Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 21.02.2019


Wohnen

Hoch, höher, Holzhochhäuser

In Wien sind gestern die ersten Mieter in das höchste Holzhochhaus der Welt eingezogen. Der Rekord wird nicht lange halten. Immer höher sei aber nicht sinnvoll, sagt ein Experte.

Ein japanisches Holzunternehmen plant für ihr 350-Jahr-Firmenjubiläum in Tokio ein 350 Meter hohes Gebäude aus Holz. 2041 soll das 4,8 Milliarden Euro teure Projekt stehen.

© Sumitomo ForestryEin japanisches Holzunternehmen plant für ihr 350-Jahr-Firmenjubiläum in Tokio ein 350 Meter hohes Gebäude aus Holz. 2041 soll das 4,8 Milliarden Euro teure Projekt stehen.



Von Matthias Christler

Innsbruck, Wien – Der Baustoff Holz wächst über sich hinaus. Die 50-Meter-Grenze überragen seit einigen Jahren Häuser in Brisbane, Vancouver und Bergen. Das „HoHo“, das neue Holzhochhaus in Wien, wird sie alle in den Schatten stellen. Das 24-stöckige Gebäude ist 84 Meter hoch und im heurigen Frühjahr sollen die letzten Wände montiert werden. Die ersten Mieter sind gestern eingezogen.

Ob der Rekord, das höchste Holzhaus der Welt zu sein, lange hält, ist zu bezweifeln. Nördlich von Oslo entsteht derzeit der „Mjøsa Tower“, ein 85,4 Meter hoher Turm. „Der wird im März eingeweiht. Eigentlich wäre er nur 82 Meter geworden, aber man hat ihn mit einer Antenne nachgerüstet, damit er höher wird“, erklärt Michael Flach, Leiter des Holzbaulehrstuhls an der Universität Innsbruck. Beim Holzbau tue sich derzeit sehr viel. „Er ist schneller in die Höhe gegangen als erwartet.“ Deshalb überrascht ihn auch nicht der Plan von einem 350-Meter-Turm, der in Tokio im Jahr 2041 an den Wolken kratzen soll.

Das „HoHo“ in Wien (beim Bau) hat 24 Geschoße und ist 84 Meter hoch.
Das „HoHo“ in Wien (beim Bau) hat 24 Geschoße und ist 84 Meter hoch.
- Cetus

Vor allem in Japan, China oder Korea gebe es für hohe Holzbauwerke viele Vorläufer. „Es hat früher Pagoden gegeben, die waren 150 Meter hoch. Manche, die 60, 70 Meter hoch sind, stehen seit tausend Jahren“, sagt er. Große Brand-Katastrophen in Städten wie Chicago, London und Berlin haben die Bauweise mit dem natürlichen Material zurückgeworfen. Auch in Tirol seien nur vier- bis fünfgeschoßige Gebäude aus Holz wegen des Brandschutzes erlaubt, erklärt Flach. „Doch mit den heutigen Möglichkeiten, das können Sprinkleranlagen sein oder zusätzliche Evakuierungstreppen aus einem anderen Material, ist mehr möglich.“

Der „Mjøsa Tower“ in Norwegen war bei der Planung 80,2 m. Um den Rekord zu brechen, kommt er nach der Fertigstellung auf 85,4 Meter.
Der „Mjøsa Tower“ in Norwegen war bei der Planung 80,2 m. Um den Rekord zu brechen, kommt er nach der Fertigstellung auf 85,4 Meter.
- Voll Arkitekter

Das Thema beschäftigte vor dem Bau auch die Geschäftsführerin des „HoHo“, Caroline Palfy: „Ja, die heimischen Bauvorschriften sind streng, und das ist gut so, aber ich kenne die gute Tragfähigkeit von Holz – auch im Falle eines Brandes“, sagte sie. Nun steht das Leuchtturm-Projekt kurz vor der Fertigstellung. Eigentlich ist der Bau ein Hybrid. Drei Viertel des Gebäudes bestehen aus Holz, der Kern ist jedoch aus Beton.

Dass Holz- oder Hybridbauten derzeit einen Boom erleben, liegt an mehreren Gründen: Häuser aus Holz erzielen eine gute CO2-Bilanz, sie binden in Städten den Kohlenstoff. Einen weiteren Vorteil erklärt Flach: „In Städten wird es immer schwieriger, langwierige Baustellen abzuwickeln. Weil man die Holzelemente vorfertigen kann, verkürzt sich die Bauzeit.“ Ein Beispiel dafür ist ein zehnstöckiger Massivholzbau in London, für den das Tiroler Unternehmen binderholz alle tragenden Außenwände, die Zwischen- und Kernwände inklusive der Geschoßdecken vorgefertigt hat. „Dank des hohen Vorfertigungsgrades war die Errichtung des Großprojekts deutlich schneller möglich als vergleichsweise in Stahlbeton“, schreibt das Unternehmen in der Projektbeschreibung.

Die Tiroler Firma binderholz lieferte die Brettsperrholz-Wände für ein 2017 fertig gestelltes Gebäude in London.
Die Tiroler Firma binderholz lieferte die Brettsperrholz-Wände für ein 2017 fertig gestelltes Gebäude in London.
- binderholz

An der Uni Innsbruck forscht man daran, wie einzelne Holzelemente ideal verbunden werden. In dieser Verbindungsmitteltechnologie sei man weltweit führend, sagt Flach. Mit dem in Innsbruck entwickelten und weltweit patentierten Spider-Connector-System von Roland Maderebner können Lasten übertragen werden wie bei Beton, nur dass es leichter ist und schneller verbaut werden kann.

Weil die Wände vorgefertigt wurden, konnte das Projekt von binderholz schneller als in anderen Bauweisen errichtet werden.
Weil die Wände vorgefertigt wurden, konnte das Projekt von binderholz schneller als in anderen Bauweisen errichtet werden.
- binderholz

Eigentlich müsste das bedeuten, dass der Rekordjagd bei den Holzhochhäusern keine Grenzen gesetzt sind. Flach hält davon wenig. „Aufwand und Nutzen sollten zusammenpassen. Meiner Meinung nach werden in Zukunft Holzhäuser mit vier bis zehn Geschoßen ein vernünftiges Kostenverhältnis haben.“ Beim 350-Meter-Gebäude in Tokio rechnet man mit Baukosten von 4,8 Milliarden Euro. Das sind fast 14 Millionen Euro pro Meter Holzbauweise.