Letztes Update am So, 28.04.2019 14:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Neue Wohnträume in alten Ställen, drei Bauherren zeigen ihr Reich

Jahrzehntelang wurde Tirol flächenfressend zersiedelt. Dabei gibt es knapp 1000 alte Bauernhöfe im Land, die revitalisiert werden könnten. Wo früher Kühe standen, erfüllen sich heute Wohnträume – was drei Projekte belegen.

Harald Pohl schuf dieses Loft im Inneren eines 400 Jahre alten Stalls.

© Thomas Boehm / TTHarald Pohl schuf dieses Loft im Inneren eines 400 Jahre alten Stalls.



Wer Harald Pohl besucht, dürfte im ersten Moment irritiert sein. Wohnt der Ingenieur in einem 400 Jahre alten Stall? Das Holz der Fassade trägt die Spuren von Regen und Sonne. Tiefe Furchen ziehen sich durch die Bretter. Wer Spinnweben sucht, wird rasch fündig. Das alte Gebäude mag Charme haben, aber will man darin wohnen? Ja! Auf jeden Fall.

„Willkommen in Silz“, empfängt der 42-Jährige seine Gäste und geleitet sie ins Haus. Von Staub, Kuhstall und landwirtschaftlichen Geräten keine Spur. Stattdessen hat Pohl den früheren Stall zu einem 300-Quadratmeter-Loft umgebaut, in dem Geschichte mit Moderne verschmilzt. Man findet Whirlpool, Weinkeller und moderne Küche ebenso wie schwere Mahlsteine der früheren Mühle, die heute als Deko dienen.

Die dicken Holzsäulen, die Dach und Galerie stützen, sind gut 400 Jahre alt. „Wer genau schaut, sieht auf den Brettern römische Zahlen, mit denen Zimmerleute früher nummeriert haben, welche Teile verbunden werden“, sagt Pohl, während er via Smartphone das Licht im Raum dimmt. Die LED-Leisten, die unter dem Dach des acht Meter hohen Raums installiert sind, können nicht nur die Helligkeit, sondern auch die Farbe wechseln.

„Nachdem Verwandte die Landwirtschaft aufgegeben haben, sollte der Stall abgerissen werden. Nicht zuletzt wegen des undichten Dachs. Ich habe meiner Oma früher bei der Arbeit hier geholfen und hatte darum einen emotionalen Bezug zum Gebäude. Darum habe ich meinen Verwandten eine Hälfte des Hauses abgekauft und saniert“, erinnert sich Pohl.

Ein Jahr war für die Restaurierung veranschlagt. Ein etwas voreiliger Plan, denn allein vier Monate dauerte es, die Räume zu leeren. Neben alten Möbeln, abgetretenen Böden und Unrat galt es sogar, alte Traktoren auszumisten. Von Generationen an Spinnweben ganz zu schweigen. Zwei Jahre und viel Arbeit später konnte der Silzer endlich einziehen.

Initiativen wie diese begrüßt Peter Knapp. Der Architekt beschäftigt sich mit Revitalisierung und Bauforschung: „Das Dorfzentrum von Silz drohte auszusterben. Einerseits, weil immer mehr Bauernschaften aufgelassen wurden. Andererseits neigen gerade die Jungen dazu, Fertigteilhäuser in eines der neuen Siedlungsgebiete zu stellen. Ein Drittel der Häuser stand schon leer.“ Vom Land geförderte Programme, wie die Dorferneuerung, versuchen dieser Tendenz entgegenzuwirken.

Tiroler Kulturlandschaft

„Von der Sanierung alter Gebäude profitieren alle“, betont der Architekt. Das Dorf spart sich Investitionen wie Kanäle und Straßen. Kein neues Bauland wird vergeudet. Touristisch bleibt Tirol interessant, weil die ursprünglichen Häuser die Kulturlandschaft ausmachen. „Oder kennen Sie einen Touristen, der nach Tirol kommt, weil er mediterrane oder moderne Architektur sehen will?“, überspitzt Knapp ein wenig.

Zu guter Letzt profitieren auch die Bewohner sanierter Höfe: „Anfangs glauben viele das nicht, weil sie denken, sanieren sei teurer als ein Fertighaus.“ Das sei jedoch ein Trugschluss: „In Silz kenne ich den Fall zweier nebeneinander stehender Häuser. Der Besitzer des einen höhlte es aus, entfernte alles Alte und modernisierte. Der andere ging anders vor.“ In die alten Fenster passte der zweite Eigentümer neue Scheiben ein. Böden wurden abgeschliffen, Stiegen eingeölt. Auf Flohmärkten erstand der Silzer betagte Details wie eine Kupferbadewanne. „Da er vieles – wie Böden – nicht kaufen musste, war die Revitalisierung um einiges billiger“, sagt Knapp, der beide Projekte beratend begleitet hat.

Zudem werden Aktionen wie die­se oft gefördert: „Genaue Zahlen kann man nicht nennen.“ Die Summen, die Denkmalamt, Dorferneuerung und andere zuschießen, variieren je nach Nutzungszweck, Alter des Objekts, his­torischer Bedeutung u.a.m..

