Letztes Update am Mi, 29.11.2017 09:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Uhren

Von der Couch zum Ziffernblatt

Dass Industriedesigner auch Kleinteiliges beherrschen, zeigt sich in Kooperationen mit Uhrenherstellern. Diese beweisen, dass ein Blick von außen Neues bringt.

© RadoRainer Mutsch (40) mit eigenem Designbüro in Wien hat u. a. den "Red Dot Design Award" für ein Sitzmöbel aus Eternit gewonnen. Die Armbanduhr "True Stratum" ist seine zweite Arbeit für den Schweizer Uhrenhersteller Rado.



Von Andrea Wieser

Rainer Mutsch arbeitet mit Marmor, Holz und Zement. Grobe Materialien für große Möbel nutzt der Designer in seiner Arbeit und schuf so schon mit Erfolg Sofas, Esstische und Bücherregale. Nun hat sich der Kreative aus dem Burgenland an ein viel kleinteiligeres Projekt gewagt. Er entwarf eine Armbanduhr für den Schweizer Uhrenhersteller Rado. „Es war für mich unglaublich herausfordernd“, gesteht der Designer bei der Präsentation in Wien. Als Materialtüftler sei sein Ziel vor allem der Tragekomfort gewesen. Deswegen nutzte er Hightech-Keramik. Die fühle sich nämlich gut an.

Durchblick: Die Automatik-Uhr "True Phospho" von Rado wurde vom Schweizer Kollektiv "Big Game" entworfen. Das Ziffernblatt aus perforiertem Messing gibt den Blick aufs Uhrwerk frei.
- Rado

In der Branche ist die Kooperation mit großen Namen eigentlich aus einem anderen Feld bekannt, nämlich der Mode. Kaum ein renommierter Fashion-Designer hat nicht auch schon eine Uhrenkollektion auf den Markt gebracht. Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl Calvin Klein, der die Produktion von günstigen Mode-Accessoires dieser Art zum Millionengeschäft gemacht hat. Aber auch im Segment der traditionellen Uhrenhersteller nehmen großen Namen aus der Mode zu. Die Kooperation des Schuhdesigners Christian Louboutin mit dem Traditionshaus Jaeger-LeCoultre ist wohl das berühmteste Beispiel und sorgte für gehöriges Aufsehen in der Szene.

Dass aber auch Industriedesigner das Zeug zum Kleinen haben, bewies früh der Schweizer Architekt und Künstler Max Bill. Er entwarf in den 60er-Jahren ein betont schlicht angelegtes Ziffernblatt für das Schweizer Haus Junghans. Einen digitalen Zeitmesser legte vor rund zehn Jahren der kanadisch-US-amerikanische Star-Architekt Frank Gehry vor. Der Pritzker-Preisträger, den Europäer u. a. durch die Gestaltung des Privatmuseums der „Fondation Luis Vuitton“ in Paris kennen, designte für Fossil eine Uhr mit asymmetrischem Display.

Mut zu ganz neuen Wegen

Und auch die deutsche Manufaktur Nomos Glashütte wagte sich kürzlich daran, das heikle Thema Uhrendesign an einen Gast auszulagern. Mark Braun durfte die Serie „Metro“ entwerfen. Und zwar sehr erfolgreich, denn er bekam für das schlichte, edle Design in diesem Jahr den deutschen „Red Dot Design Award“ verliehen. „Die Eleganz und Urbanität ausstrahlende Ästhetik und die ausgereifte Bauweise“ überzeugten die Fachjury. Aus den USA lieferte der Schweizer Designstar Yves Béhar eine neue Uhr für Movado. Das dreidimensionale Ziffernblatt erntete allerseits große Anerkennung.

Neben Rainer Mutsch sind bei Rado heuer auch die Industrie­designer von „Big Game“ tätig. Und das mit fast rabiaten, neuen Ansätzen. Das dreiköpfige Schweizer Team hat das Ziffernblatt einfach kleinlöch­rig durchbohrt, um das Gewicht zu reduzieren. Wenn man Augustin Scott de Martinville, einen der drei Gründer von „Big Game“, fragt, wie es sei, die Armbanduhr neu zu erfinden, dann drückt er seine Finger so eng aneinander, als müssten sie in ein Uhrwerk passen, und sagt: „Es ist eine sehr kleine Welt, mit maximaler Präzision.“ Und fügt grinsend hinzu: „Hätten wir vorweg gewusst, was wir mit dem Zerbohren des Ziffernblatts anrichten, hätten wir es nie gewagt. Das war unser Glück.“




Kommentieren


Schlagworte