Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 30.03.2019


Bezirk Schwaz

Doggeln statt Highheels am Laufsteg

Die Musik ertönt, das Licht geht an, das erste Model betritt den Laufsteg der Pariser Fashion Show von Vivienne Westwood und Andreas Kronthaler. Doch das Model trägt keine Highheels, sondern Zillertaler Doggeln.

 Günter Hartl

© Fankhauser Günter Hartl



Von Eva-Maria Fankhauser

Stumm, Paris – Sie hatte es schon als Scherzanruf abgetan. Doch dann kam die Bestätigungs-Mail und Marion Hartl aus Stumm konnte ihren Augen nicht trauen. „Ich dachte, da pflanzt mich jemand, aber plötzlich wurde es real“, sagt sie im TT-Gespräch. Der Assistent des Designer-Paares Vivienne Westwood und Andreas Kronthaler hatte sich gemeldet. Sie wollten für ihre Fashion Show in Paris fünf Paar Zillertaler Doggeln.

„Dass einmal Zillertaler Doggeln von uns auf einem Laufsteg in Paris getragen werden – das hätten wir uns nie gedacht“, sagt Günter Hartl. Alle paar Tage meldete sich der Assistent, um die Details abzustimmen. Per Kurier trafen dann auch die Textilien für die Doggeln ein. „Das waren sehr spezielle Stoffe für uns – von Tweed, Brokat bis Samt und Seide. Das war dann schon eine große Herausforderung, daraus Doggeln herzustellen“, sagt Marion Hartl. Vor allem, da der Stoff sehr knapp bemessen war. Fehler waren da keine inkludiert. Sie und ihr Mann machten sich sofort an die Arbeit und auch ihre sechs Mitarbeiter waren eifrig dabei. „Es waren sehr ausgefallene Motive, teils im Afrika-Look. Aber das fanden wir richtig toll. Mal ganz was anderes. Es muss ja nicht immer brav sein, da konnten wir einmal was Verrücktes machen. Obwohl die Wünsche unserer Kunden ja auch oft ausgefallen sind“, sagt die Doggelmacherin.

Normalerweise werden Zillertaler Doggeln aus Loden und Walk gemacht. „Die Seide war besonders schwierig zu verarbeiten. Da braucht man schon länger als sonst“, sagt Marion Hartl. Vier bis fünf Stunden brauche man im Normalfall für ein Paar. Das habe für diese Exemplare aber nicht gereicht. „Meine Frau ist da exakt. Sie will, dass alles perfekt passt, wie sonst auch immer“, sagt Günter Hartl. Als die Doggeln dann beim Designer-Paar und den Stylisten ankamen, folgte der nächste überraschende Anruf. „Wir wollen mehr! Alle sind hin und weg von den Doggeln“, hieß es von Kronthalers Assistent. Zu diesem Zeitpunkt stand die Show aber kurz bevor. Nur noch zehn Tage blieben, um alles fertig zu bekommen. „Die Stoffe waren am nächsten Tag da. Alles ging rasend schnell“, schildert Marion. Doch Doggeln brauchen Zeit. Der Zuschnitt muss passen, alles muss sauber vernäht und versteppt werden. Es braucht Kraft und Fingerspitzengefühl zugleich. Dann muss auch der kunststofffreie Kleber trocknen, damit die Sohle sitzt.

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Mit einem Koffer voller Doggeln stiegen dann die beiden Töchter Katharina und Nadine in den Flieger und schafften es gerade noch rechtzeitig zur Show nach Paris.

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Etwa 2000 Paar Zillertaler Doggeln werden jährlich bei den Hartls in Stumm angefertigt. Doch diese zwölf Paar für die Modeschau zweier so bekannter Designer ist für die Doggelmacher etwas Besonderes. „Wir würden es sofort wieder machen, wenn eine Anfrage käme“, sind die beiden überzeugt. Es brauche wohl eine gehörige Portion Glück und Verrücktheit, dass so etwas zustande kommt, meint Marion Hartl.

Dass der gebürtige Zillertaler Andreas Kronthaler Hartl-Doggeln zu Hause trägt, das wussten die beiden. „Aber, dass er sie jemals für eine Show anfordern würde, das haben wir uns nicht erwartet“, sagt Günter Hartl. Daher hat er gleich zwei ganz persönliche Paare für Kronthaler und Westwood mitgemacht. „Wir haben eine Dankeskarte erhalten und wurden sogar nach London in ihr Studio eingeladen“, freut sich der Stummer. Er ist davon überzeugt, dass die beiden Designer irgendwann einmal in seinen Laden kommen.