Letztes Update am Mi, 09.05.2018 12:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lifestyle

Die große Stunde der Socken

Statt den Motto-Shirts gibt es jetzt die Statement-Socken. Wer etwas zu sagen hat, zieht einfach das passende Fußkleid an. Alles über ein Phänomen, das den Mut zur Hässlichkeit zum Stil erhebt.

© AFPBotschaft auf Wadeln: ein Trump-Fan mit Foto-Strümpfen in San Diego.



Von Andrea Wieser

Wer auf die Socken von Hannes Jakobsen (33) schaut, liest dort: „The best revenge is not to be like your enemy.“ Frei übersetzt heißt das: „Die beste Rache ist, nicht so wie dein Feind zu sein.“ Ein Zitat, das dem römischen Kaiser Marcus Aurelius zugeschrieben wird. Als eine von sieben Weisheiten hat es sich Hannes Jacobsen auf seine Socken sticken lassen, die er im großen Stil vertreiben will. Noch ist der Berliner dabei, über die Plattform „Kickstarter“ nach finanziellen Starthilfen für das Projekt zu suchen. Ob es aufgeht, ist ungewiss.

Dabei gäbe es Klientel zuhauf. Promintestes Beispiel ist vielleicht Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau. Er glänzt bei jeder Gelegenheit mit außergewöhnlichen Socken – wenngleich er bis jetzt eher auf die Kraft der Farben und Symbole setzte. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos schlüpfte er Ende Jänner zum Beispiel in blaue Modelle mit gelben Quietsche-­Enten. Schon vor einem Jahr zeigte er stolz aller Welt seine Star-Wars-Socken. Als ob dieser Film noch Promotion nötig hätte. Mit viel Sinn für Humor nahm der irische Premierminister Leo Varadkar letzten Sommer bei einem gemeinsamen Treffen in Dublin diese Idee auf. Der Ire zeigte Kanada-Socken in die Kamera. Ein gutes Vorzeichen für die danach stattfindenden Wirtschaftsgespräche, vermuteten Beobachter. Ob es daran lag, ist schwer zu sagen. Es lief auf jeden Fall gut.

Geste: Der irische Premierminister Leo Varadkar (r.) begrüßt Justin Trudeau mit Kanada-Socken.
- AFP

„Tatsächlich sind die Socken für mich ein guter Konversations-Starter“, meint Jakobsen über seine Fußkleider. Er werde oft darauf angesprochen. Für Weltpolitik ist das jedoch nicht der geeignete Ort, meint Gabriele Skach, Mode-Fachvorständin an der Ferrarischule Innsbruck: „Ich denke, die Socke kann davon ablenken. Ein Politiker mit geringelten Socken will eher sein persönliches Image formen als sein politisches.“ Der australische Labor-Politiker Mark Dreyfus zielte wohl darauf hin ab, beides zu vermischen, als er mit Regenbogensocken im Parlament saß, um sein „Ja“ zur Ehe für Homosexuelle zu unterstreichen.

Auch Privatpersonen nutzten ihre Wadeln gerne politisch. Beim „Patriot Picnic“ in San Diego, einer Kundgebung von Republikanern im Februar, wurden Trump-Stutzen gesichtet. Etwas weniger farbenfroh machten sich im Zuge der Brexit-Diskussionen die britischen Demonstranten Luft. Kniestrümpfe in europäischem Blau mit Sternen waren der Renner.

Pro Homo-Ehe: Mark Dreyfus mit Regenbogensocken im australischen Parlament.
- AFP

Sich über Kleidung auszudrücken, ist an sich nichts Neues, nur der Ort hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. „Geschichtlich gesehen tauchen immer wieder andere Kleidungsstücke als Projektionsfläche für persönliche Expression in den Vordergrund. Mal die Krawatte, mal die Haarfarbe, nun ist die Socke an der Reihe“, erläutert Skach. So könne man mit expressiven kleinen Details individuelle Zeichen im Kontrast zur uniformen Mode setzen.

Das gängigste Beispiel der letzten Jahre ist das Motto-Shirt. Kaum ein Spruch, der es nicht schon auf die textile Brust geschafft hat. Carl Jakob Haupt, als Mode-Experte des Blogs „Dandy Diary“ ein sensibler Beobachter der Szene, beäugt diesen Trend kritisch: „Nach ermüdenden Jahren der geschriebenen Statements auf allen möglichen Kleidungsstücken hoffen wir, dass das gesprochene Wort bald wieder wichtiger wird als das geschriebene – und die Kleidung wieder etwas unplakativer.“

Die Freude am Hässlichen ist eigentlich die Mutter des Socken-Phänomens. „Ugly Fashion“ nennt sich der Trend, der Pate für die Revolution in der untersten Körperzone steht. Den Start machten die guten alten Tennissocken, die bis dahin abseits des Sportplatzes verpönt waren. Der neue Look: Hosenlängen, die über dem Knöchel aufhören, dazu Socken, die bisher niemand sehen durfte. „Wenn etwas sichtbar wird, was vorher versteckt war, bekommt es vermehrte Aufmerksamkeit, und das bietet sich nun an, um als Projektionsfläche genutzt zu werden“, kommentiert das Modefachvorständin Skach. So gesehen ist das jetzt also endlich die Stunde der Socke. Auch Kritiker des Trends mögen es ihr gönnen. Sie lebte lange Zeit im Dunkeln.




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