Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 29.03.2015


Gesundheit

Pollenalarm: Heuschnupfen ernst nehmen

Der Pollenflug der Birke beginnt. Allergien nehmen bei jüngeren und älteren Menschen zu. Fachleute fordern mehr Konsequenz bei Therapien.

Die Pollen fliegen wieder durch die Luft.

© KeystoneDie Pollen fliegen wieder durch die Luft.



Von Sabine Strobl

Hall – Dauerniesen, rinnende Nase, juckende Augen. Mit dem Start der Pollensaison greift der Heuschnupfen wieder um sich. Während Hasel und Erle abklingen und die Eschenpollen unterwegs sind, beginnt der Birkenflug gerade im Tal.

Mittlerweile ist jede achte Person in Österreich von einer Pollenallergie betroffen. Heinz Kofler, Leiter des Allergieambulatoriums in Hall, veranschaulicht die Zunahme von Pollenallergien an einem Schweizer Beispiel. 1896 stellte ein Medizinstudent fest, dass im Kanton Zürich 1,5 Prozent der Menschen am „Heufieber“ litten. Hundert Jahre später wiederholte die Uni Zürich die Untersuchung. Das Ergebnis: 18,6 Prozent der Bevölkerung wies eine Pollenallergie auf. Noch ist laut Fachleuten die Spitze nicht erreicht, doch die Kurve flacht ab. Hinter der steigenden Überempfindlichkeit werden Umweltverschmutzung, Lebensstil und Klimaerwärmung vermutet. Auch die Hygienehypothese rückt ins Visier. Mehr Schutz durch Schmutz lautet hier das Schlagwort. Man geht davon aus, dass in einem Milieu, wie es ein Bauernhof mit Tierhaltung bietet, weniger Allergien auftreten.

Aufhorchen lassen einige jüngste Entwicklungen. So beobachtet Kofler, dass sich das Alter der Betroffenen sowohl nach unten also auch nach oben ausdehnt. „Bereits Dreijährige kommen mit einer Pollenallergie zu uns. Leider startet bei vielen die Allergikerkarriere mit einem Heuschnupfen. Jedes fünfte Kind ist asthmagefährdet“, erklärt Kofler.

Ein relativ junges Phänomen sind „neue“ Pollen. Im Burgenland etwa macht das Beifußkraut zu schaffen. In Tirol schenkt man dagegen der Esche mehr Augenmerk. Wer auf Esche allergisch ist, reagiert häufig auf die Pollen der Olive. Ein Spanienurlaub empfiehlt sich also derzeit für diese Gruppe nicht.

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Zugenommen haben laut Kofler pollenassoziierte Kreuzallergien (siehe auch Seite 5 und 6). In den 80er-Jahren waren 15 Prozent der Baumpollenallergiker davon betroffen, heute entwickeln 90 Prozent von ihnen eine andere Allergie oder Unverträglichkeit. Und noch einem Punkt wird heute mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Häufig kommt es schlicht zu Verwechslungen von Allergien. So setzen zum Beispiel Schimmelpilze bei hoher Luftfeuchtigkeit ihre Sporen frei. Kofler: „Das ist nur ein Tipp für Menschen, die sich über Heuschnupfen-Beschwerden bei Regenwetter wundern“.

Nach der Abklärung der Allergie basiert die Behandlung auf drei Säulen. Erstens: ausweichen. „Das heißt Fenster schließen, Haare waschen, Sport am Morgen betreiben“, sagt Kofler. Der nächste Schritt liegt in der Behandlung der Symptome. „60 Prozent der Pollenallergiker kann man symptomatisch zufriedenstellend behandeln. 40 Prozent von ihnen muss man mehr anbieten, etwa eine Immuntherapie“, erklärt der Arzt. Bei 80 Prozent der Betroffenen zeigt die Behandlung Erfolge.

Gegen eine Bagatellisierung des Heuschnupfens verwehren sich Experten. Zumal nicht nur die Nase tropft, sondern auch Schlaf- und Konzentrationsstörungen auftreten können. Dies ist weder in der Schule noch in der Arbeit angenehm. „In der subjektiven Einschätzung der eingeschränkten Lebensqualität liegt der Heuschnupfen gleich auf wie ein Herzinfarkt“, sagt Kofler. Er sieht einigen Handlungsbedarf. Seit Jahren geht die Anzahl der Immuntherapien zurück und das bei steigender Häufigkeit von Allergien. „Patienten sollten sich ernst nehmen und berücksichtigen, dass eine halbherzig befolgte Therapie kaum Erfolge bringt“, gibt Kofler zu bedenken. Weiters sollten Ärzte eine sorgfältige Therapie anbieten und diese auch abrechnen können sowie Pharmafirmen das Impfangebot nicht zurückfahren, sondern verbessern. Wie in vielen Belangen der Volksgesundheit ist eine frühe Therapie billiger als eine spätere Asthmabehandlung.

Zu tun hat auch die Forschung. Noch sei nicht geklärt, was einen Menschen zum Allergiker macht, stellt Katharina Bastl, Biologin beim Wiener Pollenwarndienst fest.

Pollenflug im Großraum Innsbruck

1 Million Pollenallergiker. Katharina Bastl vom Pollenwarndienst der medizinischen Universität Wien schätzt die Zahl der Pollenallergiker in Österreich auf eine Million Menschen. Das sind 12 Prozent, andere Schätzungen gehen von 20 Prozent aus.

Situation und Prognose. Dieses Wochenende muss laut Pollenwarndienst mit den ersten Birkenpollen gerechnet werden. Die Witterung hat heuer die Blüte in Tirol verzögert. Die Hälfte der Baumpollen, die Allergien auslösen, gehen auf das Konto der Birke.

Mehr Allergien. Die Kurve flacht zwar ab. Doch noch nehmen Allergien, so auch der Heuschnupfen, in Industrieländern zu.

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