Diesbezüglich hatte Georg Praxmarer Glück. Der Koch entschied sich, einen der drei Ögg-Höfe – einem Häuserensemble auf 1600 Metern über Feichten im Kaunertal – zu revitalisieren: „Der Kostenvoranschlag lag bei 600.000 Euro. Das war mir zu viel. Im Endeffekt kostete die Sanierung 200.000 Euro. Die Differenz habe ich durch Zuschüsse und meine Arbeit eingespart.“ 6000 Arbeitsstunden investierte der frühere Hotelchef.

„Das war es wert. Ich wollte nicht zusehen, wie der Hof, in dem schon mein Großvater mit seinen 13 Geschwistern wohnte, zerfällt. Im Dorf unten ist der Großteil der alten Bausubstanz weg. Das Alte wird offenbar nicht mehr geschätzt. Dabei sind gerade diese Gebäude Juwelen.“

Mag sein. Doch bei der Arbeit an so einem 600 Jahre alten Juwel muss man sich so mancher Herausforderung stellen: „Der Dachboden war früher offen, sodass es hereinschneite. Als wir den Boden reinigen wollten, wurde rasch klar, dass darunter zehn Zentimeter dick Fledermauskot lag.“

Doch Praxmarer ließ sich nicht irritieren und schöpfte die aromatischen Hinterlassenschaften weg. Das nächste Problem war, dass der Bretterboden umso mehr stank, je mehr Wasser der Bauherr zum Säubern auftrug: „Also habe ich jedes Brett einzeln ausgebaut, gereinigt und wieder eingebaut. Alles auf einmal ging nicht, weil direkt an den Brettern, einen Stock tiefer, das Getäfel der Raumdecke montiert war.“

Heute bewohnt Praxmarer einen Teil seines Hofs, den anderen vermietet er als „Seminarhof 221“, wo moderne Akzente auf uriges Ambiente treffen. Die Besucher können etwa den Blick auf den Gletscher durch ein riesiges Panoramafenster genießen, während sie in einer der Bauernstuben tagen.

Weil die Ögg-Höfe unter Denkmalschutz stehen, stand Landeskonservator Walter Hauser dem Bauherrn beratend zur Seite. „Das war eine Riesen-Hilfe. Bei so einem Projekt braucht man Fachleute – wer sonst kann Fragen zum Brandschutz oder zu alten Baumaterialien beantworten“, sagt Praxmarer, der sein Haus mit Schafwolle gedämmt und die Ersatzteile für die Stromversorgung aus dem Jahr 1926 am Flohmarkt erstanden hat.

Für Hauser sind die Ögg-Höfe bedeutend, weil sie einer der wenigen verbliebenen historischen Weiler Tirols sind: „Deren Zahl hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre extrem reduziert.“ Es gibt zwar rund 1000 alte Höfe in Tirol, die man wunderbar herrichten könnte: „Aber oft steht unmittelbar daneben moderne Architektur oder ein ,Betonklotz‘. Zu alten Gebäuden muss auch das Umfeld passen. Die Landschaft. Das ist beim Ögg-Ensemble der Fall.“

Darum engagierte Hauser sich, Fördergelder zu lukrieren: „Wer einen Hof saniert, braucht Fachleute und alte Materialien. Da kann man nicht einfach zum Baumarkt fahren. Der Aufpreis, der teils notwenig ist, um den kulturellen Mehrwert zu erhalten, wird mit diesen Gel­dern abgefedert.“

Beim Wannerhof, einem 600 Jahre alten Hof bei Inzing, erzählt Besitzer Hannes Gastl, dass das Denkmalamt rund die Hälfte der Sanierungskosten für die Fenster übernommen hat: „Das war fast der gesamte Mehraufwand.“ Der Schlosser bewohnt die Wohnung im ersten Stock bereits: „Heuer arbeite ich an der Fassade. Die kann man nicht einfach weißeln. Bei der Arbeit finden wir immer wieder Malereien – wie kürzlich einen Reiter samt Pferd. Diese Rötelmalerei aus dem 17. Jahrhundert muss von Experten freigelegt werden.“

Das Streben nach Ruhe

Revitalisierung ist folglich nicht nur eine Frage des Geschmacks. Das betont Regina Norz, Bezirks- obfrau „Forum Land“: „Jahrelang wurde flächenfressend zersiedelt. Nun ist das Gegenteil gefragt, um den Bodenverbrauch zu reduzieren. Ein altes Bauernhaus muss kein nerven- und geldzehrendes Projekt sein.“ Im Gegenteil. Heute streben Menschen nach Ruhe: „Diesbezüglich eignet sich ein modernisierter Hof am Land bestens.“ Abseits der Stadt zu leben, sei aufgrund der zunehmenden digitalisierten Arbeitsplätze auch möglich. Nur eines muss klar sein: „Wer ein altes Gebäude revitalisiert, sollte seine Wasserwaage wegwerfen“, rät Pohl lachend. Im Loft des Silzers ist keine Wand gerade, kein Boden völlig eben: „Aber gerade das macht den Charme doch aus.“


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