Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 03.05.2018


Lifestyle

Bei den Größen drückt der Schuh

Durch feste Schuhgrößen soll der Griff ins Schuhregal leichtfallen. Doch viele Hersteller halten sich nicht an das System. Mit bösen Folgen, besonders für Kinderfüße.

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Von Philipp Schwartze

Innsbruck — Dieser Schuh fällt groß aus, jenes Modell eher klein — wer kennt diese Auskünfte beim Schuhkauf nicht. Da ist ein 40er-Schuh eben nicht immer wirklich ein 40er. „Die Schuhe sind nicht kleiner geschnitten, sie sind einfach falsch gemacht", kritisiert Wieland Kinz, Sportwissenschafter vom Forschungsteam Kinderfüße-Kinderschuhe in Bregenz.

Dabei ist es eigentlich eindeutig: Ein Schuh der EU-Größe 40 müsste 26,7 Zentimeter Innenlänge aufweisen können. Denn jeder Größenschritt beträgt im EU-System — einem von vier weltweit — 6,67 Millimeter.

Das Problem: Die Schuhgröße ist gar keine bindende Norm. „Die Hersteller könnten genauso gut Hausnummern draufschreiben", sagt Kinz. Und die Schuhbranche sträube sich gegen eine fixe Norm.

Minimum 12 Millimeter Platz

Dass die Größen oft nicht stimmen, kann Kinz mit Zahlen untermauern. In einer aktuellen Studie mit 1898 Kinderschuhen waren 1638 kürzer, als es die angegebene Schuhgröße verlangt. „Bereits im Kindesalter können zu kurze Schuhe zu krummen Zehen führen", sagt Kinz.

Kindern fehlt oft das Gespür, ob Schuhe zu klein sind. „Die tragen drei, vier Nummern zu kleine Schuhe, sagen aber, die passen", berichtet Kinz.

Um Fehlstellungen der Zehen zu vermeiden, ist die richtige Größe aber besonders bei den Jüngsten wichtig. „Kinder sind in den Schuhen viel aktiver, toben länger darin herum", sagt Gerhard Kaufmann vom Orthopädie und Fußzentrum Innsbruck.

12 Millimeter Platz sollte in einem Schuh, ob Kind oder Erwachsener, mindestens sein. Einige Hersteller geben inzwischen die Innenlänge mit an. Kinz rät, auf diese statt auf die Größen zu achten.

„Wir haben erhoben, wie viel ein Kinderfuß wächst", sagt Kinz. Das monatliche Wachstum bei Ein- bis Dreijährigen beträgt 1,5 Millimeter, bei Drei- bis Sechsjährigen einen Millimeter und bei Sechs- bis Zehnjährigen 0,8 Millimeter. Maximal 17 Millimeter darf ein Schuh größer sein — und passt dann auch vier Monate.

Rund um den Fuß

  • FUNKTION: Der menschliche Fuß erfülle, so wie er gebaut ist, eine Funktion, sagt Orthopäde Gerhard Kaufmann. „Ein guter Schuh sollte diese Funktion nicht verhindern." Also weder zu steif noch zu klein sein.
  • MATERIAL: „Als Erstes sparen die Hersteller von Billigschuhen am Material", sagt Kaufmann. Deshalb sollte beim Kauf besonders auf gute Materialien geachtet werden. Bei zu viel Plastik geht es dem Fuß eher „wie in einem Plastiksackerl". „Er braucht aber die Möglichkeit zu atmen."
  • EINLAGEN: Laut Orthopäde Kaufmann braucht ein gesunder Fuß keine Einlagen. Oft werden Innenschuhe mit Einlagen verwechselt. „Die sind dem Fuß nachempfunden, ohne ihn zu korrigieren."
  • SOHLE: Einen ersten Hinweis auf einen auffälligen Gang kann die Schuhsohle geben. „Ist die nach drei Wochen an einer Stelle abgewetzt, ist es nicht verkehrt, sich seine Füße anschauen zu lassen."
  • FLIP-FLOPS: Sind beliebt, geben aber — wie Crocs — den Füßen keinen Halt. Dennoch müsse man nicht darauf verzichten. „Da steckt man ja nicht dauerhaft drin", sagt der Orthopäde. Ein gesunder Fuß halte so etwas — wie auch Stöckelschuhe — einige Zeit lang aus.
  • BARFUSS: Ist die Ur-Form des Gehens. „Das verändert den Fuß nicht negativ", sagt Kaufmann. Fußfehlstellungen, wie Plattfüße, drohen also nicht.