Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 09.05.2018


Warteschleife

Musik für wartende Ohren

In Warteschleifen werden Anrufer mit Musik zwangsbeschallt — das polarisiert. Warum darauf dennoch nicht verzichtet wird und wieso bekannte Stücke ungeeignet sind.

© birdlife



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Sie soll bei Laune halten und zum Nicht-Auflegen ermuntern: Warteschleifenmusik. Statt den gewünschten Gesprächspartner an den Hörer zu bekommen, dudelt es, übertönt von mehr oder weniger angenehmen Stimmen. Die fordern zum Warten auf, versprechen, dass jeder Anruf sehr wichtig sei. Entnervt geben viele auf – denn nur bei zwei Minuten liegt laut einer Befragung des Marktforschungsinstituts GfK Austria die Geduld am Telefon. Umso wichtiger: die Wartenden bei Laune zu halten.

Thomas Pichler vom Tonstudio „Klangfarbe“ in Innsbruck beschäftigt sich seit 17 Jahren im deutschsprachigen Raum mit dem akustischen Auftritt von kleinen und großen Unternehmen sowie Behörden. „Vom Altenheim bis zum Ministerium ist alles dabei.“

Für das Amt der Tiroler Landesregierung ließ er etwa ein eigenes Stück komponieren und mit klassischen Instrumenten einspielen. Generell rät er zu unbekannten Liedern. „Wenn man einen Chart-Song nimmt, ist das nichts Spannendes mehr“, sagt der Innsbrucker. Abgesehen davon, dass dann auch Abgaben für die Künstler fällig werden. Zudem solle Wartemusik möglichst nicht polarisieren. Schwierig, wenn die Zielgruppe breit ist. „Bei einem Modegeschäft, das eine Zielgruppe von 16- bis 35-Jährigen hat, kann man dagegen konkrete Stilrichtungen, wie etwa House oder R’n’B, nehmen“, erklärt der 42-Jährige.

Entstanden ist die Warteschleifenmusik übrigens durch Zufall: 1962 hörte US-Unternehmer Alfred Levy in der Telefonleitung leise Musik. Seine Fabrik empfing unabsichtlich eine nahe gelegene Radiostation. Levy meldete daraufhin das „Telephon hold program system“ als Patent an.

Viele Musikpsychologen halten die Beschallung für wichtig, weil sie die Wartezeit strukturiert, die Zeit dadurch schneller vergeht. „Das ist wie in der realen Welt: Wenn man irgendwo auf jemanden wartet, vergeht die Zeit auch schneller, wenn in der Nähe etwas passiert“, sagt Pichler.

Wiederholen sich Melodie oder Ansage sehr schnell, hat man das gegenteilige Gefühl. Eine Minute ist laut Pichler daher eine gute Wahl für die Länge der Schleife, wenn die Telefonanlage das technisch zulässt. „Größere Unternehmen wissen sehr genau, wie lange ein Anrufer durchschnittlich in der Leitung ist. Das ist bei der Auswahl wichtig“, sagt Pichler und ergänzt: „Die beste Warteschleife ist jene, die der Anrufer gar nicht hören muss, weil gleich ein Mitarbeiter drangeht.“

Doch das ist nicht immer möglich. „Die Warteschleife hat dann drei Aufgaben: sagen, wo man sich befindet, ob man zur richtigen Zeit dort ist – also die Öffnungszeiten – und was passiert, etwa, dass sich bald jemand um einen kümmern wird“, erklärt er. Auch für Werbung – nicht langweilig oder marktschreierisch, sondern als Zusatzinfo – könne die Warteschleife genutzt werden. „Man erreicht damit immer die Zielgruppen, wenn sich nicht gerade jemand verwählt“, erklärt er die Vorzüge.

Für den Anrufer ist das mitunter anstrengend, wie auch die immer selben Stücke zu hören. Besonders häufig sind nicht nur Klassiker wie Beethovens „Für Elise“, sondern auch voreingestellte Warteschleifen-Melodien, wie das „Opus Number 1“ des US-Telefonherstellers Cisco: Durch den Hörer ist dabei synthetisches Gedudel zu hören. Das scheint aber viele Anhänger zu haben, die es sich zur Entspannung in der Freizeit anhören: Auf Youtube gibt es im Internet einige Ein-Stunden-Versionen für wahre Wartenschleifen-Fans.

Klavier, Blasmusik oder Vogelgezwitscher: Der Klang der Warteschleifen ist vielfältig.Fotos: iStock, dpa, Buchner/Birdlife
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