Letztes Update am So, 14.04.2019 09:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Mailänder Möbelmesse: Tiroler Design fürs italienische Parkett

Die ganze Designwelt trifft sich diese Woche auf der Mailänder Möbelmesse. Dabei sind auch vier Tiroler Kreative und Unternehmer, die ihre eigenen Ansätze zur Schau stellen. Eine Reise durch die italienische Metropole inklusive eines Kurztreffens mit Leonardo da Vinci.

Lichtdesigner Walter Norz von Prolicht  hat Lichtarmaturen entworfen und ist damit auf die Designermesse in Mailand.

© Foto TT/Rudy De MoorLichtdesigner Walter Norz von Prolicht hat Lichtarmaturen entworfen und ist damit auf die Designermesse in Mailand.



Von Andrea Wieser

Brera, Navigli, Stazione Centrale, Rho-Fiera. Das alles sind Namen, die Designfans geläufig sind. Sie benennen Orte in und um Mailand. Die italienische Metropole ist heuer einmal mehr der Nabel der Möbelindus­trie. Von Dienstag bis heute Sonntag findet die Salone de Mobile statt, die wichtigste Designmesse der Welt. Über 400.000 Besucher zieht es zum 58. Mal in die Metropole. Sie besuchen die große Hauptmesse am Stadtrand in Rho und verteilen sich auf die vielen Ausstellungen und Events im Zentrum.

Dieses Jahr zum achten Mal mit dabei ist die Innsbrucker Designerin und Architektin Nina Mair. Im Gepäck hat sie „Gatsby“. Der Barwagen, der durch seine klaren Linien und schmalen Poportionen und dennoch durch eine massive Standfestigkeit besticht, lehnt sich an den glamourösen Lifestyle der 50er-Jahre an. Er erinnert an den legendären Roman von F. Scott Fitzgerald und den dort zur Kunstform erhobenen Lebensstil.

„Ich mache Sachen, die den alltäglichen Dingen einen anderen Wert geben.“ Andrea Baumann, 
Keramikerin.
„Ich mache Sachen, die den alltäglichen Dingen einen anderen Wert geben.“ Andrea Baumann, 
Keramikerin.
- Foto TT/Rudy De Moor

„Die Wohnung wird wieder mehr zum Rückzugsort, aber auch zum Parkett für Einladungen“, benennt Mair den aktuellen Zeitgeist. Der Barwagen zum stilvollen Empfang kommt da zum Entree gerade recht. Ein Jahr lang hat sie an „Gatsby“ gearbeitet. Und ein Zitat eingefügt. Das große Rad ohne Speichen erinnert an den Großmeister Alvar Aalto (1898–1976). Der finnische Architekt hat das Element das erste Mal eingesetzt. Mairs Modell 2019 ist ein Verweis auf den legendären Vordenker.

Ein Name, der eng mit der Designstadt Mailand verknüpft ist. Man hat sogar einen Platz nach ihm benannt. Nahe der Stazione Centrale, dem Hauptbahnhof von Mailand, findet sich heute der „Piazza Alvar Aalto“. Einen Steinwurf entfernt ist Mairs Design Bestandteil einer Ausstellung, die ebenfalls an der Stazione Centrale angesiedelt ist. Die Österreichische Wirtschaftskammer hat ihre Zelte in der Sala Reale, dem ehemaligen königlichen Warteraum am Zentralbahnhof aufgeschlagen.

Unter dem Titel „Austrian Design – Pleasure & Treasure“ stellen dort Österreichs Kreative aus. Inszeniert wurden die Räume vom deutsch-österreichischen Architektenduo Vasku & Klug, die die Besucher durch ein Schaumstoffbad zu den Exponaten waten lassen.

Zwölf Gehminuten entfernt stellt im Zuge der Salone del Mobile heuer das Südtiroler Möbellabel „Das ganze Leben“ aus.
Zwölf Gehminuten entfernt stellt im Zuge der Salone del Mobile heuer das Südtiroler Möbellabel „Das ganze Leben“ aus.
- dasganzeleben

Mairs Design ist nicht das einzige aus Tiroler Hand. Aus Neu-Götzens stammen die Leuchten „Snooker“ des Lampenherstellers Prolicht. Mit der Leuchte haben Unternehmer Walter Norz und sein Team einen ästhetischen Allrounder geschaffen. Die Pendelleuchte erinnert in ihrer Funktion an die alte Küchenlampe, die dank einem Gegengewicht per Handgriff höhenverstellbar war. Eine praktische Sache, die in Vergessenheit geraten ist. Optisch hat die Lampe jedoch wenig mit Omas Küche zu tun. Das Kabel verschwindet heute in der Decke, die dafür entwickelte Technologie nennt sich „Gravity Lift“. Bis zu eineinhalb Metern kann die Höhe verstellt werden. Im Bedarfsfall wird um drei Meter aufgerüstet. Das ist für den Küchentisch dann natürlich eher weniger gedacht wie etwa für die ADA-Universität in Baku, wo die Leuchte als Landkartenlichtinstallation eingesetzt wurde.

