpsychologische Untersuchung und Bildgebung sind das absolute Muss“, so der Experte. Weitere Untersuchungen helfen, die Dia­gnose abzusichern – insbesondere bei unklaren Fällen und jungen Patienten. Dazu gehören funktionelle Bildgebung und eine Untersuchung der Hirnflüssigkeit.

Demenzerkrankungen beeinträchtigen jedoch nicht nur die Merkfähigkeit, sondern können auch eine Reihe von neuropsychiatrischen Symptomen mit sich bringen. Diese reichen von Depression bis zu Halluzinationen, die mit nicht medikamentösen Therapien, aber auch mit Antipsychotika behandelt werden können. Marksteiner plädiert für einen pragmatischen Zugang. „Es geht darum zu schauen, ob es auch ohne Medikamente geht, weil auch Antipsychotika Nebenwirkungen haben können. Wenn aber die Krankheitsbelastung zu hoch ist, wird man sich dafür entscheiden.“ Letztlich müssten immer alle gut informiert sein. „Patienten in einem frühen Stadium sind durchaus in der Lage zu verstehen, dass eine Therapie notwendig ist“, sagt der Psychiater. Wenn die Betroffenen die Medikamente selbst nicht mehr einnehmen können, müssen sich die Pflegepersonen gut auskennen.




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