Letztes Update am Sa, 29.09.2018 09:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mode

Dirndl? Da gibt es keine Berührungsangst mehr

Die TT hat vier Tiroler Designer gefragt, was heuer angesagt ist. Nur so viel: Hauptsache schlicht. Das kurze Polyesterdirndl sollte also lieber im Schrank hängen bleiben, ansonsten droht eine Dirndl-Sünde.

© iStock(Symbolfoto)



Ulli Ehrlich, Sportalm Kitzbühel

Ulli Ehrlich verliebt sich immer wieder neu – in eines ihrer Dirndln, versteht sich. „Heuer ist mein Favorit ein hochgeschlossenes, schwarz-rot-kariertes aus dezentem Baumwollstoff mit handgefertigten Röschen“, sagt die Chefin und Designerin von Sportalm Kitzbühel.

„Hochgeschlossen“ sei derzeit übrigens auch bei jugendlichen Dirndlträgerinnen beliebt: „Vor einigen Jahren war das noch ganz anders, als besonders kurze, billige Polyesterdirndln den Markt regelrecht überschwemmt haben. Das waren in meinen Augen mehr Kostüme als Dirndln.“

Berührungsängste verloren

Sportalm-Chefin Ulli Ehrlich (l.) empfiehlt, schlichte Dirndln zu kaufen. Im Bild ist sie mit Puls-4-Moderatorin Silvia Schneider zu sehen.
- Sportalm

Aber diese Phase hatte für die fünffache Mutter auch ihr Gutes: „Junge Kundschaft mit begrenztem Budget kam so auf den Dirndlgeschmack. Sie haben quasi die Berührungsängste zur Tracht verloren und wünschen sich heute hochpreisigere Kleidung zum Geburtstag oder zu Weihnachten.“

Außerdem beobachtet Ehrlich, wie Kunden sich immer mehr für hochwertige Materialien, Qualität und den Ursprung der Waren interessieren: „Was das Design angeht, ist derzeit Schlichtes gefragt, so wie noch vor gut 50 Jahren. Klare Linienführung, Stickereien, dezente Borten, keine Überdekoration mehr.“

Ein Glück für das Unternehmen, das heuer sein 65-Jahr-Jubiläum gefeiert hat: „Wir können in unseren eigenen Archiven nach Inspirationen für die aktuellen Modelle stöbern.“

Zusätzliche Ideen sammelt Ehrlich auf Modeschauen: „Catwalks zeigen, welche Details im Fokus stehen. Ist die Seide glänzend oder matt? Wie viel Spitze ziert die Blusen?“ Hier könne man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Die Schnittführung hingegen bleibe bei Dirndln stets ähnlich: „Anders als etwa bei Jacken oder Skianzügen.“

Was Stoffe anbelangt, hat Sportalm Händler angestellt, die weltweit auf die Suche nach bis zu 150 Jahre alten Unikaten gehen: „Darauf findet man teils noch handgezeichnete Designs.“

Markus Spazier, Manufaktur Herzblut

Wann ist etwas schlicht? Auf diese Frage dürfte man die unterschiedlichsten Antworten bekommen. Mit der von Markus Spazier müssen sich so manche wohl erst anfreunden: „Die Masse will dezente, klare Schnitte. Diesem Wunsch komme ich gerne nach. Aber warum sollen die Accessoires immer klassisch weiße Blusen und Schürzen sein? Wie wär’s mal mit einem Harness-Gürtel?“

Darunter versteht der Designer und Chef der Schwazer Manufaktur Herzblut Lederstriemen, die über die Schulter geworfen getragen und an der Taille gebunden werden.

Westwood hatte dieselbe Idee

Abgesehen davon ist Spazier ein Freund großer Gürtelschnallen und Talismanen aus dem Heidentum, die er zu modernen Accessoires umfunktioniert hat: „Die waren schon Teil meiner letztjährigen Kollektion. Heuer hat sie auch Designerin Vivienne Westwood aufgenommen. Das liegt wohl an ihrem Mann Andreas Kronthaler, der ist Tiroler und holt sich auch Inspirationen, die sich auf das heimische Brauchtum beziehen.“

Sängerin Hannah trägt Dirndl und Gürtel aus der aktuellen Kollektion von Markus Spazier.
- Manufaktur Herzblut

Der Schwazer schätzt es, wenn Design sich auf Kultur und Geschichte bezieht: „Für die aktuelle Kollektion habe ich einen Dirndl-Stoff entworfen, auf dem der Tiroler Wappenadler quasi zum ,echten‘ Adler wird. Das ist ebenso modern wie trachtig.“ Praktischer Nebeneffekt: Der Stoff ist pflegeleicht. Ein wichtiger Wiesn-Aspekt, wenn die Schunkellaune zu späterer Stunde steigt oder die Kellnerin zehn Krüge gleichzeitig auf den Tisch schubst und schon mal der Inhalt einer Maß über den Rand schwappt.

