Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 02.03.2018


Lifestyle

“Flanking“: Ein entfesselnder Mode-Trend

Weil sie Haut bei den Fesseln zeigen wollen, lassen junge Frauen und Männer auch bei unter minus zehn Grad hohe Socken weg und tragen die Hose kurz. Ist das so genannte „Flanking“ jugendliche Mode-Rebellion oder -Sünde?

© Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage



Von Matthias Christler

Innsbruck — Wer schön sein will, muss leiden. Nichts anderes dürften sich die jungen Menschen denken, die mit freigelegten Knöcheln durch die Gegend laufen. Gesehen etwa am Mittwoch in Innsbruck, minus zwölf Grad Celsius. Die anderen, eingepackt in Mantel, Handschuhen und Wollmütze, kommen sich wie in der falschen Jahreszeit vor. Ein Hingucker sind sie allemal, die nackten Knöchel. Der Trend, die Sneaker-Schuhe durch kurze Hosen und keine hohen Socken zu betonen, ist gar nicht so neu, zwei, drei Jahre alt. Es nennt sich „Flanking" — eine Wortschöpfung aus „Flashing" für Aufblitzen und „Ankle" für Knöchel. Aber im eisigen Winter? Darüber schüttelt nicht nur eine Ärztin den Kopf, auch Mode-Expertinnen können sich nur bedingt für den Trend erwärmen.

Das meint die Fashion-Bloggerin: Zwei, drei Zentimeter und ein bisschen mehr dürfen es schon sein. Im Fashion-Blog „Who is Mocca?" von Verena Raffl sieht man die Tirolerin auf ihren Bildern mit etwas freigelegter Haut um die Knöchel. „Ich bin nicht so kälteempfindlich. Aber bei minus 14 Grad laufe ich trotzdem nicht zu freizügig herum. Ich kleide mich eher der Temperatur entsprechend", will sie, dass die von ihr präsentierte Mode alltagstauglich ist. Der Flanking-Trend, erklärt Raffl, käme aus Großstädten, in denen es nicht so kalt sei wie in Tirol. Die Mode-Bloggerin glaubt nicht, dass es hauptsächlich ums Haut-Zeigen geht. „Man will seine Sneakers etwas in den Vordergrund stellen. Und wenn die Jeans vor den Knöcheln endet, wirkt das Bein gestreckt." Außerdem lässt sich, wenn man die Hose nach oben krempelt, ein Outfit neu präsentieren.

Das erklärt die Ärztin: Ob aber auch Gänsehaut und rote Flecken auf der Haut zum Outfit passen? Das erwartet die Flanking-Freunde nämlich unter Umständen. Christa Kostron, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde in Innsbruck, kann besorgte Eltern jedoch etwas beruhigen. „Nur weil man kalte Fesseln hat, erkälten sich die Jugendlichen nicht gleich. Und ich kenne keinen Fall, bei dem deshalb ein Zeh amputiert werden musste oder Erfrierungen wie auf hohen Bergen passieren." Allerdings, sagt sie, könnten eben schon kleine lokale Erfrierungen auftreten. „Die Durchblutung wird gestört, die Gefäße an der Oberfläche gehen zusammen, es kommt zu kleinen Erfrierungen mit roten Flecken, ähnlich wie man sie bei Kälte im Gesicht sieht", beschreibt Kostron die kurzfristigen Folgen der Freizügigkeit.

Mittelfristig gesehen sei es also unvernünftig, seinen Körper freiwillig und direkt der Kälte auszusetzen. „Dadurch wird die Widerstandsfähigkeit herabgesetzt. Wenn der Körper unterkühlt ist, schnappt er leichter Viren auf. Nackte Fesseln sind dabei aber nicht ganz so schlimm, als wenn jemand barfuß herumlaufen würde", sagt die Ärztin, die sich selbst manchmal wundert, wenn ihr Jugendliche mit Turnschuhen statt Stiefeln oder Löchern in den Jeans über den Weg laufen.

Der Ratschlag einer Ärztin in Mode-Fragen kommt bei den Jugendlichen wahrscheinlich genauso an wie der von den eigenen Eltern: gar nicht. Oder er bewirkt das Gegenteil: also erst recht rebellieren. Aber ob man wirklich schöner aussieht, wenn man leidet?

Das sagt die Mode-Expertin dazu: Als Gabriele Skach, Fachvorständin für Mode an der Ferrarischule Innsbruck, auf das Thema angesprochen wird, will sie sich selbst erst einmal ein Bild machen. Tatsächlich hätten in jeder Klasse zwei, drei Schülerinnen nur Halbschuhe an und zeigen Haut an den Fesseln, dem Übergang von der Wade zum Knöchel, sagt sie nach einem Rundgang. „Eine Schülerin hat gemeint, dass sie in der Früh gar nicht lange nachgedacht und das angezogen hat, was sie gerne anzieht. Eine andere findet es einfach schön und modern", erzählt Skach, die zwar froh ist, wenn ihre Schülerinnen modisch mutig auftreten — nicht aber, wenn es auf Kosten der Gesundheit geht. „Mode hat immer auch etwas mit Funktion zu tun. Sie richtet sich nach den Bedürfnissen der Menschen."

Laut ihr sind die Zeiten, in denen die Mode auf Funktionalität pfeift und Freizügigkeit demonstriert, ohnehin bald vorbei. „Die aktuellen gesellschaftlichen Debatten spiegelt sich in den Fashion-Shows für den nächsten Winter wider. Man geht weg von den engen Silhouetten hin zu einem Schützen des Körpers", erkennt die Expertin bei den Modehäusern eine „interessante Folge" der MeToo-Debatte.

Haut zu zeigen, bleibt trotzdem jedem selbst überlassen. Ob es auch gut aussieht? Eine entfesselte Mode ist bei Minusgraden vielleicht mutig, aber nur bedingt modisch. Fast schon eine Mode-Sünde.