Letztes Update am Mi, 14.11.2018 08:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lifestyle

Pflanzenschutzmittel oder doch nur Schönfärberei?

Jede zweite Frau und auch immer mehr Männer färben regelmäßig ihr Haar. Doch der Chemiecocktail, der in Colorationen steckt, birgt gesundheitliche Risiken. Naturfarben haben sich zu einer echten Alternative gemausert.

© iStockFest der Farben: Selbst die Farbpulver beim indischen Holifest werden mittlerweile synthetisch hergestellt, manche Pulver sind schädlich.



Von Silvana Resch

Verwöhnen und pflegen verspricht die Intensivtönung aus dem Supermarkt. „Macadamia-Öl und acht Naturextrakte“ würden das Haar „weicher und geschmeidiger“ machen.

Dezent auf der Seite der Packung ist der seit 2011 vorgeschriebene Warnhinweis angebracht: „Haarfärbemittel können schwere allergische Reaktionen hervorrufen. Produkt nicht für Personen unter 16 Jahren bestimmt.“ Auch wenn sich auswaschbare Tönungen einen sanften Anstrich geben, problematische Chemikalien stecken nicht nur in permanenten, das heißt dauerhaften Haarfarben. Um Kontaktallergien zu vermeiden, raten Experten, Handschuhe zu tragen.

Statistiken, die zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Friseuren vorliegen, verdeutlichen das Risiko: „Friseure stehen österreichweit auf der Lis­te der Berufskrankheiten ganz oben“, sagt Heinz Fuchsig von der AUVA. Hautkrankheiten dominieren, fast zur Hälfte seien davon Lehrlinge betroffen, ältere Arbeitnehmer drohten hingegen eher an Asthma zu erkranken, so der Arbeitsmediziner. Von den österreichweit 291 von der AUVA zwischen 2012 und 2016 „anerkannten Schadensfällen“ sind 49 in Tirol zu verzeichnen. Dabei wurden in Europa zahlreiche gefährliche Stoffe bereits aus dem Verkehr gezogen. Viel in Bewegung gebracht hat eine 2001 erschienene US-amerikanische Studie, in der ein Zusammenhang zwischen Blasenkrebs und Haarefärben nachgewiesen wurde. Ein von der EU-Kommission eingesetztes Beratergremium setzte daraufhin mehr als die Hälfte von knapp 400 chemischen Farbstoffen auf die Verbotsliste.

Durch die Hintertür gelangen kritische Substanzen wie p-Aminophenol aber doch wieder in Kosmetika wie Haarfarben, bemängelte das deutsche Konsumentmagazin Ökotest bereits vor einigen Jahren – wenn nämlich die Expertenkommission der EU befindet, dass die Einsatzkonzentration kein Risiko berge.

Arbeitsmediziner Fuchsig rät generell zu einem vorsichtigen Umgang mit Chemikalien: „Wir wissen vieles noch nicht, vor allem, was Wechselwirkungen anbelangt.“

Wer auf Nummer sicher gehen will und zu Naturfarben greift, darf dennoch nicht blind vertrauen. Ein italienischer Hersteller, dessen Haarfärbemittel im Reformhaus stehen, bewirbt seine Produkte mit Wirkstoffen aus „Goldhirse und Kräutern“. Tatsächlich steckt auch hier jede Menge Chemie drin: Etwa der Farbstoff Phenylendiamin – Bestandteil der eingangs erwähnten Tönung. Die Färbechemikalie, die zur Gruppe der aromatischen Amine zählt, kann schwere Allergien auslösen. Andere Vertreter dieser Gruppe gelten als krebserregend.

Abschrecken lassen sollten sich Konsumenten aber nicht: Henna-Haarfarben mit Naturkosmetik-Siegel haben sich mittlerweile als echte Alternative etabliert – auch graue Haare lassen sich problemlos abdecken. „Henna dringt im Gegensatz zu chemischen Produkten nicht in das Haar ein, die Farbpigmente legen sich um das Haar“, erklärt der Innsbrucker Friseur und Berufsschullehrer Klaus Büchele.

Aus dem Hennastrauch, der vor allem in Indien angebaut wird, wird seit Jahrtausenden das Pulver Henna gewonnen.

Durch temporäre Tätowierungen – den so genannten „schwarze Henna-Tattoos“ – ist Henna aber in Verruf geraten. Doch auch bei den Tattoos ist es das beigemischte Phenylendiamin, das den an sich unbedenklichen rot-braunen Farbstoff schwarz macht. Studien haben Henna längst rehabilitiert.

In seiner 35-jährigen Berufslaufbahn hat Klaus Büchele viel mit Henna gearbeitet. Der Friseur schwärmt vom „extremen Glanz“, den das mit Wasser angerührte Pulver der Mähne verleiht. „Ich färbe meine Frau ausschließlich mit Henna. Sie hat sehr feines Haar, so bekommt es bis zu 40 Prozent mehr Körper.“

Naturfarben zählen daher auch zum Unterrichtsstoff an der Innsbrucker Schule für Schönheitsberufe. „Zur Friseur-Grundausbildung gehört es einfach dazu“, ist Direktorin Karoline Wimp-issinger überzeugt. Eine Kooperation mit einem Naturfarbenhersteller sei in Planung, derzeit bereite die Finanzierung aber noch Schwierigkeiten.

Im Osten Österreichs ist man bereits einen Schritt weiter: Das Naturkosmetikunternehmen Culumnatura arbeitet mit der Berufsschule Hollabrunn zusammen – und auch in der firmeneigenen Akademie in Niederösterreich werden Friseure zum „Haar- und Hautpraktiker“ ausgebildet. Willi Luger, ein gelernter Friseur, hat aus seinem Ein-Mann-Betrieb ein 30-köpfiges Musterunternehmen gemacht, Lugers „ökologische Grundhaltung“ ist Firmenphilosophie.

Das Henna, die Basis seiner Naturfarbpalette, bezieht er direkt aus Indien. „Ich wollte mir die Produktion vor Ort anschauen, um sicherzustellen, dass nachhaltig gearbeitet wird und keine Kinderarbeit im Spiel ist.

Ausschließlich rein pflanzliche Inhaltsstoffe wie Indigo, Walnussschale oder Kamille sind in den Naturfarben. „Das Wissen darum ist seit Kleopatra oder Hildegard von Bingen bekannt.“

Doch es gibt Einschränkungen bei den Naturfarben: Bleichen geht nicht und graue Haare werden zwar abgedeckt, sie wirken im Vergleich aber heller. Ein Nachteil, der, wenn man an den so genannten „Perckeneffekt“ denkt, zum Vorteil wird: Das Ergebnis wirkt lebendiger.

Lange Einwirkzeiten sind – zumindest bei Culumnatura-Produkten – Geschichte. „Keine unserer Farben muss länger als 45 Minuten im Haar bleiben“, sagt Luger. Da die Anwendung Erfahrung verlange, verkauft der Niederösterreicher ausschließlich an Friseure, die bei ihm in der Akademie waren. In Deutschland sind das knapp 1700 Kunden, von den beinahe 500 Salons in Österreich weist der Shopfinder auf der Culumnatura- Website den Weg zu sieben Friseuren in Tirol.

Doch auch zuhause kann ein gutes Ergebnis erzielt werden. Im Vergleich zu einer lebenslangen Kontaktallergie klingt eine lange Einwirkzeit recht harmlos.