Letztes Update am So, 07.12.2014 08:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Interview

Wenn die Latte zu hoch liegt

Perfektionistisch zu sein, ist eine angesehene Schwäche. Dass dahinter aber eigentlich Angst steckt und wie sehr das krank machen kann, erklärt Psychologe Raphael M. Bonelli.



Was ist schlecht daran, nach dem Perfekten zu streben?

Raphael M. Bonelli: Eigentlich überhaupt nichts. Das Perfektionismusstreben ist im Menschen drinnen. Wir wollen immer besser werden und das ist völlig normal. Aber es gibt eine gesunde Art und eine ungesunde, neurotische Art.

Infos zum Buch

Raphael M. Bonelli ist ein Psychiater und Neurowissenschaftler an der Sigmund Freud Universität in Wien. Er ist Universitäts-Dozent für Psychiatrie und Facharzt für Neurologie.

Das Buch „Perfektionismus - Wenn das Soll zum Muss wird“ ist erschienen bei Pattloch.

Was ist der Unterschied?

Bonelli: Während beim gesunden Menschen die Perfektion im Vordergrund steht, ist es beim Neurotiker die Angst, Fehler zu machen. Perfektion wird von ihm nur vorgeschoben. Es geht ihm um die Außenwirkung. Er definiert sich zu sehr durch die eigene Leistung. Er will etwas Tadelloses leisten, weil er Angst vor dem Tadel hat.

Fehler sind keine Option?

Bonelli: Der Perfektionist ist ein Alles-oder-nichts-Denker. Durchschnitt für ihn ein Nichts. Das beste Beispiel ist der klassische Work- aholic, der sich denkt: „Je mehr ich in der Arbeit sitze, desto mehr bin ich wert.“ Er denkt gar nicht daran, dass er dabei andere Verpflichtungen wie die Familie oder Freundeskreis vernachlässigt.

Was sind die Folgen?

Bonelli: Der Perfektionist macht sich innerlich selber einen unheimlichen Stress und dieser macht ihn psychisch krank. Studien belegen, dass Perfektionismus viel zu tun hat mit Burnout, Essstörungen, dem chronischen Erschöpfungssyndrom, mit Zwangsstörungen, mit Depressionen und mit Suizid.

Gesellschaftlich gesehen gibt es Schlimmeres, als perfektionistisch zu sein, oder?

Bonelli: Ja, es gibt zwei Modeerkrankungen, das Burnout und den Perfektionismus. Das klingt gut, weil es so leistungsstark klingt. Dafür geniert man sich nicht so sehr wie für eine simple Depression oder gar Angst. Es hat etwas Selbstgefälliges, sich selbst als Perfektionisten zu bezeichnen. Wenn die Leute wüssten, was krankhafter Perfektionismus ist, würden sie sich selbst nicht so beschreiben.

Ist der Perfektionismus ein Phänomen unserer Zeit?

Bonelli: Er ist stark im Steigen, weil die Angst im Steigen ist. In der Psychiatrie ist das Thema erst vor Kurzem angelangt. Es gibt derzeit noch kein deutschsprachiges Buch, abgesehen von diverser Ratgeberliteratur, aber die greift zu kurz. Das Problem ist die Motivationsanalyse. Erst dadurch kommt man auf den eigentlichen Grund und der ist die Angst.

Was verhindert zu viel Perfektion?

Bonelli: Zum Beispiel die Inspiration. Denken Sie an den Künstler Michelangelo, der mit seinem David etwas Perfektes geschaffen hat. Der angstvolle, neurotische Perfektionist wäre aber zu einem solchen Kunstwerk nicht in der Lage. Er wäre gar nicht fähig dazu, weil er zu viel Angst hat, zu viel an die Außenwirkung denkt und zu wenig bei der Sache selbst ist. Der Perfektionist sieht alles in Beziehung zu sich selbst. Er will nicht narzisstisch bewundert werden, aber er will in Sicherheit sein.

Ist das Klischee vom geordneten Schreibtisch typisch für den Perfektionisten?

Bonelli: Eigentlich nicht. Viele haben eine Schlamperei, weil ihr Aufräumen ihnen im Vorhinein nicht reichen würde. Es ist eher körperlich erkennbar. Die innere Spannung kann sich in der Körpersprache ausdrücken: dünne, zusammengepresste Lippen, angespannte Schultern ... Aber mit Zuschreibungen muss man hier natürlich sehr vorsichtig sein.

Wie geht es Kindern von Perfektionisten?

Bonelli: Denen geht es schlecht. Es geht Perfektionisten nämlich nicht um das Kind selbst, sondern um die eigene Elternrolle. Das Kind muss sehr viel Leistung erbringen, sollte gleichzeitig Steve Jobs und Boris Becker werden. Solche Kinder werden von einem Kurs zum anderen geschleppt, damit über die Leistungen des Kindes Rückschlüsse auf die fantastische Mutter bzw. Vater gezogen werden können. Diese Kinder sind unter einem enormem Erwartungsdruck, ihnen wird ein schlechtes Gewissen gemacht. Das geschieht natürlich nicht aus Bosheit, sondern es geht um die eigene Existenzberechtigung.

Was für ein Beziehungspartner ist der Perfektionist?

Bonelli: Der Perfektionist hat Angst vor den eigenen Fehlern. Das heißt nicht, dass er keine macht, er steckt nur den Kopf in den Sand. Bei Freud ist das die Verdrängung. Darin ist der Perfektionist gut, er beschuldigt lieber andere. Nachdem es der Perfektionist nicht aushält, Fehler zu machen, ist er oft rigid, übergriffig, oberlehrerhaft und dann fremdbeschuldigend. Schuld ist also immer der Partner.

Wie kommt ein Perfektionist aus diesem Dilemma raus?

Bonelli: Mit der so genannten „Imperfektionstoleranz“. Damit meine ich das Aushalten der eigenen Unperfektheit. Sich selbst also anzunehmen, und zwar mit dem Kopf und mit dem Herzen. Imperfektionstoleranz bedeutet auch, kritisches Feedback zuzulassen.

Finden wir also in der Unvollkommenheit das wahre Glück?

Bonelli: Nun ja, ich bin schon auch ein Fan von Perfektion. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Soll und Muss. Hohe Ideale sind gut für den Menschen, ohne sie wäre er ein trauriger Spießer, der sich mit sich selbst zufrieden gibt. Der Perfektionist hingegen zerfleischt sich selbst und wird immer unzufriedener. Er bekommt Schweißausbrüche bei Tippfehlern, aber es ist nun mal so, dass wir Fehler auch zulassen müssen, denn aus ihnen lernen wir.

Das Interview führte Andrea Wieser




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