Ob man nun eines von Spaziers Dirndln trägt oder ein klassisches, die Hauptsache sei, dass man sich darin wohl fühlt und authentisch wirkt: „Nichts ist schlimmer als verkleidet auszusehen. Das Dirndl muss zum Typ passen – ob konservativ oder modern.“

Die Ideen zu seinen Designs holt sich der 29-Jährige übrigens im Freundeskreis: „Eine Freundin aus Seefeld inspirierte mich kürzlich zu dem mysteriösen Look, den ich derzeit umsetze. Dabei überspanne ich den Bogen gern ein wenig. Es muss ja nicht immer der klassisch bayerische Stil sein.“

Veronika Dengg, Zillertaler Trachtenwelt

Normalerweise blicken Designer auf die Catwalks von Paris und Mailand, um die Trends kennen zu lernen. Doch wo inspiriert man sich in Sachen Tracht? „Da habe ich ein interessantes Phänomen bemerkt. Große Designer orientieren sich an der Tracht, nicht umgekehrt. Karl Lagerfeld etwa hat für seine aktuelle Kollektion einiges von der Dirndlmode abgekupfert – Strick zum Beispiel und Stoffe“, sagt Veronika Dengg von der Zillertaler Trachtenwelt in Schlitters.

Das Dirndl von Trachtenwelt-Mitarbeiterin Silvia Lentsch wirft am Oberkörper keine Falten.
- Zillertaler Trachtenwelt

Symbol für Beständigkeit

Folkloristisches liege im Trend: „Gerade jetzt, in dieser schnellebigen Zeit, in der sich jeden Tag viel verändert, will man ein Symbol für Beständigkeit setzen. Was wäre da passender als Tracht, die ausdrückt: ,da komme ich her, da gehöre ich hin’.“

Umso wichtiger sei es, dass die Kleidung den jeweiligen Typ unterstreicht: „Ob ein Rock zu kurz oder zu lang ist, kann man so nicht sagen. Das hängt vom Alter der Trägerin ab. Hauptsache, die Verkäuferin achtet darauf, dem Kunden nichts einzureden, das nicht zu ihm passt.“ Ein Dirndl sitzt übrigens optimal, wenn es an Oberkörper und Taille eng anliegt und möglichst keine Falten wirft. Der Rock sollte ausgestellt sein und frei schwingen.

Adi Rauscher, „Heu und Stroh“

Gibt es Dirndl-Sünden? Auf diese Frage reagiert Adi Rauscher, Geschäftsführer von „Heu und Stroh“ in Innsbruck, tolerant: „Das hängt davon ab, wohin man geht. Bei einem Clubbing finde ich Sneakers zum modischen Dirndl in Ordnung. Bei einer klassischen Tracht hingegen wären Sportschuhe unangebracht.“

In Sachen Dirndl-Länge lautet die traditionelle Wiesn-Faustregel, dass der Saum einen Maßkrug breit über dem Boden enden soll. Aber auch kürzer ist erlaubt: „Ein Rock von rund 70 Zentimetern ist optimal.“

Roswitha Schöpf und Adi Rauscher von „Heu und Stroh“ raten zu einer Dirndl-Rocklänge von 70 Zentimetern.
- Rudy De Moor

Vom Entwurf zum Produkt

Bis eine Dirndl-Kollektion von „Heu und Stroh“ fertig produziert ist, vergeht rund ein halbes Jahr – von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt. „Wir besprechen mit den Designern, was wir uns vorstellen. Die Muster, die daraufhin entstehen, werden einige Male überworfen, bis das Dirndl allen optimal erscheint“, sagt Rauscher.

Einige der fertigen Kleidungsstücke tragen die Namen der Rauscher-Familie: „Dirndl Rosi ist nach unserer Mama benannt.“ Dirndl Anna trägt den Namen der Großmutter und ist angelehnt an die traditionelle Innsbrucker Tracht: „Details sind bei Dirndln wichtig. Bei der Anna ist etwa der Tiroler Adler auf den eingenähten Silberknöpfen abgebildet.“

Eines der aktuellen ist Dirndl Cornelia, nach Rauschers Schwester, das aus Stretchloden besteht und hohen Tragekomfort bietet: „Das innovative Material hat sich auch bei unserer Männerkollektion bewährt. Bei Sakkos findet man diesen Loden noch selten.“

Das Interesse an Tracht sei bei männlichen Kunden übrigens ähnlich groß wie bei weiblichen: „In letzter Zeit fällt mir auf, dass vor allem junge Kunden gerne Tracht kaufen.“ (Judith Sam)




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