Letztes Update am So, 25.02.2018 06:43

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Massai

Von Hirten und Jägern zu Models und Marken

Touristen sehen die Massai als Fotomotiv, 1000 Unternehmen werben mit ihrem Namen. Das stolze afrikanische Volk will sich aber nicht länger als Marke missbrauchen lassen – oder zumindest ein klein wenig davon profitieren.

© AFPBei den Massai ist es nicht nur 
das "Sopa", mit dem andere versuchen, Geld zu machen, viel mehr wird die Lebensweise des ostafrikanischen Volkes verkau



Die Frau auf dem Bild, sie trägt beeindruckenden Ohr- und Halsschmuck, hat das typische rotkarierte Gewand der Massai an und ruft gerade etwas, vielleicht begrüßt sie Fremde mit einem „Sopa“. Auf Tirolerisch wäre das ein „Griaß di“, genau das „Griaß di“, das sich vor fünf Jahren ein deutscher Unternehmer vergeblich als Wortmarke schützen lassen wollte.

Bei den Massai ist es nicht nur das „Sopa“, mit dem andere versuchen, Geld zu machen, viel mehr wird die Lebensweise des ostafrikanischen Volkes verkauft – von Kopf bis Fuß. „Ungefähr 1000 Unternehmen nutzen die Bilder und die Kultur der Massai, um ihre Produkte damit zu bewerben“, schreibt eine britische Anwaltskanzlei.

Das Model Adriana Karembeu posiert 2011 bei der Vorstellung einer Mode
linie mit einem Massai.
- AFP

Diese vertritt seit Jahren die Interessen der im Süden Kenias und im Norden Tansanias beheimateten Hirten und Nomaden, die einst als Jäger berüchtigt waren. Inzwischen gelten sie weltweit als Marke. 2012 entwarf das Modehaus Louis Vuitton eine Männer-Kollektion, die das rote Karo-Muster der Massai-Gewänder kopierte.

Bei den Pariser Couture-Schauen im Jänner ahmte die Marke Schiaparelli mit kostbaren Stickereien die ornamentalen Muster der Massai nach. In New York wurden laut der Süddeutschen Zeitung Massai-Badetücher um 400 Euro verkauft.

Erste Erfolge hat die Anwaltskanzlei Light Years IP schon vorzuweisen. Sie hat erreicht, dass der britische Textilhändler Koy Clothing, der seine Männer-Sakkos unter dem Namen Massai vertreibt, fünf Prozent der Erlöse nach Ostafrika überweist. Weitere Klagen sollen folgen, u.a. gegen den Schuhhersteller „Masai Barefoot Technology“ – kurz MBT.

Wasser als Gegenleistung

Das ist jenes Unternehmen, das seit mehr als 20 Jahren Gesundheitsschuhe mit abgerundeten Sohlen herstellt und die zwischenzeitlich dem in den USA lebenden Tiroler Klaus Heidegger gehörte.

Die Idee zu den Schuhen hatte der Schweizer Karl Müller 1996 und er gründete auch die Firma, an der er heute nicht mehr beteiligt ist. Weil die Massai eine aufrechte Körperhaltung hätten und sich auf natürlichen Böden mit leichter Schuhbekleidung schnell bewegen würden, wollte er mit dem Namen eine Verbindung herstellen, erzählt er im Gespräch mit der TT: „Damals hat noch niemand von den Massai gesprochen“, erinnert er sich.

Louis Vuitton schickt 2012 Männer mit den für die Massai typischen roten Karos auf den Laufsteg.
- AFP

Die Namensnutzung sei aber abgegolten worden. „In unserer MBT-Zeit haben wir mit den Ältesten, den Vertretern der Massai, direkt gesprochen und ihnen als Gegenleistung zehn Brunnen gebaut, damit sie Zugang zu dem dringend benötigten Wasser bekommen.“ Damals habe das genügt. Nach Müller, dem Tiroler Heidegger und einem Verkauf wird das Unternehmen derzeit von Spanien aus geführt.

Eine Anfrage bei den aktuellen Verantwortlichen, um zu erfahren, wie die Gegenleistungen heute aussehen, blieb unbeantwortet.

Wenn das „Griaß di“ als Marke verkauft werden soll oder womöglich Lederhosen mit Adler-Logo auf dem asiatischen Schwarzmarkt angeboten werden, verkraftet Tirol das. Nur, andere Volksgruppen werden ausgebeutet, obwohl deren Identität ihr einziges und wertvollstes Gut ist. Die Indianer in den USA werden seit Jahrhunderten unterdrückt, aber als Folklore wird gerne geworben mit ihnen. Zahlreiche Sportteams tragen Namen wie „Redskins“ (Rothaut). Das Baseball-Team Cleveland Indians verbannen nun als Vorreiter ihr umstrittenes Indianerhäuptling-Logo aus dem Stadion.

Tiroler kennt die Massai-Sorgen

Die Sorgen der Massai hat der Tiroler Franz Hainzl selbst miterlebt. Er war für Hilfsprojekte 30-mal in Ostafrika und ist derzeit ehrenamtlicher Mitarbeiter der kleinen Organisation „Sei so Frei“. Für ihn beginnt die Ausbeutung mit den Urlaubern. „Die Menschen sind nur ein Objekt für die Kameralinse. Der durchschnittliche Tourist interessiert sich nicht für die ernsten Anliegen der lokalen Bevölkerung, sondern fährt hin, macht Fotos und kehrt zurück in sein Vier-Sterne-Hotel“, sagt der Götzner und nimmt die Reiseveranstalter genauso wie die Politiker in die Pflicht.

Zwischenzeitlich gehörte MBT (Masai Barefoot Technology) einem Tiroler.
- AFP

Diese müssten bedenken, dass viele nur wegen der Tiere, der Masai Mara und der Serengeti ins Land reisen. „Ohne die Massai, die mit ihrem Leben als Nomaden und Hirten die Umwelt schützen, würde es das alles bald nicht mehr geben. Manche Forscher sagen, dass diese Lebensweise langfristig keine Chance mehr hat, weil der Druck zu groß wird“, sagt Hainzl. Er meint damit, dass in Kenia die Bevölkerung in den vergangenen 40 Jahren von etwa 20 auf über 46 Millionen Menschen gewachsen ist und somit immer mehr des Nomanden-Landes benötigt wird.

Zwar wurde vereinbart, dass ein Teil der Eintrittsgebühren in die Tierparks für die Entwicklung der Massai verwendet werde. Ob das auch ankommt, ist eine andere Frage. Genauso bezweifelt er, dass jetzt das bei Markenrechtsfragen erstrittene Geld für Projekte vor Ort investiert wird. „Man kennt das ja, viel davon wird bei den Anwälten bleiben.“ Etwas Gutes aber hat die Nutzung des Namens der Massai für Badeanzüge, Männer-Sakkos und Gesundheits-Schuhe: Der Bekanntheitsgrad steigt weltweit. Und wenn kein freundlicher „Sopa“-Gruß gerufen wird, dafür jedoch ein lauter Hilfeschrei ertönt, weil die Massai noch weiter verdrängt werden, dann wird die Welt hoffentlich hinhören. (Matthias Christler)