Letztes Update am Di, 25.06.2019 09:26

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Mode macht Politik: Protestplakate auf den Leib geschneidert

Demonstrieren von der Kleiderstange aus: Die Mode wird mit zurechtgeschnittenen Botschaften wieder zunehmend politisch. Frauenrechte stehen derzeit im Fokus der Designer.

Maria Grazia Chiuri: Die Italienerin macht Mode für Dior.

© ALBERTO PIZZOLI / AFP / picturedMaria Grazia Chiuri: Die Italienerin macht Mode für Dior.



Von Deborah Darnhofer

Sie sind bunt, bekennen aber eindeutig Farbe. Sie treten still auf und doch schreien sie vieles laut heraus. Sie stehen für Themen, die etlichen Frauen derzeit unter den Nägeln brennen: für das Selbstbestimmungsrecht und einen weltweiten Zusammenschluss der Frauen, gegen schärfere Abtreibungsgesetze, für Feminismus und gerechte Geschlechterrollen.

Vivienne Westwood: Die Britin gilt als Punk-Ikone. Seit den 1970er-Jahren ist ihre Mode politisch.
Vivienne Westwood: Die Britin gilt als Punk-Ikone. Seit den 1970er-Jahren ist ihre Mode politisch.
- NIKLAS HALLE'N / AFP / picturede

Mit ihren Kleidern machen die Kreativen jetzt Politik. Dior-Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri hatte es 2017 mit einem weißen Shirt vorgemacht. Sie ließ den Spruch „We should all be feminists“ (zu Deutsch: „Wir sollten alle Feministen sein“) drucken. Punk-Legende Vivienne Westwood, Gucci-Chefdesigner Alessandro Michele und US-Modemacher Marc Jacobs engagieren sich ebenfalls seit Jahren. Ein Gedanke eint sie: Frauenrechte stärken. Das reicht so weit, dass eigene Initiativen gegründet werden, z. B. „Chime for Change“ von Gucci.

Designer Marc Jacobs tat sich gerade mit Miley Cyrus zusammen. Die US-Sängerin ließ sich nur mit Grapefruits bedeckt für einen pinken Kapuzenpullover ablichten. Der Verkaufserlös kommt der gemeinnützigen Organisation „Planned Parenthood“ zugute, die in den USA medizinische Dienste für Frauen, u. a. Schwangerschaftsabbrüche, anbietet. „Don’t fuck with my freedom“, zu Deutsch etwa: „Versau mir meine Freiheit nicht“, umrahmt das Nacktfoto. Die Zeile stammt aus ihrem aktuellen Lied „Mother’s Daughter“ und sichert der Sängerin mediale Aufmerksamkeit – auch eine Art der (Geschäfts-)Politik. Der 26-Jährigen geht es laut eigenen Angaben aber vor allem um den ernsten Hintergrund.

Alessandro Michele: Der Römer ist Kreativdirektor von Gucci. Heuer setzt er sich u. a. für Frauen ein.
Alessandro Michele: Der Römer ist Kreativdirektor von Gucci. Heuer setzt er sich u. a. für Frauen ein.
- DANIEL LEAL-OLIVAS / AFP

In den USA wollen sieben Bundesstaaten das Recht auf Abtreibung beschränken. Sie haben Mitte Mai verschärfte Gesetze vorgelegt, um Schwangerschaftsabbrüche nach wenigen Wochen zu verbieten. Noch ist keines der Gesetze in Kraft, Klagen wurden eingereicht. Widerstand regt sich und wird den Frauen auf den Leib geschneidert. So ließ Gucci-Kreativdirektor Alessandro Michele eine pink-orange Gebärmutter auf ein Kleid seiner neuen „Cruise 2020“-Kollektion sticken und präsentierte es Ende Mai in Rom. „Die Show ist eine Hymne auf die Freiheit“, sagte Michele und verweist auf die Mode der 1970er-Jahre, wo Proteste von Frauen eine tragende Rolle übernommen hatten.

Ab dieser Zeit provozierte und protestierte auch Modemacherin Vivienne Westwood in Großbritannien mit Punk-Mode – und tut es seitdem. Für den in London in Haft sitzenden Politikaktivisten und Wikileaks-Gründer Julian Assange schneiderte sie ebenso Shirts und ging auf die Straße wie für Abrüstung, Frauenrechte oder Maßnahmen gegen den Klimawandel. Sie vereint, was manchen schwerfällt: Ein stiller Protest lässt sich leicht tragen, sich mit Plakat auf die Straße zu wagen, ist aber eine andere Geschichte.

Designerin Vivienne Westwood ist für ihre politischen Statements bekannt.
Designerin Vivienne Westwood ist für ihre politischen Statements bekannt.
- APA/AFP/CHRIS RATCLIFFE