Gute Freunde fürs Leben

In der Gastronomie kommt die „Snooker“ gut an. Wer viele Tische verrückt, braucht mobile Hängeleuchten. Im Sala Reale stellt Norz heuer die neuen Farben der „Snooker“ vor. „Wir sind bewusst auf der Mailänder Möbelmesse mit dabei, weil wir das dekorative Segment unseres Unternehmens mehr ausbauen wollen“, sagt Norz.

Deswegen ist demnächst auch eine Kooperation mit Architektur-Star Matteo Thun angedacht. Ein weiterer Name, der aus Mailand nicht wegzudenken ist. Der Bozner Designer und Architekt Thun, Mit-Begründer der ästhetischen Bewegung Memphis-Design, kam als junger Mann in den 70er-Jahren in die Designmetropole. Heute hat er sein Atelier Thun & Partners mitten im Universitätsviertel Brera. Zwölf Gehminuten entfernt stellt im Zuge der Salone del Mobile heuer das Südtiroler Möbellabel „Das ganze Leben“ aus. Die Brunecker, die mit modularen Küchenmöbeln in den letzten Jahren erfolgreich von sich reden machten, sind mit Südtiroler Kollegen in einer Gemeinschaftsausstellung in der Via Palermo zu sehen. „Für uns ist es aus Marketing-Zwecken sehr wichtig, in Mailand auszustellen“, meint Gründer Lorenz Sternbach. Mit seinem Geschäftspartner Georg Agostini hat er eine Möbelmarke aufgebaut, die für einen neuen Zeitgeist steht. Sie richten sich an ein junges, mobiles, aber sehr wohl qualitätsbewusstes Publikum. „Uns geht es nicht darum, unsere Möbel protzig in den Vordergrund zu rücken, im Gegenteil. Sie lassen dem Bewohner den Vortritt, sind schnörkellos und passen sich gut neuen Bedingungen an.“ Um das zu unterstreichen, tragen ihre Möbel Namen wie Freunde. „Eva“ heißt die Küche, „Roland“ ist ein Rollcontainer.

Innsbrucker Designerin und Architektin Nina Mair
Innsbrucker Designerin und Architektin Nina Mair
- TT

Leonardo da Vinci am Wasser

Wer sich den Weg hinaus aus dem Gassenwerk in Brera bahnt und Richtung Westen wandert, erreicht Navigli. Ein Stadtteil, der aus einem System aus Kanälen und Wasserstraßen besteht. Heute ist die Gegend ein beliebtes Ausgehviertel. Vor rund 450 Jahren saß dort Leonardo da Vinci am Wasser und studierte die Kanäle. Er war fasziniert von dem System und ließ es in seine Bilder im wahrsten Sinne des Wortes einfließen. Zum 500. Todestag des Universalkünstlers ist anlässlich der Mailänder Möbelmesse genau dort die Installation „Wasser – Leonardos Vision“ zu sehen.

Es ist ein „architektonisches Implantat in Form einer Wasserfläche“, wie Künstler Marco Balich das nennt, an deren Ende ein großer LED-Bildschirm das Mailand der Zukunft zeigt. Es ist ein dreidimensionales multimediales Spektakel.

Ganz ohne digitale Spielereien kommt eine Keramikerin aus, die neben Mair und Norz auch im Sala Reale zu Gast ist. Andrea Baumann aus Sistrans stellt ihre Keramiken aus, die charmant mit den Kontrasten spielen. Außen ist ihre Teetasse matt und schwarz, fühlt sich fast ein wenig rau an. Das Innenleben hingegen strahlt in reinem Gold.

Ein Schluck aus solch einem Becher adelt das Getränk. „Tatsächlich ist es etwas anderes, aus einem goldenen Becher zu trinken“, bestätigt die Keramikerin. „Ich mache Sachen, die den alltäglichen Dingen einen anderen Wert geben.“ Und das mit großem Erfolg. Im letzten Jahr hat Baumann Porzellan bis nach China und Moskau verkauft. Ein Gastronom hatte alleine 400 Stück Teller und Teetassen bestellt. Produziert wurden sie in Handarbeit in Sistrans auf dem Bauernhof, wo Baumann zu Hause ist. Stück für Stück, in aller Ruhe, in einer Atmosphäre, die wenig gemein hat mit dem flirrenden Treiben der Mailänder Möbelmesse.

Aber morgen ist der Spuk dann sowieso wieder vorbei. Dann gehört Mailand wieder den Mailändern. Die Möbel treten die Heimreise an. Bis zum nächsten Jahr, wenn die neuen Designobjekte anrücken.