Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 07.04.2018


Wohnraum

Ökologisch bauen wie einst Semiramis

Die „Hängenden Gärten der Semiramis“ auf dem Palast von Nebukadnezar gelten als großes Weltwunder, heutige Dach- und Fassadenbegrünungen sind kleinere und klimabedingt notwendige Wunder.

© Bäume und Sträucher – so üppig kann es in einem Dachgarten wachsen und sprießen.Foto: GrünStattGrau



Von Ursula Philadelphy

Innsbruck – Der Trend geht zum „easy living“ in grünen Oasen, denn man will ganzjährig für einen kleineren ökologischen Fußabdruck sorgen. Eine Wand mit Efeu oder wildem Wein zu begrünen, war gestern, nun sind Dachgärten und vertikale Wälder angesagt, um dem urbanen Leben nicht nur mehr Pfiff zu geben, sondern auch um dem Klimawandel Paroli zu bieten. Auch Innenhöfe haben ihr Schmuddeldasein schon längst verloren, werden mit Bäumen beschattet oder mit Gemüsebeeten bepflanzt. „Urban Gardening“ heißt die Devise, deren Ziel Nutzgärten, Mietbeete, aber zugleich auch Bewusstseinsbildung, Wissensvermittlung, nachbarschaftliche Vernetzung und soziale Begegnung sind.

In Städten heißt es nun immer öfter „wir gehen hinauf in den Garten“, denn auf den Dächern wird es immer grüner, gibt es neben Gemüsebeeten sogar Kinderspielplätze und mancherorts wachsen auch oben Bäume. Auch die Fassaden werden seit einigen Jahren immer intensiver bepflanzt. Man folgt da dem Pilotprojekt „bosco verticale“ des Mailänder Architekturbüros „boeri studio“, das für eine bewaldete vertikale Revolution steht.

Dank innovativer Haustechnik werden solche Anlagen – und inzwischen gibt es auch unzählige Beispiele quer durch ganz Österreich – heute ja mit aufbereitetem Brauchwasser versorgt. Zugleich spart man sich teure Klimaanlagen, denn die Bepflanzung spendet Schatten und Kühlung und bietet zugleich der Umweltverschmutzung Paroli, da sie CO2 absorbiert, Sauerstoff produziert und für eine natürliche Feuchtigkeit sorgt. Auch akustisch ist so eine mehr oder weniger begrünte oder sogar bewaldete Fassade natürlich ein Highlight. Diese biologische Architektur bietet also mit einem Wort ein rundum ideales Mikroklima und man kann dafür auf extreme Technologien verzichten. Nachdem der Klimawandel immer öfter Hitzewellen verursacht, ist diese neue Art der Architektur eine wirkungsvolle Maßnahme.

Die grüne Klimaanlage verhindert einen steigenden Energiebedarf, der vermehrt Treibhausgase freisetzt – so wird ein Teufelskreis durchbrochen. Vor allem in dicht besiedelten städtischen Gebieten bringen Fassaden­begrünungen durchaus messbare Erleichterungen.

Laut dem Verband „Grün statt Grau“, der sich dem Thema Bauwerksbegrünungen widmet, wurde durch Simulationen im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität für Bodenkultur (BOKU) festgestellt, „dass die vom Menschen empfundene Wärme beim Vorübergehen an einer Grünwand um bis zu 13 Grad Celsius sinkt und eine begrünte 850 m² große Fassade an einem heißen Sommertag die Kühlleistung von mehr als 80 Klimageräten mit jeweils 3000 Watt über einen Zeitraum von 8 Stunden erbringt“. Grüne Dächer und Wände fungieren also bei extremen Temperaturen, im Gegensatz zu konventionellen Dächern oder Fassaden, als Puffer. Bauwerksbegrünungen sind so etwas wie Kleinkraftwerke, die das Klima in Städten beeinflussen, und sogar im sozialen Wohnbau beginnt sich Interesse zu regen. Denn, so hat man an der BOKU herausgefunden, die Kosten sind geringer als befürchtet und Gründächer, zum Beispiel, sind ein natürlicher Hochwasserschutz, denn sie entlasten die Kanäle bei Starkregen. Sie filtern aber auch Feinstaub, kühlen im Sommer und sind im Winter eine wunderbare Wärmedämmung. Was früher das aufgeschichtete Brennholz an der Wetterseite eines Hauses war, ist heute die begrünte Fassade. Außen geht es also um den Schutz und in den Innenhöfen, aber auch auf den Dächern pulsiert dann das pralle Leben und die Nahversorgung. Und wer keinen Innenhof für Hochbeete hat, setzt auf rollbare Gefäße, federleichte Pflanzsäcke, die luft- und wasserdurchlässig sind sowie UV- und kälteresistent. Damit kann man Karotten, Radieschen und den einen oder anderen Salat auch auf einem kleinen Balkon ziehen oder sich sogar einen vertikalen Minigarten im Wohnzimmer zulegen. Die Palette der Angebote ist vielschichtig, reicht von den Woolly Pockets bis zu den Entwürfen von Designer Godefroy de Virion und den Landschaftsgärtnern Louis de Fleurieu und Virgilie Desmiront für die veganen Pflanzsäcke von Basac. Und natürlich setzen auch alle Gartenmärkte und Möbelhäuser auf dieses Thema. Der Frühling kann beginnen und dem Sommer wird dann viel Grün geboten werden!