Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 26.03.2015


Gesundheit

Beckenbodentraining: Mehr Potenz und Kontinenz

Für die meisten Männer ist Beckenbodentraining ein reines Frauenthema – doch auch Männern kann ein gezieltes Training dieser Muskulatur nützen, erklärt Georg Juen.

Georg Juen aus Fiss ist Österreichs einziger Beckenbodentrainer nach dem Konzept der Gesellschaft BeBo.

© PrivatGeorg Juen aus Fiss ist Österreichs einziger Beckenbodentrainer nach dem Konzept der Gesellschaft BeBo.



Von Miriam Hotter

Innsbruck – Für den durchschnittlichen Mann ist der Beckenboden ein weißer Fleck auf der Landkarte seines Körpers. Von dieser Muskulatur haben die meisten Herren höchstens im Zusammenhang mit Inkontinenz gehört. Und dann gibt es noch die Gerüchte von intensiven Liebeswonnen, die Frauen mit trainierter Beckenbodenmuskulatur erleben können. Stimmt alles – auch für Männer.

Georg Juen aus Fiss will das diesbezügliche Bewusstsein bei den Herren der Schöpfung schärfen. Der 56-Jährige ist Österreichs einziger Beckenbodentrainer nach dem Konzept der Gesellschaft BeBo. Im Mai will er sein Gewerbe in Tirol starten. Im Mittelpunkt stehen dabei keine bestimmten Techniken, sondern Informationen und Übungen, die sich leicht vermitteln lassen. Außerdem werden neben dem Beckenboden auch andere wichtige Muskelpartien sensibilisiert und gestärkt.

Bei dieser Balanceübung beansprucht Georg Juen alle Muskelpartien – auch den Beckenboden.
Bei dieser Balanceübung beansprucht Georg Juen alle Muskelpartien – auch den Beckenboden.
- Privat

Der erste Schritt sieht die Wahrnehmung dieses Muskels vor. „Der Beckenboden ist eine in drei Schichten aufgebaute trichterförmige Muskel-Sehnen-Platte, die das Schambein mit dem Steißbein und beiden Sitzbeinhöckern verbindet“, erklärt Juen. Der Beckenboden gibt den inneren Organen Halt, er stützt sie beim Laufen, Springen, Husten und Niesen. Er muss dem Druck standhalten, der beim Heben schwerer Lasten im Bauchraum entsteht. „Er sorgt auch für den Verschluss von Harnröhre und Schließmuskel“, sagt er.

Wenn dies nicht mehr funktioniert, werden Männer unausweichlich mit dem Beckenboden konfrontiert. Etwa nach einer Prostata-Operation, wenn sie einnässen. So war es auch bei Juen. „Vor zwei Jahren wurde ein Karzinom auf meiner Prostata entdeckt“, erzählt er. Nach der OP litt er an Harninkontinenz (ungewolltes Harnlassen). Der Arzt verschrieb ihm Einlagen, doch Juen wollte sich mit seiner Lage nicht abfinden. „Ich wollte meine Inkontinenz in den Griff kriegen“, erinnert er sich.

Durch Umwege lernte er Julia Wachter kennen, die Geschäftsleiterin von BeBo in Österreich, und fing mit dem Beckenbodentraining an. Mit Erfolg: In einem Zeitraum zwischen vier und sechs Wochen war Juen völlig „trocken“. „Normalerweise kann das nach einer Prostata-OP bis zu ein Jahr dauern.“

Ein weiterer Fall, bei dem Beckenbodentraining Abhilfe schaffen kann, sind Erektionsstörungen. „Häufig sind Stress oder psychische Belastungen der Grund dafür“, weiß Juen. Bei Männern unter 40 gilt das sogar in neun von zehn Fällen. „Erektionsstörungen und Orgasmusprobleme haben oft mit Loslassen zu tun. Wir trainieren es, bewusst loszulassen, die Aufmerksamkeit in die Körpermitte zu lenken, Bewegung und Sauerstoff dorthinzubringen“, erklärt Jue­n die Trainingsphilosophie. Der Griff zu potenzsteigernden Mitteln wie Viagra muss also nicht immer sein.

Eine deutsche Studie mit 124 Männern belegt das. Die Männer wurden per Zufall in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe führte eine spezielle Beckenbodengymnastik durch. Die zweite Gruppe nahm bei Bedarf Viagra ein und die dritte Gruppe erhielt ein Placebo für die Einnahme vor einem Geschlechtsverkehr. Nach 16 Wochen kam es in der Beckenbodentraining-Gruppe bei 80 Prozent, in der Viagra-Gruppe bei 74 Prozent und in der Placebo-Gruppe bei 18 Prozent der Männer zu einer verbesserten Erektionsfähigkeit.

Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Übungen „Mann“ machen kann. Im Internet findet man allerhand Möglichkeiten für Mann und Frau, doch Juen warnt vor Trainingstipps im Netz. „Wer Übungen in Internetforen macht, handelt grob fahrlässig. Jeder Mensch ist individuell und braucht auf ihn angepasste Trainingseinheiten. Der Schuss kann sonst nach hinten losgehen.“ Jemand, der eine „Stressblase“ hat, sollte ganz andere Übungen machen als zum Beispiel eine Frau mit einer Organsenkung (passiert häufig nach einer schweren Geburt oder durch schwaches Bindegewebe). Auch hier gilt das Motto: Vorsicht ist besser als Nachsicht.