Letztes Update am Do, 23.10.2014 06:58

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Entzauberte Medizin-Mythen

Ängste um die Gesundheit sind Goldgruben. Aber wie krank machen alte Plomben wirklich und was kann das Muskelaufbaugerät? Der VKI ging 100 Medizin-Mythen nach.



Von Elke Ruß

Wien – Sie sollen Fett oder Falten, Schmerzen oder sogar Krebs kurieren. Doch helfen die angepriesenen Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel, Generika und Alternativmedizinpräparate, Kosmetika und Spezialtrainingsgeräte tatsächlich? Der Laie kann das kaum einschätzen. Deshalb hat der Verein für Konsumenteninformation (VKI) die unabhängige Plattform medizin-transparent.at beauftragt, die wissenschaftliche Datenlage zu 100 häufigen Fragen zu durchforsten.

Das gestern in Wien präsentierte Buch „100 Medizin-Mythen“ versteht sich als Orientierungshilfe für die Konsumenten. Die Experten lieferten nämlich eine Art „Fieberthermometer für die Antwort“, erklärt Bernhard Matuschak vom VKI: Sie schauten nicht nur, wie viele Studien es zu einer Frage gibt, sondern auch, wie gut deren Datenqualität ist. Für jedes Kapitel gibt es eine Einstufung der Beweislage von „unzureichend“ bis „hoch“ – wobei „mittel“ bereits „wahrscheinlich“ bedeutet.

Mehr als 1000 internationale Studien wurden laut Bernd Kerschner von medizin-transparent.at durchleuchtet. Teils könne man aber „gar nichts herauslesen“. Hinter dem Attribut „wissenschaftlich geprüft“ in der Werbung stünden nämlich oft schleißig gemachte Studien mit wenigen Teilnehmern und ohne Placebo-Vergleichsgruppen. So sei ein Nahrungsergänzungsmittel gegen Liebeskummer schlicht einer Anzahl betroffener Frauen verabreicht worden – dass es manchen nach sechs Wochen signifikant besser ging, genügte als „wissenschaftlicher Beweis“.

Manches wirkt tatsächlich, vieles ist Geldverschwendung: Wenn Konsumenten 50 Euro für eine Tube unwirksames Anti-Cellulite-Mittel ausgeben, sei das „schon Wahnsinn, was manche an Gewinn machen“, sagt Kerschner. „Die Gesundheitsindustrie ist ein Riesenmarkt.“

Schaden droht nicht nur für den Kontostand: „Beim Thema Impfen etwa zeigen die Studien: Es gibt Nebenwirkungen, aber der Nutzen ist größer“, weiß Matuschak. Nicht bloß widerlegt wurden Behauptungen wie „Beta-Karotin schützt vor Krebs“: „Solche Präparate können sogar das Krebsrisiko fördern, z. B. bei Rauchern.“