Letztes Update am So, 09.06.2019 07:24

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Die Rückkehr der Zimmerpflanze, dank den „Plantfluencern“

Von wegen spießig: Influencer verpassen der Zimmerpflanze ein hippes Image und holen sie in die Wohnung zurück.

"Grün ist alles, was ich sehe."

© iStock"Grün ist alles, was ich sehe."



Von Theresa Mair

Die Ufo–Pflanzen sind schon auf der Fensterbank gelandet. Morgen kommt die Monstera nach. Immerhin wurde auf Instagram, dem sozialen Wohlfühlnetzwerk für schöne Bilder bereits vor geraumer Zeit der Monstera-Monday ausgerufen. Am Freitag gesellen sich dann noch unzählige Philodendren dazu. Es ist Philodendron-Friday. Je mehr Grün, desto besser. Willkommen in der Welt der „Plantfluencer“!

Diese besondere Spezies der Influencer wirbt auf Instagram nicht für Handtaschen oder Protein-Shakes. Sie prahlt mit etwas, das noch bis vor Kurzem allgemein als verstaubt, altmodisch und spießig galt: Zimmerpflanzen!

Garteln in der Wohnung

Nachdem die Kultpflanze der 70er, die Monstera, vor rund zwei Jahren ihr Comeback feierte, kommen nach und nach wieder mehr Topfpflanzen ins Wohnzimmer. Verantwortlich dafür ist nicht zuletzt der Instagram-Boom. Wer mit dem Trend gehen will, stellt sich Kakteen und Sukkulenten ins Regal. Die Wohnung wird mit Schwiegermutterzungen (Sansevieria), Glücksfedern (Zamioculcas) und eben Ufopflanzen zum kleinen Dschungel. Mit einem einsamen Gummibaum ist es da nicht mehr getan.

Die Monstera ist Kult. Das Fensterblatt war die Pflanze der 1970er und ist seit wenigen Jahren wieder zurück.
Die Monstera ist Kult. Das Fensterblatt war die Pflanze der 1970er und ist seit wenigen Jahren wieder zurück.
- iStockphoto

Wer garteln will, braucht keinen Garten mehr. Platznot ist keine Ausrede. Wenn der Boden voll gestellt ist, kommt eben die Vertikale dran: Magnetsysteme halten die Töpfe an der Wand, japanische Mooskugeln (Kokedama) und Blumenampeln baumeln von der Decke. Kreativität ist gefragt. Nicht nur, wenn es darum geht, den Töpfen Raum zu geben, sondern auch bei der Pflanze selbst: Getupft, gestreift und möglichst außergewöhnliche Blattformen sind erwünscht. Die Pflanzen sollen ja fotogen sein.

Für Andrea Mühlwisch, die sich mit ihrem Blumengeschäft in Wien auf Zimmerpflanzen spezialisiert hat, geht es weniger ums Foto, sondern mehr um die Liebe zur Pflanze. Enthusiastisch folgt sie „Plantfluencern“ wie der Wienerin @folia_folia oder dem Londoner @jamies_jungle, der es bereits zu einer gewissen Berühmtheit geschafft hat. Zimmerpflanzen seien zwischenzeitlich zwar uncool gewesen, man dürfe aber nicht glauben, dass sie komplett in der Versenkung verschwunden seien.

Jetzt zeigen sich die Freaks

„Es hat immer Pflanzenfreaks gegeben. Dank Instagram ist das Ganze jetzt öffentlich geworden. Früher ging man auf Raritätenbörsen, dann gab es Internetforen, in denen man sich austauschte.“ Ein richtig guter Plantfluencer zeige ein und dieselbe Pflanze in ihrer Entwicklung immer wieder. „Instagram ist toll, weil man viel sieht, aber man bekommt wenig Hilfestellung in puncto Pflege und Standort.“

Das spürt Mühlwisch auch in ihrem Laden. Immer öfter brächten Kunden Bilder von Pflanzen mit, die sie auch unbedingt haben möchten. „Es gibt die Pflanzenfreaks. Die sind nicht mehr ganz jung, so 30 bis 50, und betreiben das mit Leidenschaft und Eifer. Da geht es nicht so sehr um Mode. Dann gibt es auch die Leute, die das mitgekriegt haben und jetzt dabei sein wollen. Das sind die schwierigsten Kunden.“ Diese Trittbrettfahrer würden die Pflanze oft wie einen Wegwerfartikel behandeln, hätten kein Hintergrundwissen. Für Mühlwisch ist es ein Problem, wenn Pflanzen als Lebewesen einem gewissen Design untergeordnet werden. „Wenn das Licht nicht passt, die Pflanze nicht wachsen darf und man nur ein bestimmtes Eckerl in der Wohnung zur Verfügung hat, dann kriegt man das mit einer Kunststoffpflanze hin“, sagt sie. Einen solchen Kommentar könne sie sich manchmal nicht verkneifen. Doch es gebe auch noch die „ganz jungen Kunden, die jetzt damit anfangen und total begeistert sind, Zeit und Liebe investieren“. Immerhin wüssten viele über die wohltuende Wirkung des Pflanzengrüns Bescheid, auch, dass Zimmerpflanzen die Luftfeuchtigkeit im Raum erhöhen.

Der Trend zur lustigen Ufopflanze ist ungebrochen und für Plantfluencer ist die Pilea ein Must-have.
Der Trend zur lustigen Ufopflanze ist ungebrochen und für Plantfluencer ist die Pilea ein Must-have.
- iStockphoto

Die Zimmerpflanze des 21. Jahrhunderts muss aber auch pflegeleicht sein, wie der Innsbrucker Gärtner Christian Jägerbauer sagt. Erstens sei bei den heutigen Generationen vielfach der grüne Daumen verloren gegangen. „Und es hat auch keiner mehr die Zeit, sich den ganzen Tag um die Blumen zu kümmern. Wer drei Wochen in den Urlaub fährt, kann dem Nachbarn nicht eine aufwändige Pflanze zur Pflege geben.“

Einen „Plantfluencer“ hat der Obmann der Tiroler Gärtner noch nicht getroffen. Doch auch er merkt, dass das Interesse an Zimmerpflanzen seit ein paar Jahren wächst und die erhältliche Artenvielfalt der Pflanzen sei auch größer geworden. Jugendliche würden zwar eher noch bei Europas größtem Zimmerpflanzenhändler – ein bekannter schwedischer Möbelriese – Pflanzen kaufen und diese auch wie ein Möbel behandeln. Doch die Generation 25 plus sucht sich ihm zufolge vermehrt bewusst Pflanzen aus. „Die sollen bärig ausschauen und sind ein Designelement“, sagt Jägerbauer. Wer weiß, vielleicht garteln auch die Tiroler bald rund ums Jahr.

Wenn am Boden der Platz knapp wird, geht es hoch hinaus. Eingepackt in eine Mooskugel baumelt der Zierspargel von der Decke.
Wenn am Boden der Platz knapp wird, geht es hoch hinaus. Eingepackt in eine Mooskugel baumelt der Zierspargel von der Decke.
- flowercompany.at