Letztes Update am Mi, 26.11.2014 13:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesundheit

Entzauberte Medizin-Mythen

Ängste um die Gesundheit sind Goldgruben. Aber wie krank machen alte Plomben wirklich und was kann das Muskelaufbaugerät? Der VKI ging 100 Medizin-Mythen nach.



Von Elke Ruß

Wien – Sie sollen Fett oder Falten, Schmerzen oder sogar Krebs kurieren. Doch helfen die angepriesenen Lebens- und Nahrungsergänzungsmittel, Generika und Alternativmedizinpräparate, Kosmetika und Spezialtrainingsgeräte tatsächlich? Der Laie kann das kaum einschätzen. Deshalb hat der Verein für Konsumenteninformation (VKI) die unabhängige Plattform medizin-transparent.at beauftragt, die wissenschaftliche Datenlage zu 100 häufigen Fragen zu durchforsten.

Das gestern in Wien präsentierte Buch „100 Medizin-Mythen“ versteht sich als Orientierungshilfe für die Konsumenten. Die Experten lieferten nämlich eine Art „Fieberthermometer für die Antwort“, erklärt Bernhard Matuschak vom VKI: Sie schauten nicht nur, wie viele Studien es zu einer Frage gibt, sondern auch, wie gut deren Datenqualität ist. Für jedes Kapitel gibt es eine Einstufung der Beweislage von „unzureichend“ bis „hoch“ – wobei „mittel“ bereits „wahrscheinlich“ bedeutet.

Mehr als 1000 internationale Studien wurden laut Bernd Kerschner von medizin-transparent.at durchleuchtet. Teils könne man aber „gar nichts herauslesen“. Hinter dem Attribut „wissenschaftlich geprüft“ in der Werbung stünden nämlich oft schleißig gemachte Studien mit wenigen Teilnehmern und ohne Placebo-Vergleichsgruppen. So sei ein Nahrungsergänzungsmittel gegen Liebeskummer schlicht einer Anzahl betroffener Frauen verabreicht worden – dass es manchen nach sechs Wochen signifikant besser ging, genügte als „wissenschaftlicher Beweis“.

Manches wirkt tatsächlich, vieles ist Geldverschwendung: Wenn Konsumenten 50 Euro für eine Tube unwirksames Anti-Cellulite-Mittel ausgeben, sei das „schon Wahnsinn, was manche an Gewinn machen“, sagt Kerschner. „Die Gesundheitsindustrie ist ein Riesenmarkt.“

Schaden droht nicht nur für den Kontostand: „Beim Thema Impfen etwa zeigen die Studien: Es gibt Nebenwirkungen, aber der Nutzen ist größer“, weiß Matuschak. Nicht bloß widerlegt wurden Behauptungen wie „Beta-Karotin schützt vor Krebs“: „Solche Präparate können sogar das Krebsrisiko fördern, z. B. bei Rauchern.“

Medizin-Mythen

Kaffee beugt Alzheimer vor

15:37 Uhr

Der Konsum von Kaffee und koffeinhaltigen Getränken könnte das Risiko einer Alzheimer-Demenz tatsächlich senken: Studien lassen darauf schließen, dass es sich im Vergleich zu Wenig- oder Nichttrinkern um 16 Prozent verringert. Bezogen auf WHO-Zahlen würden demnach statt 54 nur noch 45 von 1000 über 60-Jährigen an Demenz erkranken. Unklar ist allerdings, ob das tatsächlich am Koffein oder an anderen im Kaffee enthaltenen Inhaltsstoffen liegt. (Foto: iStock)    

Plomben machen krank

15:37 Uhr

Aus Amalgamfüllungen gelangt Quecksilber in den Körper, aber nur in ungefährlichen Mengen. „Überzeugende Hinweise“ auf Zusammenhänge zwischen den Plomben und verschiedenen Krankheiten fehlen. Studien mit Kindern zeigten keine Beeinträchtigungen von Nieren, Nervensystem, Verhalten oder Intelligenz. Nachweisbar sind fallweise allergische Reaktionen der Haut bzw. Mundhöhle. Experten raten ab, intakte Füllungen zu tauschen: Beim Entfernen wäre die Quecksilberlast hoch. (Foto: iStock)

Strom ersetzt das Training

15:38 Uhr

Mit minimaler Anstrengung zum Traumkörper? Das verspricht die elektrische Muskelstimulation (EMS), die auch die Medizin z. B. nach Knieoperationen nutzt. „EMS ist besser als gar kein Training“, sagen die Experten. Der Effekt sei aber nicht größer als bei herkömmlichen Kräftigungsübungen, eine Gewichtsreduktion fand sich nicht. Und für eine „Überlegenheit der Kombination von EMS und gewöhnlichem Training im Vergleich zu alleinigem Fitnesstraining sind die Hinweise widersprüchlich“. (Foto: iStock)

Yoga hilft gegen Rückenweh

15:38 Uhr

Bei chronischen Rückenschmerzen wird verstärkt Yoga als Therapie empfohlen. Tatsächlich kann die alte indische Lehre mit ihrer Kombination aus Dehnungs-, Atem- und Entspannungsübungen eine leichte und auch anhaltende Besserung bringen. Die Wirksamkeit sei „vergleichbar mit der anderer Bewegungsübungen oder eines herkömmlichen Behandlungsprogrammes“. In manchen Fällen verstärkte Yoga allerdings die Schmerzen, vereinzelt traten Bandscheibenvorfälle auf. (Foto: iStock)

Mikrowellen zerstören das Essen

15:39 Uhr

Gemüse aus der Mikrowelle ist nicht ungesünder als andere Zubereitungsarten. Inhaltsstoffe können bei jeder Art des Garens verloren gehen, insbesondere wasserlösliche über viel Kochwasser. Bei mäßiger Temperatur ist die Mikrowelle unter Umständen sogar die schonendste Methode: Elektromagnetische Wellen versetzen die Wassermoleküle im Essen in Schwingung, so entsteht Wärme. Die Strahlenangst ist unnötig: Sobald ausgeschaltet wird, ist keine Strahlung mehr messbar. (Foto: iStock)

Rotwein schützt das Herz

15:39 Uhr

Täglich ein Glas (Rot-)Wein beugt dem Herzinfarkt vor? Studien scheinen die Schutzwirkung von Alkohol zu bestätigen: Teilnehmer, die ein Glas (Männer bis zu zwei) am Tag tranken, starben seltener an Herzerkrankungen als Langzeitabstinente. Als Kurzzeiteffekt fand man im Blut u. a. bessere Werte beim guten HDL-Cholesterin. Der Schutzeffekt ist aber „nicht gut abgesichert“. Sicher dagegen ist: Viel Alkohol schädigt Organe und erhöht das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. (Foto: iStock)




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