Letztes Update am Do, 16.05.2013 19:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Medizin-Apps: Die neuen Kollegen von Dr. Google

Gesundheits-Apps ersetzen keinen Arztbesuch. Über Risiken, Nebenwirkungen, aber auch Nutzen der Handy-Anwendungen.

null

©



Von Nicole Unger

Innsbruck – Es gibt ja fast nichts mehr, was es nicht gibt. In einem Land wie Amerika, wo in Supermärkten Sets angeboten werden, mit denen man Löcher in Zähnen daheim selbst kitten kann, ist es nicht verwunderlich, dass Gesundheits-Apps, also medizinische Anwendungen für Mobilgeräte, boomen.

Doch auch hierzulande werden diese Apps immer öfter heruntergeladen. Blutdruckmesser, Wehenschreiber, Fruchtbarkeitskalender, Sehtests, Kopfschmerz- oder Heuschnupfen-Tagebücher: In den App Stores unterschiedlicher Anbieter findet man inzwischen zirka 100.000 Apps im Bereich Gesundheit/Fitness, weiß Urs-Vito Albrecht, App-Experte an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Doch wie sinnvoll bzw. riskant sind die neuen Kollegen von Dr. Google? „Der mögliche Nutzen solcher Apps variiert stark“, antwortet Albrecht. Von Anwendungen, die behaupten, verlässliche medizinische Tests anzubieten, ohne dass dieses nachgewiesen ist, solle man besser die Finger lassen, wenn es im Zweifel auf das Ergebnis ankommt. Hierzu gehören z.B. Alkohol-Tests, die oft erheblich danebenliegen.

Auch Apps, die behaupten, eine sichere Diagnose zu irgendeinem gesundheitlichen Problem stellen zu können, sollten User kritisch beurteilen. Beispiel Schwarzer Hautkrebs: Eine Blickdiagnose mittels Foto der Handykamera soll erkennen, ob der Leberfleck bösartig ist. „Im schlimmsten Fall könnte dadurch ein harmlos beurteilter Befund den Anwender in falsche Sicherheit wiegen und ihn von einem Arztbesuch abhalten“, warnt der Experte.

Auch Apps, die mehr Daten sammeln als nötig, seien verdächtig. Sinnvoller erscheinen Albrecht hingegen Apps, die medizinische Inhalte entsprechend für die jeweilige Nutzergruppe (z. B. für medizinisches Fachpersonal) aufbereiten. Dazu gehören u.a. medizinische Nachschlagewerke. Auch Patiententagebücher, die es ermöglichen, eine Erkrankung und den Therapieverlauf (z. B. über Blutdruckmesser, die mit dem Mobilgerät verbunden werden können) zu dokumentieren oder an die Einnahme von Medikamenten erinnern, können sinnvoll sein, so Albrecht. Genauso wie Apps, die den Anwender zu gesundheitsbewusstem Verhalten anhalten.

Fakt ist: Der Patient von heute wird immer informierter. Sei es durch Recherchen im Internet (72 Prozent der Österreicher geben an, Gesundheitsfragen im Netz zu ermitteln) oder durch besagte Apps. Das Patienten-Arzt-Verhältnis hat sich geändert. „Früher übernahm der Arzt die Verantwortung, dann kam der mündige Patient und jetzt sprechen wir vom autonomen Patienten, der mit­entscheidet und informiert zum Arzt kommt“, weiß Artur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer. Daran sei auch nichts auszusetzen. In einem sind sich die beiden Experten einig: Apps können genauso wie Internet-Ratgeber den medizinischen Rat und einen Arztbesuch nicht ersetzen.




Kommentieren