Letztes Update am Mi, 30.04.2014 06:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tag gegen Lärm

Das Glück im Lärm verlieren

Am heutigen Tag gegen den Lärm fordert Gesundheitspsychologin Daniela Renn mehr Ruhe. Vor allem, weil fehlende Stille auf Dauer unglücklich machen kann.



Frau Renn, was ist aus psychologischer Sicht Lärm?

Daniela Renn: Physikalisch gesehen ist Lärm ein Schall- ereignis. Psychologisch gesehen versteht man unter Lärm alle Geräusche, die als unangenehm empfunden und bewertet werden. Es sind Geräusche, denen man ausgesetzt ist und wo es nur eine geringe Chance gibt, ihnen zu entkommen oder sie zu beeinflussen. Lärmempfinden ist individuell unterschiedlich.

Welche Geräusche stören besonders?

Renn: Prinzipiell gesehen gehören Straßen- und Flugzeuglärm zu den für den Menschen belastendsten Lärmquellen, die die Lebensqualität und somit psychische und physische Gesundheit beeinflussen. In Innsbruck zum Beispiel ist der durch den Flughafen verursachte Lärm für die Bevölkerung sowie der Transitverkehr und der durch die unterschiedlichen Baustellen verursachte Lärm zu erwähnen.

Warum können wir dann bei einem Live-Konzert die Lautstärke vertragen, aber im Büro, wenn Kollegen reden, nicht?

Renn: Der entscheidende Punkt ist die Freiwilligkeit und ob ich die Geräuschsituation beeinflussen kann oder nicht. Für ein Konzert habe ich mich freiwillig entschieden, der Anfang und das Ende ist klar. Ich setze mich dem zwar aus und die Lautstärke ist mitunter hoch, ich kann das Konzert aber durch die selbstgewählte bewusste Entscheidung genießen.

Welche Folgen hat Lärm?

Renn: Einmaliger Lärm hat kaum Einfluss auf die Gesundheit des Menschen, ihm dauernd ausgesetzt zu sein aber schon. Dann beeinflusst Lärm immens die psychische als auch physische Gesundheit: Direkt, indem die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen – dadurch entstehen Krankheiten wie zum Beispiel Bluthochdruck, auch das Risiko für koronare Erkrankungen wird erhöht.

Psychische Folgen von Lärm können u. a. Unausgeglichenheit, Unruhe, Verzweiflung bis hin zu Niedergeschlagenheit und Depressionen sein. Dauerhafter Lärm hat wesentliche Auswirkungen auf die Psyche und ist daher zu vermeiden.

Kann ich mir Lärmunempfindlichkeit antrainieren?

Renn: Trainieren nicht, aber je länger man Lärm ausgesetzt ist, desto mehr gewöhnt man sich daran. Das heißt aber nicht, dass Lärm nicht störend ist. Die Herzfrequenz steigt trotzdem, was sich auch psychisch auswirkt. Die Unzufriedenheit wird immer größer, viele wissen aber nicht weshalb. Obwohl sie alles haben, sind sie unzufrieden. Das kann tatsächlich auf Lärm zurückzuführen sein.

Wären Menschen also glücklicher, wenn es weniger Lärm gäbe?

Renn: Es spielen hier viele Aspekte eine Rolle. Für Glück bzw. Zufriedenheit braucht es unter anderem eine innere Bereitschaft. Erholung ist jedoch ein wichtiger Teil. Wenn Lärm vermindert wird und mehr Entspannung und Erholung eintreten kann, ist die Chance höher, dass Leute zufriedener sind.

Kann man sich gegen Lärm auch abschotten?

Renn: Es gibt Menschen, die sich bei Lärm stark zurückziehen und versuchen, alles dicht zu machen. Sie lassen alle Jalousien herunter, sperren dadurch aber auch Licht weg. Wir brauchen aber Licht, Bewegung und adäquate Ernährung, damit Glückshormone ausgeschüttet werden. Wenn alles dunkel ist, werden Menschen niedergeschlagener.

Lärm wird oft mit Lärm bekämpft: Der Nachbar mäht Rasen, ich drehe die Musik lauter. Macht das Sinn?

Renn: Lärm kann auch aggressiv machen. Dadurch, dass der Körper unter Strom und Stress steht und wir uns nicht entspannen und somit nicht erholen, reagieren viele Menschen verärgert. Ausgleichende Maßnahmen wie die Musik lauter drehen, können kurzfristig hilfreich sein.

Gibt es Tipps, wie man sich vor Lärm schützen kann? Hilft es zum Beispiel sich einzureden, dass es gar kein Lärm ist?

Renn: Wenn Lärm da ist und ich am Wochenende entspannen möchte, ist es schwer, mir selbst vorzumachen, dass alles in Ordnung ist. Die körperlichen Auswirkungen des Lärms sind immer noch spürbar. Hilfreicher ist es, sich von den Lärmquellen wegzubewegen und geräuschärmere, stillere Ort wie zum Beispiel die Natur aufzusuchen.

Das Gespräch führte Deborah Darnhofer