Letztes Update am Do, 08.02.2018 14:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lifestyle

Mit der Mode an der Machtschraube drehen

Weibliches Selbstbewusstsein ist auf dem Vormarsch. Der Feminismus ist in der Mode angekommen. Dass gerade die Hülle der Frau ein Schauplatz für Rebellion ist, hat Tradition.

© AFPGegen Sexismus: Reese Witherspoon, Eva Longoria, Salma Hayek und Ashley Judd (v. l.) trugen bei den Golden Globes schwarze Roben.



Von Andrea Wieser

Sie haben die Spielregeln geändert. Sie haben ihren eigenen Körper für die eigene Sache eingesetzt. Die Rede ist von Reese Witherspoon, Eva Longoria, Salma Hayek und Ashley Judd. Allesamt Superstars der Filmbranche. Sie und viele Mitstreiterinnen haben bei der Golden-Globe-Verleihung Anfang des Jahres in Los Angeles Schwarz getragen.

Als Zeichen der Solidarität unter Frauen und gegen Sexismus, für mehr Frauenrechte und gegen Gewalt an Frauen. Es ist eines von vielen Zeichen, die die Modebranche in letzter Zeit in Aufregung versetzte. Frauen trugen vor einem Jahr beim Women’s March in Washington pinke Pussy-Hats, um gegen Donald Trumps sexistische Aussagen zu demonstrieren und fanden weltweit Nachahmerinnen. Bei den Winter-Modeschauen stand in großen Lettern ein aufmüpfiges „Courage“ auf Donatella Versaces Kleidern. Der Feminismus in der Mode ist mehr als ein kurzer Trend. Das Thema bleibt und bewegt.

Harte Fakten: Die Teilnehmerinnen der Miss-Peru-Wahl lasen Zahlen über Verbrechen an Frauen vor, anstatt ihre Modelmaße.
- AFP

Wer nun denkt, das Tragen eines schwarzen Kleides allein sei noch kein großer Akt, der sollte Yella Hassel fragen. Die Designerin und Dozentin von der Wiener Modeschule Hetzendorf hat selbst lange in den USA gelebt und Stars für den roten Teppich eingekleidet. Hassel weiß, die Geschichte mit den schwarzen Kleidern ist eine gigantische Machtdemonstration: „Hier geht es um Hunderttausende von Euros.“ Ein ganzes Business sei nur damit beschäftigt, welcher Star welches Kleid auf dem roten Teppich trägt. „Das ist ein starkes Zeichen, das die Schauspielerinnen damit gesetzt haben“, meint Hassel. Nicht zuletzt, weil die Stars dadurch für sich alleine auf eine große Portion Aufmerksamkeit verzichtet hätten. „Es ging ihnen darum, geschlossen und solidarisch aufzutreten.“ Ähnlich wie die berühmten Suffragetten über 100 Jahre zuvor zeigten sie mit einem einheitlichen Äußeren, dass sie inhaltlich für dieselbe Sache eintreten, nämlich für die eigene.

Starke Botschaft: Die Wörter „Loyalty“, „Courage“ und „Love“ ließ Donatella Versace auf ihre 
Entwürfe schreiben.
- AFP

Nicht mit Änderungen am Kleid, sondern des Textes, rebellierten sehr viel jüngere Frauen zwei Monate zuvor in Lima. Bei der Wahl zur Miss Peru, einem Mega-Event, das im TV ausgestrahlt wird, verlautbarten sie anstatt ihrer perfekten Maße Daten zum Thema „Gewalt an Frauen“. Camica Canicoba sagte etwa: „Ich repräsentiere das Department Lima. Meine Maße sind: 2202 Frauenmorde in den letzten neun Jahren in meinem Land.“ Sätze wie diese sind der Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Da spricht eine Generation, die den Mut aufbringt, sich zu wehren.

Frauenarmee: 
Als Kämpferinnen für die eigene Sache stattete die österreichische Designerin Marina Hoermanseder 
ihre Models in Berlin aus.
- AFP

Provokante Worte, gedruckt auf Shirts, sorgten schon ein Jahr zuvor bei Dior für Furore. Die Zeile „We should all be feminists“ der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie war da auf Shirts zu lesen.

In Tirol beschäftigen sich die Werberinnen des Grafikbüros Weiberwirtschaft, Heidi Sutterlüty-Kathan und Beatrix Rettenbacher, schon lange mit Texten, die auf Kleidung geschrieben neue Sichtweisen öffnen. Das Shirt „More women in top positions“ war ihr Bestseller im letzten Jahr. Für Beatrix Rettenbacher ist die textile Oberfläche ein guter Platz, um gesellschaftlichen Wandel für Frauen und Männer anzustoßen: „Ich freue mich, wenn ich Mode sehe, die relevante Information vermittelt. Politische Äußerungen auf Kleidungsstücken führen zu Kommunikation und auch zu Diskussionen.“ Und die seien dringend nötig.

Einen Impuls in diese Richtung lieferte gerade vor zwei Wochen eine andere Österreicherin – und zwar in Berlin. Die Designerin Marina Hoermanseder zeigte Models in Camouflage-Anzügen und schwarzen Hoodies, nicht ohne sie körperbetont zu inszenieren. Ihre Show wurde als feministisches Kunstwerk gefeiert. Hoermans­eder fühlt sich verstanden: „Ich wollte die starke Frau feiern.“ Damit scheint eine endgültige Kehrtwendung eingeleitet, die sich schon lange abzeichnet. Der heutige Feminismus ist keiner, der sich noch in triste Roben hüllt. „Ich finde diese Ästhetik eindrucksvoller als jede Anti-Weiblichkeit“, sagt Hoermanseder.

Aber es bleibt eine Herausforderung, die Themen Feminismus und Mode zu verbinden. Kritiker schimpften gerade die Text-Shirts der Designer als eine weniger politische, aber umso mehr marktwirtschaftlich kluge Idee. „Für mich wird die Aussage des Feminismus dadurch nicht geschmälert“, stellt Yella Hassel gelassen fest. „Das ist doch das Schöne an der Mode, dass sich die Frauen selbst die Freiheit nehmen können, inwieweit sie mit den angebotenen Inhalten verbunden sein wollen.“




Kommentieren


Schlagworte