Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 30.09.2016


Lifestyle

Stoffe, die zum Träumen bringen

Wenn Opulenz auf einen Oktopus trifft: Markus Spatzier hat für Shakespeares „Sturm“ die Kostüme entworfen. Und für die TT aus dem Nähkästchen geplaudert.

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© Andreas Rottensteiner / TT



Von Christiane Fasching

Innsbruck – Einen Oktopus kann nicht jeder tragen – doch wenn sich Markus Spatzier das vielfüßige Silikon-Imitat um die Schultern schlingt, dann könnte man das Ungetüm fast für einen Schal-Ersatz halten. Aber ein lauter Lacher entlarvt den Couturier: Die Krake ist nicht der letzte modische Schrei, sondern ein Detail aus der Ausstattung von Shakespeares Spätwerk „Der Sturm“, das am Samstag am Großen Haus Premiere hat – und für das sich ein erfolgsverwöhntes Trio erneut auf ein Packerl geworfen hat. Regisseurin Susanne Schmelcher, Bühnenbildner Helfried Lauckner und Kostümdesigner Spatzier wurden im Vorjahr für ihre Arbeit an „Anna Karenina“ mit dem Nestroy für die beste Bundesländer-Produktion ausgezeichnet – und haben nun das Etikett „Dreamteam“ picken.

Passt ja irgendwie zum „Sturm“, wo der auf eine Insel vertriebene Herzog Prospero Magie walten lässt, ehe er vom „Stoff, aus dem die Träume sind“, sinniert – und damit ein Hochlied aufs Theater singt. Eines, in das auch der 27-jährige Spatzier mit einstimmt: „Ein toll gemachtes Stück ist fesselnder als jeder Film – deshalb find’ ich es schade, dass viele junge Leute einen Bogen ums Theater machen. Sie versäumen was“, ist der Herren- und Damenschneidermeister, der seit 2010 unter dem Label „Herzblut Manufaktur“ Kleider, Accessoires und Schmuck produziert, überzeugt. Was bringt den Modemacher zum Träumen? „Stoffe“, meint er knapp. Und schwärmt vom gigantischen Landestheater-Fundus, wo er aus dem Vollen schöpfen konnte. „Da liegen richtige Schätze – und ich greif’ gern auf Ware zurück, die sonst nur vor sich hinmodern würde. Damit spar’ ich Budget und kann ausgefallene Sachen wie den Oktopus entwerfen lassen“, sprudelt’s aus dem Tiroler, der ein Faible für Opulenz hat, im aktuellen Fall aber von Regisseurin Schmelcher etwas eingebremst wurde. „Die Kostüme müssen ja zur Inszenierung und zum Bühnenbild passen, aber meine Handschrift soll schon auch noch lesbar bleiben“, sagt er – und zwirbelt an den aus Kronkorken gefertigten Knöpfen von König Alonsos Edelmann-Gehrock, ehe er noch mal Hand an die Fischernetze legt, in die sich Prospero und seine Tochter Miranda hüllen.

„Die Zuschauer sollen mithilfe der Kostüme die Personen verknüpfen können, schließlich kennt ja nicht jeder den Inhalt“, gibt er zu bedenken – und gesteht, dass auch er erst über das Landestheater-Engagement in den „Sturm“ gezogen wurde. „Ich hab’ mir sofort eine Verfilmung mit Helen Mirren angeschaut, damit ich mir ein Bild machen kann.“ Dem Erscheinungsbild der Innsbrucker Inszenierung hat Spatzier übrigens einen gewollten Bruch verpasst: Luftgeist Ariel fällt mit Sneakers und blauem Haar auf und aus der Zeit – Ariel als Alien, Mode macht’s möglich.

Aber was hält Spatzier für ein unmögliches Fashion-Feature? „Crocs sind schrecklich, Primark-Fetzen und zu kurze Billig-Dirndln sind auch ein No-Go“, lautet das Urteil des Fachmanns, der seine neuesten Kreationen am 19. Oktober bei einer Couture-Show im Adlers präsentiert. Als Models hat er Ballett-Tänzerinnen engagiert, die auf Spitzenschuhen über den Laufsteg schreiten werden. Klingt fast so, als hätte er einen Narren an der Theaterwelt gefressen. „Irgendwie schon: Wenn’s nach mir geht, dann statte ich das nächste Mal eine Oper aus – dann aber richtig opulent.“

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